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OHI-Kongress in Wien

Myopie-Management: Mehr als nur ein Hype

Über 140 Augenoptiker*innen, Augenärzte, Optometristen und Orthoptisten kamen am 11. Juni in den Dach-Saal der Wiener Urania, um sich über aktuelle Strategien im Myopie-Management zu informieren. Beim ersten österreichischen Myopie-Kongress, organisiert von der OHI, präsentierten zwölf Unternehmen ihre Lösungen und Produkte, die intensiv diskutiert wurden.

OHI Myopie-Management Kongress 2022 - Auditorium
Erfolgreicher erster Myopie-Management-Kongress der OHI in Wien

Die Organisatoren Harald Belyus und Walter Gutstein von der OHI („Optometrie & Hörakustik Initiative“) erkannten die Zeichen der Zeit, stellten ein innovatives Event auf die Beine. Trotz strahlendem Sonnenschein und stahlblauem Himmel war der Plenarsaal der Wiener Urania, einem der spektakulärsten Tagungsorte der österreichischen Hauptstadt, bis zum letzten Platz gefüllt. Die Tatsache, dass sich die progressive Myopie auch in unseren Breitengraden verbreitet, hat viele engagierte Branchenleute auf den Plan gerufen. In Österreich ist das keine Selbstverständlichkeit, klagen Organisatoren von Fortbildungs-Veranstaltungen doch immer wieder über mangelndes Interesse.

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Die Entwicklung progressiver Kurzsichtigkeit hat Studien zufolge einerseits genetische Ursachen, wird andererseits aber auch durch Umweltfaktoren beeinflusst. So stellt die zunehmende Naharbeit vor Bildschirmen und Smartphones, nebst zu wenig verbrachter Zeit im Freien, einen weiteren Auslöser dar. Die Folgen und Risken sind bekannt: Myopische Makuladegeneration, Netzhautablösung, Glaukom und Katarakt.

Lösungen der Brillenglas-Industrie

Optische Methoden zeigen, wie viele kleine, in das Brillenglas eingebaute Mikrolinsen einen positiven Effekt bei der Verringerung einer zunehmenden Myopie haben. Dazu berichtete der Schweizer Optometrist Martin Lörtscher über eine randomisierte, klinische Studie mit 157 Kindern, die über einen Zeitraum von zwei Jahren lief.

OHI Myopie-Management Kongress 2022 - Industriepartner
Myopie-Kongress 2022 – die Industriepartner

„Dank der H.A.L.T.-Technologie verlangsamen Essilor-Stellest-Brillengläser im direkten Vergleich zu Einstärkengläsern das Fortschreiten einer Myopie bei Kindern um durchschnittlich 67 Prozent hinsichtlich der refraktiven Werte. Die Zunahme der Achslänge konnte im Vergleich zu Einstärkengläsern um durchschnittlich 0,41 Millimeter reduziert werden, wenn die Gläser zwölf Stunden am Tag getragen werden“, so Lörtscher.


„Die Entwicklung im Myopie-Management ist rasant. Wurden vor gut einem Jahr die ersten Myopie-Brillengläser im deutschsprachigen Raum präsentiert, gibt es mittlerweile schon drei Anbieter dafür.“


Glashersteller Hoya, vertreten durch den Geschäftsführer Österreichs Christian Zsidek, präsentierte das Dims-Konzept, das 396 Defokus-Segmente mit jeweils einem Millimeter Durchmesser und einer +3,50-Dioptrien-Wirkung beinhaltet. Jedes dieser Segmente ist von seinem Zentrum zum nächsten 1,5 Millimeter entfernt. „In einer zweijährigen Doppelblind-Studie wurde anhand 183 chinesischer Kinder nachgewiesen, dass beim Tragen von Miosmart-Brillengläsern die refraktive Steigerung einer progressiven Myopie um 60 Prozent geringer ausfällt als mit herkömmlichen Einstärkengläsern. Auch beim damit einhergehenden Anstieg der Augenbaulänge ist die Verringerung beim Tragen der Gläser ebenfalls um 60 Prozent geringer ausgefallen“, so Zsidek.

Mareike Noé, Marketingmanagerin von Visall, stellte das Myoslow-Konzept vor, das auf den vier Säulen Anamnese, Refraktion inklusive einer Binokularprüfung, einem Preference-Test zur Klassifikation und einem Strategiegespräch beruht. Auf den nicht zu unterschätzenden Einflussfaktor Outdoor-Indoor-Zeiten im Zusammenhang mit einer fortschreitenden Myopie erinnerte sie mit gelungenen, plakativen Darstellungen. Ihr Ratschlag: „Gründen Sie ein Myopie-Netzwerk in Ihrer Umgebung. Integrieren Sie dazu Augenärzte, Orthoptisten, Kinderärzte, Augenkliniken, Lehrer, Kindergärtner, den schulpsychologischen Dienst und Ergotherapeuten.“ Eine Idee, die auf viele offene Ohren stieß.

Umtriebige Kontaktlinsen-Hersteller

Torven Ziehmer, Leitung Professional Services und Kundenmanagement bei Wöhlk, berichtete über eine hauseigene Innovation: „Die Kontaktlinse Wöhlk Oke ist mit einer zusätzlichen Relief-Zone versehen, die eine Beschleunigung und Verbesserung des orthokeratologischen Effektes bewirkt. Das adaptive Design der Kontaktlinse ist sehr effizient bei der Verlangsamung einer zunehmenden Myopie.“

Julia Elhariri und Stefanie Karatas von SwissLens informierten über das zertifizierte „Relax“-System aus ihrem Haus, das in verschiedenen Variationen, sowohl als individuelle sphärische und torische Weichlinsen im 3- und 6-Monats-Tausch, als formstabile Kontaktlinse und auch unter dem Namen „NightFlex“ als Ortho-K-Variante erhältlich ist.

OHI Myopie-Management Kongress 2022 - Stefanie Karatas und Julia Elhariri von SwissLens
Myopie-Kongress 2022 – Stefanie Karatas und Julia Elhariri von SwissLens

„Unsere Datenanalyse auf Basis von 11.669 Kontaktlinsen weist unserer Orbis-Relax-Kontaktlinse in über 79 Prozent der Fälle ein maximales Ansteigen der progressiven Myopie von nur -0,25 Dioptrien aus“, berichtete Vertriebsleiterin Julia Elhariri. Hinsichtlich der Anpassung der Orthokeratologie-Kontaktlinse „NightFlex“ konnte Stefanie Karatas auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Gleich beim Eintritt ins Unternehmen hatte sie die „NightFlex“-Kontaktlinsen an sich selbst ausprobiert. „Wir produzieren mittlerweile über 25.000 NightFlex-Kontaktlinsen pro Jahr“, so Karatas.

Daniel Eckstein, Professional Affairs DACH von Galifa, stellte fürs Myopie-Management weiche, formstabile und Ortho-K-Kontaktlinsen vor. Bei den konventionellen Kontaktlinsen wird das Scalia-2-Profil eingesetzt. Die Ortho-K-Kontaktlinse Luna ist eine Alternative dazu. „Mit dem Online-Tool SmartFit soft ist die Bestellung und Konfiguration weicher Kontaktlinsen einfach und effizient“, versprach er im Zuge seines Vergleichs der Auswahlkriterien für eine Anpassung mittels der Orthokeratologie-Kontaktlinse Luna gegenüber konventionellen Kontaktlinsen mit einem Scalia-2-Design. Ecksteins gewichtiges zusätzliches Argument für den Einsatz von Orthokeratologie: „Manche Eltern wünschen sich die Nutzung von Kontaktlinsen nur unter ihrer Aufsicht. Dieses Bedürfnis ist jedoch in der Praxis nur mit Übernacht-Kontaktlinsen erfüllbar.“

OHI Myopie-Management Kongress 2022 - Auditorium 2
Myopie-Kongress 2022 – voll besetzter Dach-Saal der Wiener Urania

Zu kontroversen Gesprächen in den Pausen führte die von Safilens präsentierte Delivery-Tyro-Kontaktlinse (in Österreich von ottiko vertrieben). Sie gibt laut Hersteller Wirkstoffe an das Auge ab und soll dadurch die Verlangsamung einer fortschreitenden Myopie bewirken. Seit Herbst 2020 läuft dazu eine Studie an der italienischen Fondazione Banca degli Occhi del Veneto Onlus. „Das Ergebnis einer vorklinischen, statistischen Analyse hat unsere Erwartungshaltung gestärkt, da bei Testpersonen, die neun Monate diese Kontaktlinsen trugen, die durchschnittliche Progression des sphärischen Äquivalents um nur –0,072 Dioptrien angestiegen ist. Laut dem Online-Myopie-Rechner des Brien Holden Vision Institute wäre im gleichen Zeitraum jedoch ein Anstieg von durchschnittlich –0,467 Dioptrien zu erwarten gewesen“, so Safilens DACH Unit Principal Michael Grasmück.

Hetych Kontaktlinsen, vertreten durch den Lokal-Matador Michael Klingbacher, Marketing und Vertrieb, berichtete über die Kontaktlinse KSI. Er stellte die Ergebnisse einer von ihm erstellten Anpass-Statistik basierend auf den Daten von Kontaktlinsen-Anpassern vor. Die formstabile Kontaktlinse wird tagsüber getragen und wirkt mittels einer Kombination aus einer Defokus-Vorderflächenoptik und einem minimalem Ortho-K-Effekt durch die Rückflächengestaltung. „Ich habe mit unseren Kunden, den Kontaktlinsen-Anpassern, 423 KSI-Anpassungen evaluiert. In der Gruppe bis zum 19. Lebensjahr war bei einer durchschnittlich 38 Monate langen Nutzung die progressive Myopie pro Jahr nur –0,15 Dioptrien“, so Klingbacher.

Hecht Contactlinsen kooperiert seit fast zehn Jahren mit dem Brian Holden Institute beim Thema Kontaktlinsen für effizientes Myopie-Management. Daraus entstand des myLIFE-Konzept, das sowohl bei formstabilen Corneal-Kontaktlinsen als auch bei Ortho-K-Kontaktlinsen implementiert wurde. Die formstabile Corneal-Kontaktlinse myLIFE BIAS hat ein multifokales Wirkungsprofil auf der Vorderfläche integriert.

„Es wird in der Myopie-Prävention bei kurzsichtigen Kindern erfolgreich eingesetzt. Das Design verändert die periphere Bildschale. Zudem wird bei höheren Myopien die zentrale Fernzone kleiner gestaltet. Also je höher die Myopie, desto knapper reicht der periphere Defokus an das Zentrum der Kontaktlinse heran“, erklärte Christoph Zulechner. „Die Ortho-K-Variante ist möglicherweise bei Kindern zielführend, die mit der myLIFE BIAS oder anderen Kontaktlinsen zu wenig Präventionseffekt aufweisen“, erklärte Zulechner.

Der peripheren Defokus, der ringförmig in zwei Zonen angeordnet ist, ist die Grundlage der Tageskontaktlinse MiSight 1 day von CooperVision. „In einer siebenjährigen, klinischen Langzeitstudie wurde aufgezeigt, dass der Effekt zur Verringerung der progressiven Myopie auch nach dem Beenden des Tragens der MiSight 1 day bestehen bleibt“, betonte Sophia Geyer, Myopie-Management-Spezialistin bei dem Unternehmen.

OHI Myopie-Management Kongress 2022 - Sophia Geyer von CooperVision
Myopie-Kongress 2022 – Sophia Geyer von CooperVision

„Die klinische 7-Jahres-Studie zur MiSight 1 day ist derzeit die am längsten durchgeführte Weichlinsen-Studie bei Kindern“, so Geyer. Sie belegte, dass bei 59 Prozent der Träger eine signifikante Reduktion der progressiven Myopie zu beobachten war. Bei 41 Prozent wurde zudem kein nennenswerter Anstieg der Kurzsichtigkeit nach drei Jahren gemessen. Auch Geyer forderte, dass eine Versorgung von jungen, myopen Kindern im Sinne des Myopie-Managements so früh wie möglich gestartet und so lange wie möglich bestehen bleiben sollte. Was so „früh wie möglich“ konkret bedeutet, wurde im Auditorium diskutiert. Der Ophthalmologe Dr. Peter Gorka sprach über die gesetzlichen Regularien und verwies auf die notwendige Zusammenarbeit mit einem Ophthalmologen.

Ebenfalls zu Wort kam Florian Narnhofer vom Tiroler Traditionsbetrieb: „Der Schwerpunkt unseres Unternehmens liegt in der Anpassberatung und damit in der Hilfestellung der Kontaktlinsen-Spezialisten bei der Auswahl der jeweils am besten geeigneten Kontaktlinse.“ Zur Auswahl beim Myopie-Management stehen formstabile und weiche Kontaktlinsen mit peripherem Defokus, Kontaktlinsen mit erweiterter Schärfentiefe, Dual-Fokus-Kontaktlinsen bis hin zu Ortho-K-Kontaktlinsen. „Mit dem EDOF-Design können bewusst Aberrationen höherer Ordnung manipuliert werden, und dies wiederum ermöglicht klares Sehen in allen Entfernungen. In Folge werden unwillkommene, visuelle Kompromisse wie Kontrastverlust, Geisterbilder und Halos stark minimiert“, so Narnhofer.

Ohne genaue Messungen geht nichts

„Ab einer Achsenlänge von 26 Millimetern steigt das Risiko für eine durch progressive Myopie begünstigte Augenerkrankung signifikant an“, erklärte Oculus-Produktmanager David Kern.

OHI Myopie-Management Kongress 2022 - David Kern von Oculus
Myopie-Kongress 2022 – David Kern von Oculus

Er stellte das Analyse-Instrument Myopia Master vor, entwickelt, um möglichst frühzeitig die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit zu erkennen. Neben den dafür essenziellen Messwerten von Augen-Achslänge, Refraktion und Hornhautbrechkraft bietet der Myopia Master umfassende Analysen und zeigt anhand des Softwaremoduls GRAS auch den Ursprung der vorliegenden Kurzsichtigkeit.

„Jeder einzeln gemessene Parameter – Achslänge, Cornea, Augenlinse – wird in das originale Gullstrandauge eingesetzt. Mittels paraxialer Optiksimulation kann dann die refraktive Veränderung für die Brillenglas-Ebene berechnet werden“, so Kern. Will heißen: Ohne Messung der Augenlänge ist kein seriöses Myopie-Management möglich.

Rasante Entwicklung im Myopie-Management

Walter Gutstein, Geschäftsführer der OHI, Optometrie & Hörakustik Initiative, meinte abschließend: „Die Entwicklung im Myopie-Management ist in letzter Zeit schnell vorangeschritten. Wurden vor gut einem Jahr gerade die ersten Brillengläser zur Verlangsamung einer zunehmenden Myopie im deutschsprachigen Raum präsentiert, gibt es mittlerweile drei Anbieter dafür.“

OHI Myopie-Management Kongress 2022 - Gutstein und Belyus
Die beiden OHI-Geschäftsführer Walter Gutstein (links) und Harald Belyus durften rundum zufrieden sein mit ihrem Myopie-Kongress

Co-Geschäftsführer Harald Belyus hebt den überwältigenden Erfolg der Veranstaltung hervor: „Wir sind bereits voll in der Planung von OHI-Update, das mit sechs wissenschaftlichen Vorträgen und einer Table-Messe mit über 40 Ausstellern am Samstag, den 10. September im Sofitel Wien stattfinden wird.“

Fazit: Myopie-Management wird aufgrund der Faktenlage auch in den westlichen Industrienationen ein wichtiges Arbeitsfeld in der Augenoptik bleiben. Fachlich überzeugende Events wie die OHI in Wien treiben das Thema voran – zu Gunsten unserer Kinder und deren Augengesundheit in der Zukunft.

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Marcel Zischler ist Inhaber der Agentur für Marketing, Training und Consulting „Zischler Visionplus“ in Luzern (Schweiz) und Autor für Betriebswirtschafts-, Kommunikations- und Führungsthemen und ausgewiesener Kenner der Kontaktlinsenbranche.

 

Artikel der eyebizz 5.2022 (August/September)

 

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