Nachgefragt:

Experten über die Augenoptik und deren Digitalisierung

Die Branche ist im Umbruch: „Alles, was digital werden kann, wird digital“ ist nicht nur eine These des Industrieverbandes Spectaris (Quelle: Pressekonferenz opti2018). Onlineshopping ist allerdings bisher nur für eine Minderheit von Endverbrauchern wirklich attraktiv. Die eyebizz-Redaktion befragte Branchenexperten nach ihrer Meinung zum digitalen Wandel. Die Fragen:

  1. Welches sind die drei wichtigsten aktuellen Entwicklungen für die Branche – auch im Zuge des digitalen Wandels?
  2. Wird sich das Berufsbild des Augenoptikers weiter verändern?
  3. Was ist für Ihr Unternehmen in punkto Digitalisierung die größte Herausforderung für 2018?

Martin HImmelsbach, Geschäftsführer IproMartin Himmelsbach, Ipro (Leonberg)

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1. Ich sehe in jedem Prozess beim Augenoptiker bahnbrechende Entwicklungen. Die Flexibilität der Kollegen wird darüber entscheiden, ob sie produktiv umgesetzt oder disruptiv wirken – also nützlich oder zerstörend. Wir halten das für ein in erster Linie menschliches Problem und haben uns deshalb der „Beziehungspflege“ verschrieben. Wenn ich drei Entwicklungen herausheben soll, dann nenne ich zuerst die Fassungslogistik. Entweder die Lieferanten werden jetzt kurzfristig digital oder sie drohen mittelfristig zu verschwinden. Zweitens müssen wir die Refraktion neu denken, wenn das Fünf-Meter-Gebot weg ist, dann geht das mittelfristig auch im Netz. Dass Nidek, Zeiss, Visionix und Essilor neue Phoropter vorstellen ist ein Signal. Ich bin kein Prophet – aber entweder ist das Garzweiler 2 – also die Intensivierung des Alten aus Angst vor dem Neuen – oder es ist wirklich Digitalisierung. Aber was ist mit der iPhone-Refraktion?

2. Wenn es gut läuft, werden wir eine Branche der Menschen, die in einer entspannten Atmosphäre für gutes Sehen und gutes Aussehen sorgen. Beides wird weiterhin benötigt. Nur die Prozesse dahin werden sich komplett ändern.

3. Die größte Herausforderung sind die Menschen. In unseren 3.000 Betrieben arbeiten über 10.000 Menschen, die wir auf diesem Weg mitnehmen; wir müssen uns für deren Wünsche öffnen. Das ist es doch, was wir von Uber und Airbnb lernen können: dass die Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen. Was wir von denen nicht lernen wollen, ist der harte, amerikanische Weg, aus jeder guten Idee ohne Rücksicht auf Verluste Geld zu machen.


Jochen HirschfelderJochen Hirschfelder, EDV-Optik-Partner (OPA, Goslar)

1. Erstens die mit OPA gestartete und weiter wachsende IT-Nutzung im Augenoptik-Fachgeschäft in allen Arbeitsbereichen: von der Geschäftsorganisation über die Kauf- und Bestellabwicklung bis zur Marketingunterstützung. Zum Zweiten die Entwicklung zu „Gemischtwarenläden” für Optik und Akustik und damit das Zusammenspiel der genutzten Software. Als Drittes ist die wachsende Komplexität und Vielfalt der Schnittstellen durch immer umfangreichere Produktportfolios bei den Glas- und Fassungsherstellern sowie die wachsende Anzahl digitaler Geräte im Optikgeschäft zu nennen. Als Softwarehaus ist die Digitalisierung für OPA im Übrigen schon seit den frühen 1980ern ein hochaktuelles Thema. Das Softwareangebot nimmt stetig zu, unser Kundenkreis ebenso. Digitalisierung bedeutet für den Augenoptiker eben unternehmerische Effizienz zu steigern, Potenziale zu nutzen und Fehler zu vermeiden. Für uns ist “Optik 4.0” – auch wenn es dieses Schlagwort früher nicht gab – schon immer die Basis unseres Unternehmens.

2. Standardisierbare Massenprodukte werden in Zukunft günstiger und häufiger über den Internethandel bezogen. Der klassische Optiker hat durch seine Expertise sowie die direkte, kompetente Beratung bei einem so wichtigen Produkt wie der Brille auch in den nächsten Jahrzenten eine genauso wichtige Rolle wie in den vergangenen Dekaden. Das Berufsbild wird weiter in Richtung ausführlicher Beratung sowie Anpassung perfekt maßgeschneiderter Brillen und Kontaktlinsen gehen.

3. Wir werden im Laufe des Jahres unsere Telefonanlage erneuern und alles tun, damit das reibungslos funktioniert.


Willi GronauWilli Gronau, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung von Luneau Technology (Ratingen)

1. Die technologischen Neuerungen, wie etwa den Wellenfront-Aberrometer Eye Refract, den wir auf der opti gezeigt haben, weisen den zukünftigen Weg. Der mittelständische Augenoptiker will nicht nur Brillen verkaufen, er will sich als Experte profilieren und das gesamte Auge betrachten. Das hängt auch mit der zweiten Entwicklung zusammen, die wir beobachten: Die Marktmacht der Ketten wird stärker. Zudem kommen neue Player in den Markt, nicht nur KIND, sondern auch Firmen wie VIU und Ace & Tate, die eher modisch aufgestellt sind. Als dritte Entwicklung sehen wir ein großes Bedürfnis an Schulungen. Dem kommen wir 2018 nach und bieten 25 verschiedene Seminare an.

2. Der mittelständische Augenoptiker muss raus aus der Preisschlacht, weil der Endverbraucher bei ihm mehr sucht als noch vor zehn Jahren. Optometrie und Spezialisierung sind entscheidende Stichworte.

3. Hauptziel ist für Luneau, dass die Augenoptiker uns als Dienstleister wahrnehmen. Wenn er eines unserer Geräte gekauft hat, bekommt er ein Gesamtpaket, inklusive Service und Schulungsangeboten. Wir verdreifachen dieses Angebot. Digitalisierung spielt für uns weniger eine Rolle, eher für den augenoptischen Partner, der sich mit Screening-Geräten auch gegenüber Onlinern profiliert.


Rainer KirchhübelRainer Kirchhübel, OCULUS Optikgeräte (Wetzlar) 

…wirft im Bereich Werkstatt und Maschinen zunächst einen Blick auf das aktuelle Produktportfolio des Hauses, mit dem Kunden Dienstleistungen geboten werden, die über das Erwartete hinaus begeistern. Es geht um Geschäftsfelderweiterung und Kundenbindung.

1.a) Mit dem OCULUS Keratograph 5M, einem Topographiesystem mit Farbkamera, IR-Kamera und integriertem Vergrößerungswechsler, kann der Augenoptiker präzise eine Kontaktlinsenanpassung durchführen, aber auch ein Screening zum Trockenen Auge anbieten. Auf der opti wurde dazu die JENVIS Pro Software vorgestellt – ein umfassendes Analysetool zum Tränenfilm und der Augenoberfläche. Zentrale Bestandteile des neuen JENVIS Pro Dry Eye Reports sind ein kurzer Screening Test, ein individuell festgelegter Testablauf, je nach Auffälligkeit, sowie ein Follow-up-Test, um zu sehen, ob die ergriffenen Maßnahmen erfolgreich waren.

1.b) Mit dem OCULUS Vissard System können Sehtest und Refraktion modern gestaltet werden, etwa mit individuellen 3D Bildern als Hintergrund. Der Vissard wird in zwei Polarisationsrichtungen angeboten – linear und zirkular. Mit dem System lassen sich reale Situationen aus dem täglichen Leben des Kunden darstellen, so dass er sofort verstehen kann, was man testet und warum das wichtig ist. Dazu gehören neben Sehschärfetests auch Binokularteste zur Stereo- und Phorieprüfung, eine Simulation der Straßenverkehrssituation, Kontrasttests und Prüfung unter Blendbedingungen. Spezielle Teste für Kinder und Sehbehinderte werden angeboten und nicht zuletzt der Vissard LECTUS zur Nahprüfung mit konstanten Testbedingungen. Damit wird das Thema Augenglasbestimmung und Sehtestung interessant und abwechslungsreich – es kann unter photopischen und mesopischen Bedingungen getestet werden, ob u.U. eine zusätzliche Brille für nächtliches Autofahren sinnvoll ist.

1.c) OCULUS vertreibt exklusiv in Deutschland NIDEK Diagnostikgeräte. NIDEK hat mit dem TS-310 ein neues Refraktionssystem vorgestellt, mit dem es möglich ist, auf kleinstem Raum die subjektive Augenglasbestimmung durchzuführen. Der TS-310 besteht aus einem LCD-Sehzeichenprojektionsgerät mit integriertem automatischen Phoropter. So können Refraktionsstrecken für die Ferne (5 m) und die Nähe (40 cm) realisiert werden.

2. Optometrisches Screening wird für den Augenoptiker weiter an Bedeutung gewinnen. Er kann sich hier als kompetenter Dienstleister profilieren und seinen Kundenstamm ausbauen bzw. sichern.

3. Die Vernetzung von Diagnostikgeräten ist wichtig. Unter den Kundendaten sollten neben den kompletten Refraktionsdaten auch Screening-Ergebnisse von bspw. Topographie und Tränenfilmtesten vorliegen, um Verläufe darzustellen und optimaler beraten zu können. An dieser Vernetzung der Ergebnisse werden wir weiter intensiv arbeiten.

 


Lukas SchrollLukas Schroll, Concept S (Schorndorf)

1. Die zunehmende Digitalisierung beeinflusst auch die Anforderungen an zeitgemäße Ladenbau-Konzepte. Dies findet zum einen unmittelbar statt, da auch entsprechende digitale Elemente in den Ladenbau eingebunden werden müssen, etwa virtuelle Displays. Weiter bedeutet dies aber auch, dass durch das geänderte Konsumentenverhalten (online „bummeln“ – stationär kaufen, genauso wie anders herum) die Konzepte flexibler werden. Ladeneinrichtungen müssen sich schneller verändern und können nicht mehr darauf ausgelegt sein, 15 Jahren und länger unverändert zu bleiben. Auch temporäre Einrichtungen wie Pop-up Stores werden im Ladenbau und Einzelhandel immer mehr – mit Kriterien wie schnellem und einfachem Aufbau, unterschiedlichen Bestückungsmöglichkeiten und markantem Design zur Unterstützung der Markenbildung. Die wachsende Online-Konkurrenz und weitere Konzentration von Filialbetrieben bis in kleinere Städte zwingen auch Traditions- und Einzeloptiker dazu, über soziale Netzwerke und online mit ihren Kunden, gerade den jüngeren, zu kommunizieren. Ein professioneller Online-Auftritt gehört heute zum Erscheinungsbild eines Unternehmens einfach dazu.

2. Das Berufsbild wird sich weiter verändern, marketingorientierteres Denken wird immer mehr in den Vordergrund treten. Auch müssen die Fachkompetenzen klarer herausgestellt und z. B. auch moderne Messmethoden für den Kunden begreifbar gemacht werden. Das reine Handwerk tritt in den Hintergrund. So geht die Notwendigkeit einer vollausgestatteten Werkstatt im Augenoptik-Geschäft zurück. Allerdings treten die kaufmännischen und diagnostischen Komponenten des Berufs in den Vordergrund. Nicht zuletzt werden auch die Arbeitsprozesse immer stärker vernetzt und die Digitalisierung tritt nicht nur auf Kundenseite hervor, sondern auch intern, sei es in der Abwicklung, dem Bestellwesen oder der Buchhaltung.

3. Gerade stellen wir unsere eigene Onlinepräsenz mit Website und Onlineshop neu auf. Unser Ziel: Die Kommunikation und Erreichbarkeit für unsere Kunden steigern und Neuigkeiten schneller kommunizieren zu können. Darüber hinaus sind wir bereits seit vergangenem Jahr Gründungs- und Mitgliedsunternehmen im Arbeitskreis Digitalisierung, einer Initiative des dlv Netzwerk Ladenbau. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern beleuchten wir unterschiedliche Ansätze der Digitalisierung mit dem Ziel, dem Handel aktiv Kompetenz und Hilfestellung zu bieten. Die Erkenntnisse sind branchenübergreifend und werden im Arbeitskreis von Zulieferfirmen, Technologiepartnern und Ladenbau-Unternehmen gleichermaßen ermittelt.// CH

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