Die Ozeane versinken im Plastikmüll

Nachhaltige Brillen werden die Welt nicht verändern, aber die Menschen, die sie verkaufen oder tragen

Acht Millionen Tonnen Plastikmüll gelangen jedes Jahr in die Weltmeere. Für François van den Abeele ein unhaltbarer Zustand: Die Brillen seiner jungen Firma Sea2see werden aus 100 Prozent recyceltem Plastikmüll hergestellt, der aus dem Meer gefischt wurde.

Glaubt man der britischen Weltumseglerin Ellen MacArthur (www.ellenmacarthurfoundation.org), wird es 2050 mehr Plastik als Fische geben. Unglaubliche acht Millionen Tonnen des Materials gelangen jedes Jahr ins Meer – das entspricht mehr als 250 Kilogramm pro Sekunde. Einiges gelangt von Land über die Flüsse dorthin, anderes kommt direkt von den Schiffen. Dabei noch nicht eingerechnet sind die nicht sichtbaren Kunststoffe, die z. B. in Zahnpasta oder Cremes und vielen anderen Produkten enthalten sind.

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13 Prozent der gesamten Plastikkontamination des Ozeans wird durch „Geisterfischerei“ verursacht, das sind Fischernetze (aus einem der stärksten, nicht biologisch abbaubaren Kunststoffe), die verloren gehen, verlassen oder von Fischern auf See entsorgt werden und Abfallinseln und -strudel bilden, die Hunderttausende von Meeressäugern und Fischen töten.

Im Juli 2016 wollte Van den Abeele nicht mehr zuschauen; der Vater zweier Töchter gründete das Unternehmen mit dem bezeichnenden Namen Sea2See und produziert seither Sonnenbrillen und Korrektionsfassungen aus recycelten Plastikabfällen: „Wir sammeln fast eine Tonne täglich an verlassenen Netzen, Seilen und Plastik. Fischergemeinden arbeiten zusammen und legen Plastikmüll in mehr als 120 Containern in 30 Häfen Spaniens ab.“ Die Fischer seien hoch motiviert, um ihr schlechtes Image als Meeresverschmutzer zu verbessern. Ein Prozentsatz des Umsatzes von Sea2see gehe an Umweltorganisationen zurück.

François van den Abeele, der schon als Schiffsmakler, Reporter und Dokumentarfilmproduzent in der Weltgeschichte unterwegs war, ist überzeugt, dass Verbraucher immer umweltbewusster werden: Mit Brillen hatte der studierte Betriebswirtschaftler vorher nichts zu tun, aber die Verbindung zu Meer, Sonne, Style und Mode lag für ihn nahe.

Inzwischen sind die Sea2see-Brillen in Spanien, Italien, den Niederlanden und Belgien erhältlich. Verhandlungen mit australischen und US-amerikanischen Distributoren laufen. Der 45-Jährige plant weitere Modelle fürs Skifahren, Snowboarden und andere Action-Sportarten. Außerdem will er den „Sammel-Bereich“ für den Plastikmüll über Spanien hinaus ausweiten: auf den Senegal und die dortigen Fischer.


Woher kommt Ihr Engagement für die Rettung der Ozeane?

François van den Abeele: Ich lebe leidenschaftlich gern am Meer und gehe Segeln, Surfen und Schwimmen. Ich empfinde großen Respekt für diese Kraft der Elemente. Es ist nicht nur der Ozean, sondern die Natur im Allgemeinen – dort lade ich meine Batterien auf!

Von Beginn an verfolge ich das „Ocean Clean-up“-Projekt (www.theoceancleanup.com) und dachte, dass mehr getan werden müsste, um ein Produkt zu schaffen, das Bewusstsein für das Thema Plastikmüll im Meer schärfen könnte. 2050 wird es im Ozean mehr Plastik als Fische geben! Ist es nicht Zeit, etwas zu tun? Mode ist nach Öl und Gas die am stärksten verschmutzende Industrie, dennoch arbeitet hier kaum jemand nachhaltig.

Wäre es nicht sinnvoller, statt Recycling weniger Kunststoffprodukte zu produzieren, wie es auch Greenpeace und BUND sehen?

Ich stimme voll und ganz zu, dass wir die Verwendung von vielen Kunststoffen, insbesondere von Einwegkunststoffen, kontrollieren, begrenzen oder verbieten müssen. Aber wir haben keine Kontrolle darüber, und deshalb glaube ich, dass der beste Weg derzeit darin besteht, den Verbrauchern alternative Produkte zu bieten. Wir wollen die erste Generation von recycelten Produkten herstellen, die mit exakt der Qualität, dem Design und den technischen Eigenschaften der besten, nicht recycelten Produkte Schritt halten. Es ist nicht notwendig, die natürlichen Ressourcen unserer Welt zu verschwenden.

Wie sorgen Sie dafür, dass weniger Müll in die Ozeane gelangt?

Wir arbeiten mit Fischergemeinden zusammen und haben Sammel-Container aufgestellt. Heute sammeln, trennen und selektieren wir mehr als eine Tonne Plastikabfälle pro Tag und vermeiden so, dass Müll im Ozean oder auf Landflächen landet. Gegenwärtig arbeiten wir in spanischen Häfen und stehen in Gesprächen mit Entwicklungsländern, um unser Aktionsfeld zu erweitern und die direkten sozialen Auswirkungen auf die Fischerei- und Küstengemeinden zu erhöhen, indem wir sie über Plastikkontaminationen aufklären, aber auch finanzielle Anreize für sie schaffen, die Plastikabfälle zu sammeln.

Unterscheidet sich Recycling-Kunststoff bei der Brillen-Herstellung, werden zusätzliche Chemikalien eingesetzt?

Der Herstellungsprozess dauert insgesamt länger, da wir an der Sammlung von Kunststoffabfällen in den Häfen beteiligt sind und der Upcycling-Prozess des Abfalls langwierig ist. Der Auswahlprozess erfolgt per Hand und bestimmtem Sortier-Schlüssel, um einen homogenen Rohstoff zu erhalten, der recycelt werden kann. Bei der Herstellung unserer Pellets verwenden wir keine Chemikalien, unsere Brillenfassungen bestehen zu 100 Prozent aus recycelten Rohstoffen. Sobald der Kunststoff recycelt ist, schicken wir die Pellets nach Italien, wo die Brillen komplett von einem der renommiertesten Brillenhersteller gefertigt werden.

Wie schätzen Sie das Potenzial in den Märkten Europas und weltweit ein?

Wir verkaufen in verschiedene europäische Länder, aber nicht alle Länder haben die gleiche Sensibilität für die Umwelt. Die Deutschen sind sehr sensibel für Umwelt- und Recyclingfragen und hier seit Jahrzehnten tätig. Unser Ziel ist es, deutsche Distributoren zu finden, die unsere Werte teilen und bereit sind, den Weg für eine nachhaltige Veränderung im optischen Markt zu ebnen.

Sie sind in den sozialen Netzwerken zum Thema Plastikmüll aktiv.

Wir setzen auf ein modisches Accessoire, die Brille, die Menschen mit Stolz tragen können. Ich appelliere an alle, aber im Moment sind die Augenoptiker unsere Vermittler, um unsere Kunden zu erreichen. Persönlich engagiere ich mich zusätzlich, ich halte Vorträge in Universitäten oder Unternehmen über die positiven Auswirkungen von z. B. nachhaltigem Wirtschaften. Wir verkaufen keine Brillen, sondern ein Statement. Unsere Produkte machen Optiker und Brillenträger zum Teil einer nachhaltigen Bewegung. Nachhaltige Brillen werden die Welt nicht verändern, aber Menschen, die sie verkaufen oder tragen, tun es.

Danke für das interessante Interview, Herr van den Abeele!

||| PE

 

Mehr Informationen zu Sea2See Fassungen unter: www.sea2see.org

 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Sehr guter Bericht #tauchsportdemmel

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  2. A really interesting article , long live
    Sea2see See

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