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Drei neue Herausforderer auf dem Prüfstand

Update zum „Härtetest“ der Screening-Systeme

Das Testfeld der optometrischen Screening-Systeme wächst und bringt weiter neue Philosophien in den bereits vielschichtigen Markt ein. In Mirantus Health, Optik Consulting (Eyetelligence) und TelemedC treten seit geraumer Zeit drei zusätzliche Akteure an, die das Spannungsfeld zwischen Künstlicher Intelligenz und fachärztlicher Expertise weiter ausreizen. Während der erste eyebizz-Vergleich in Ausgabe 1.2026 bereits zeigte, wie stark die Ergebnisse zwischen Systemen wie zum Beispiel Ocumeda und Retinalyze divergieren können, bestätigen die „Neuzugänge“ diesen Trend und setzen zugleich neue Akzente in der ganzheitlichen Betrachtung der Patientengesundheit.

Screening Test Streuung Empfehlungen Thorsten Boss
Quelle: Optikstrategie.de

Medizinische Tiefe und systemischer Weitblick

In der Kategorie „Technik & Daten“ zeigt sich bei den Dreien eine interessante Spreizung. Mirantus Health positioniert sich ähnlich wie Ocumeda als umfassender telemedizinischer Dienstleister, geht aber technologisch noch einen Schritt weiter. Ein wesentliches Feature im Mirantus-Bericht ist die Integration des vorderen Augenabschnitts unter Verwendung hochauflösender Spaltlampenbilder. Damit deckt der Anbieter neben der Netzhaut- und Papillenanalyse auch Strukturen wie Hornhaut, Iris und Linse ab, was beispielsweise die Dokumentation eines Grauen Stars (Katarakt) ermöglicht. In Kombination mit der Erfassung von Visus und Augeninnendruck folgen die Berliner konsequent dem Pfad einer klassischen klinischen Dokumentation und stellen dem Anwender ein fachärztlich validiertes Dokument zur Verfügung, das eine Brücke zwischen Optometrie und Ophthalmologie schlägt.

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Der Dienst agiert dabei nicht ausschließlich stationär: Mobile Einheiten, sogenannte Augenmobile, ermöglichen Screenings direkt in Pflegeeinrichtungen und damit auch bei eingeschränkter Mobilität der Patienten – das erweitert den Versorgungsradius erheblich. Als Telemedizin-Plattform ist Mirantus grundsätzlich kameraflexibel, entscheidend sind die technischen Mindestanforderungen an Bildqualität und Auflösung, nicht ein bestimmtes Gerätemodell.

Erweiterter Horizont

Einen technologisch anderen Weg schlägt Pank + Sebold (Optik Consulting) mit der Software Eyetelligence Assure Plus ein. Während sich die meisten Systeme auf die klassischen Indikationen Glaukom, AMD und diabetische Retinopathie beschränken, erweitert dieses System den Horizont um eine systemische Komponente: das kardiovaskuläre Risiko. Über die computergestützte Analyse der Netzhautgefäße wird ein Zehnjahres-Risiko für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ASCVD) berechnet. Dieser Ansatz transformiert das rein ophthalmologische Screening in ein präventivmedizinisches Tool, das die Rolle des Auges als Fenster zum Gefäßsystem des gesamten Körpers nutzt.

Methodisch basiert der KARDIO-Score auf dem WHO-ASCVD-Risikorechner und ist für Personen zwischen 40 und 80 Jahren validiert – außerhalb dieses Korridors verliert die Berechnung an Belastbarkeit. Die Risikoklassen sind klar definiert: unter 10 Prozent gilt als gering, 10 bis 20 Prozent als intermediär, über 20 Prozent bedeutet hoch. Ergänzend liefert das System einen geschlechtsspezifisch normierten „Kardiovaskulären Gesundheitsstand“ – ein Relativmaß auf Basis der UK Biobank, das zeigt, wie das eigene Gefäßsystem im Vergleich zu Gleichaltrigen desselben Geschlechts abschneidet.

Wichtig für die Praxis: Optik Consulting tritt nicht als Gerätehersteller auf, sondern als reiner Software-Anbieter. Die Eyetelligence-Software lässt sich in vorhandene Geräteinfrastrukturen integrieren. Bei Pank + Sebold kommt hierfür bevorzugt die MediWorks FC162 zum Einsatz, eine non-mydriatische Funduskamera mit 50 0 Sichtfeld und 15 Megapixel Auflösung. Es seien jedoch auch andere kompatible Geräte möglich, heißt es.

Automatisierte Detektion

TelemedC wiederum fokussiert sich technisch stark auf die automatisierte Detektion, insbesondere im Bereich der diabetischen Retinopathie, bietet aber – ähnlich wie iCare ILLUME – eine schnelle, KI-basierte Sofortauswertung, die durch einen zusätzlichen Review-Prozess durch Spezialisten ergänzt wird. Das Unternehmen ist international verankert und im angelsächsischen Markt bereits fest etabliert – mit einer entsprechend breiten Validierungsdatenbasis. TelemedC arbeitet ebenfalls kameraflexibel: Entscheidend sind auch hier die technischen Mindestanforderungen an Bildqualität und Auflösung – ein fest vorgeschriebenes Gerätemodell gibt es nicht, auch wenn der Anbieter eine kostengünstige Funduskamera anbietet.

Analytische Divergenz setzt sich fort

Betrachtet man die inhaltliche Interpretation des Fallbeispiels des Autors, so zeigt sich erneut die bereits zu Jahresbeginn bei den anderen Systemen kritisierte Diskrepanz zwischen den Lösungen. Mirantus Health liefert einen sehr präzisen Befund: Die fachärztliche Auswertung identifiziert „leichte Auffälligkeiten an den Sehnervenköpfen“ und rät aufgrund der vorliegenden Myopie zu einer zeitnahen augenärztlichen Abklärung innerhalb von drei bis sechs Monaten. Auch TelemedC schlägt beim linken Auge Alarm und sieht einen Verdacht auf Glaukom, der eine Untersuchung innerhalb eines halben Jahres erfordere.

Im Gegensatz dazu steht die KI-Analyse von Eyetelligence, die für beide Augen „geringes Risiko“ für ein Glaukom bescheinigt. Damit steht der Tester erneut vor dem Dilemma, das wir bereits bei iCare (Warnung) vs. Retinalyze (Entwarnung) beobachtet hatten. Während die ärztlich geführten Systeme wie Mirantus (analog zu Ocumeda) zur Vorsicht neigen und morphologische Feinheiten des Sehnervs stärker gewichten, setzen rein algorithmische Auswertungen die Schwelle für eine „Auffälligkeit“ offensichtlich anders an. Kritisch zu hinterfragen bleibt hierbei, ob die KI-Systeme die myopiebedingten Besonderheiten der Papille korrekt als Risiko oder als harmlose anatomische Variante interpretieren.

Compliance und Standards: Die ZVA-Richtlinie als Korrektiv

Hinsichtlich der Erfüllung der Arbeits- und Qualitätsrichtlinien (AQRL 2024) des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen (ZVA) agiert Mirantus durch die Einbeziehung von Anamnese, Visus, Tonometrie und nun auch der Spaltlampen-Dokumentation vorbildlich. Der Bericht ist keine isolierte Bildanalyse, sondern eine fachliche Stellungnahme, die den ganzheitlichen Anspruch des optometrischen Screenings wahrt.

TelemedC und Optik Consulting sind primär als hochspezialisierte Bildanalysetools konzipiert. Hier liegt die Verantwortung für die Einhaltung der ZVA-Standards – insbesondere der ausführlichen Anamnese – stärker beim ausführenden Augenoptiker vor Ort. Die Berichte selbst sind eher als spezialisierte Befundmodule zu verstehen, die eine spezifische Fragestellung beantworten, aber nicht den gesamten optometrischen Prozess eigenständig abbilden.

Fazit zu den Systemen

Auch der erweiterte Testdurchlauf bestätigt, was sich im ersten Teil bereits abzeichnete: Eine einheitliche Wahrheit gibt es in der automatisierten Befundung nicht – die Diskrepanz beim Glaukom-Verdacht bleibt das kritische Nadelöhr des gesamten Marktes.

Screening Daten-Dilemma: Vergleich der Anbieter von Thorsten Boss
Quelle: Optikstrategie.de

Was die drei Nachzügler zusätzlich zeigen: Das Feld wird breiter, nicht enger. Mirantus Health setzt konsequent auf medizinische Tiefe: Spaltlampe, Tonometrie, fachärztliche Validierung, auf Wunsch auch mobil. Pank + Sebold (Optik Consulting) mit Eyetelligence verlässt das rein ophthalmologische Terrain und macht die Netzhaut zum Fenster für kardiovaskuläre Prävention. TelemedC setzt auf internationale Erfahrung und schlanke KI-Effizienz – ohne Bindung an ein bestimmtes Kameramodell.

Die Wahl des Systems ist damit weniger eine technische als eine strategische Entscheidung: Geht es um ärztliche Telemedizin mit maximalem Dokumentationsumfang? Dann steht Mirantus ganz vorne. Soll die Netzhaut auch als Indikator für systemische Gesundheitsrisiken dienen? Dann liefert Eyetelligence den entscheidenden Mehrwert. Und wer auf eine schlanke, etablierte KI-Lösung mit internationaler Datenbasis setzt, findet in TelemedC eine pragmatische und fokussierte Antwort. Der Markt hat geliefert: Technik, Tiefe und klare Philosophien stehen bereit. Was jetzt noch fehlt, ist das Bekenntnis des Augenoptikers, Screening nicht als Zusatzleistung zu verstehen, sondern als professionelle Strategie.

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Anbieter-Update: Was hat sich seit dem Vergleich getan?

Der Selbsttest von eyebizz-Autor Thorsten Boss in der eyebizz 1.2026 und dieser Ausgabe dient nur zur Orientierung und lässt auch Fragen offen. Zumal die Zeit nicht stillsteht und die anderen Anbieter seit dem ersten Test ihre Systeme bereits wieder weiterentwickelt haben. Wir haben sie nach ihren Updates gefragt, das kam dabei heraus: Seit dem Ursprungsvergleich (Stand Juli bis Oktober 2025) haben sich alle sechs getesteten Anbieter zurückgemeldet. Berücksichtigt wird im Folgenden nur, was sich tatsächlich vom damaligen Stand unterscheidet; reine Marketingformulierungen oder Wiederholungen bekannter Eigenschaften wurden weggelassen.

epitop

Epitop war auch im Ursprungstest bereits hybrid aufgestellt, mit Quick Check und ärztlichem Dossier als zwei Berichtsformen; das ging aus der damaligen Beschreibung aber nicht klar genug hervor. Neu sind dagegen Schnittstellen zur Geräte- und Anbieterintegration sowie eine Online-Anamnese mit Terminbuchung, die den Ablauf am POS verkürzen sollen.

Die größte konzeptionelle Neuerung ist Deep Vision AI. Das Modul geht von der Beobachtung aus, dass ein unauffälliger Fundusbefund nichts über die tatsächliche Sehleistung aussagt: Bluthochdruck oder erhöhte Blutzuckerwerte können die Netzhaut belasten, ohne im Bild sichtbar zu werden. Aus Netzhautbild, Anamnese und Sehprofil leitet das System eine Einschätzung der funktionellen Reserve ab und empfiehlt darauf abgestimmte Glasdesigns.

bon Optic – iCare ILLume

Im Zentrum von iCare Illume steht icare Connect: Der Dienst ermöglicht eine direkte Überweisung an regionale Ophthalmologen. Der KI-Report wird dabei über das Cloud-System unmittelbar übermittelt, sodass der Augenarzt eigenständig entscheiden kann, wann er den Patienten zu sich einbestellt.

Ergänzend dazu bietet Bon begleitende Seminare mit Petra Lindner an, in denen der praxisnahe Umgang mit DRSplus und Illume vermittelt wird.

OCUMEDA

Mit dem Augen-Check-Up Plus bezieht Ocumeda jetzt auch den vorderen Augenabschnitt auf Basis einer Vorderabschnitts-Übersichtsaufnahme in die ärztliche Befundung ein. Lider, Bindehaut, Hornhaut, Iris und Linse werden einzeln bewertet, wodurch sich etwa Linsentrübungen oder Lidfehlstellungen dokumentieren lassen, was im Ursprungstest noch nicht möglich war.

Neu ist außerdem das Care Network: Der Befundbericht enthält künftig einen Zugangscode, über den der weiterbehandelnde Augenarzt die Originalbilder direkt im Portal einsehen kann, ohne Umweg über den Patienten. Die Arztsuche selbst ist in den digitalen Bericht eingebettet, so dass die Weiterleitung ohne Medienbruch erfolgen kann.

RetinaLyze

Retinalyze weist zu Recht darauf hin, dass die Einordnung als reine KI-Lösung im Ursprungsbericht zu kurz griff: Telemedizinische und algorithmische Befundung lassen sich seit jeher kombinieren, auch wenn damals nur die OCT-Option erwähnt wurde.

Tatsächlich neu, weil erst nach dem Testzeitraum veröffentlicht, ist die 3D-Darstellung der Sehnervkopfmorphologie. Aus einem gewöhnlichen Fundusbild errechnet das System anhand der Hämoglobinverteilung eine dreidimensionale Rekonstruktion des Sehnervkopfs, die in ihrer Aussagekraft an OCT-Messungen heranreichen soll. Für ein Testfeld, in dem die Glaukombeurteilung bislang die größte Streuung zeigte, ist das ein nachvollziehbarer und potenziell wertvoller Schritt.

SKLEO

Skleo korrigiert eine Formulierung aus dem Ursprungstest: Von einer bloßen Plausibilisierung der KI durch den Arzt könne keine Rede sein, tatsächlich beurteile der Arzt jeden auffälligen Fall eigenständig.

Neu ist unzweifelhaft das Ärztenetzwerk von rund 550 Ärzten, über das sich bei Auffälligkeiten zeitnah ein Termin vermitteln lässt, wenn auch regional noch nicht flächendeckend. Auch dass der befundende Arzt/Ärztin künftig namentlich im Bericht erscheint, ist eine erkennbare Neuerung.

VISIONIX

Visionix kommuniziert nun eine ärztliche Befundung innerhalb von 48 Stunden, ein Punkt, der im Ursprungstest fehlte, da das System dort ausschließlich als KI-Lösung auftrat. Damit verschiebt sich das Selbstverständnis des Systems: weg vom reinen Auswertungstool hin zu einer Plattform kombiniert mit ärztlicher Komponente.

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Hinweis: Berücksichtigt wurden ausschließlich Angaben der Anbieter selbst, eine unabhängige Prüfung gab es nicht. Redaktionsschluss: Juni 2026.


 

Thorsten Boss
Foto: Optikstrategie.de

Thorsten Boss setzt sich als Augenoptiker-Meister und Betriebswirt mit langjähriger Erfahrung in unserer Branche seit vielen Jahren mit dem Thema „Screening“ auseinander.

 

Artikel aus der eyebizz 4.2026 (Juli/August)