Produkt: eyebizz  2/2019
eyebizz 2/2019
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Experten-Umfrage

Myopie-Management: Gesundheitsthema Nummer eins

Ob auch zentral-europäische Kinder von einer alarmierenden Myopie-Progression betroffen sind, ist schwer zu beurteilen. Klar gibt es Tendenzen in diese Richtung, da sich Lese- und Sozialverhalten unserer Jüngsten massiv verändert haben. Im öffentlichen Raum ist kaum ein Kind anzutreffen, das sich nicht mehrmals am Tag intensiv mit eigenem Gameboy oder Smartphone beschäftigt. Und trotzdem: Wir sind nicht in Asien, wo laut WHO rund 85 Prozent der 17- bis 18-Jährigen myop sind. Immerhin sind auch derzeit laut kürzlich vorgestellten Daten des European Eye Epidemiology gut 47 Prozent der 25- bis 29-Jährigen kurzsichtig. Eine Umfrage unter Kontaktlinsenspezialisten in der D-A-CH-Region zeigt, dass dem Thema Myopie-Management hohe Relevanz zugesprochen wird.

Auffallend hoch war der Umfrage-Rücklauf aus der Schweiz, dem Land mit der höchsten Kontaktlinsenpenetration in der D-A-CH-Region. Werten wir es als weiteres Zeichen dafür, dass man durch professionelles Engagement mit Kontaktlinsen durchaus wirtschaftlich erfolgreich sein kann.

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Michael Bärtschi - Bern
Michael Bärtschi

Auf die Frage, wie die Teilnehmer der Umfrage grundsätzlich die aktuelle Situation rund um das Thema Myopie-Management (MM) in der D-A-CH-Region einschätzen, war man sich einig, dass steigendes Interesse der Eltern und Optometristen wahrnehmbar ist. Hingegen ein zurückhaltendes, abwartendes Verhalten der Augenärzte. Dr. Michael Bärtschi (PhD. Biomedicine, M.Sc. Optometrist FAAO / FEAOO), Geschäftsführer der Eyeness AG in Bern, dazu: „Es ist eine markante Zunahme des allgemeinen Interesses, des Wissens bezüglich der Myopie, deren Ursachen und erfolgreichen Therapien zu erwarten.“

Sein Arbeitskollege Marc Fankhauser ergänzt: „Da die WHO nun reagiert hat und die Myopie als Epidemie eingestuft wurde, könnte ich mir vorstellen, dass das Thema immer mehr in den Fokus gerät.“ Dr. Christoph A. Castelberg, Optometrist aus Landquart, stößt ins gleiche Horn: „Schon jetzt sind etwa 30 Prozent der Weltbevölkerung kurzsichtig. Die Zahl der Kurzsichtigen wird noch weiter steigen. Durch diese Tatsachen werden schwerwiegende Folgeerkrankungen am Auge, wie zum Beispiel Glaukom und Netzhautablösungen zunehmen. Zusätzliche Gesundheitskosten werden die Volkswirtschaften belasten.“

Kommt nun endlich der flächendeckende Durchbruch von Ortho-K und was ist seitens der Industrie zu erwarten?

Castelberg sieht es pragmatisch: „Die Industrie wittert Gelegenheit für potenzielle Geschäfte und stellt den Optometristen adäquate Produkte wie Ortho-K-Linsen und spezielle ‚Anti-Myopiegläser‘ zur Verfügung.“

Katrin Binder, Optikhaus Binder aus Wien, ist jetzt schon mit dem Angebot der Industrie zufrieden: „Ich bin froh, wenn das, was bisher mit Studien erprobt und belegt wurde, endlich flächendeckend umgesetzt wird. Aus meiner Sicht bieten diverse Kontaktlinsenoptionen schon sehr gute Möglichkeiten.“ Sie selbst ist begeisterte Ortho-K-Trägerin: „Ich selber trage Ortho-K seit etwa 19 Jahren. Anfangs hatte ich wegen trockener Augen und allgemeiner Weichlinsenunverträglichkeit keinen Spaß mit harten Kontaktlinsen und keine Lust auf Brillen. Von Myopie-Management wusste man zu der Zeit in unseren Breiten noch nichts, und ich war eine der ersten Österreicherinnen, die diese damals bei uns komplett neuen und unbekannten Linsen getestet haben.“

Andy Dätwyler - Bern
Andy Dätwyler

Andy Dätwyler (MSc in Vision Science & Business, MAS & BSc in Optometrie), von der Pfarrer Kontaktlinsen AG in Bern und ein weiterer engagierter Schweizer Kontaktlinsenspezialist, erwartet, dass MM-Produkte in Zukunft als Standard-Option angeboten werden. Dies aber wohl nicht nur aus fachlichen Gründen und dem Willen, Kunden etwas Gutes zu tun, sondern auch aus profit-orientiertem Denken: „Die Herausforderung dabei ist, dass das Thema nicht diskreditiert wird, weil es jeder anbietet. Fachwissen dazu ist absolut notwendig! Dies gilt auch für die Industrie. Es wäre wünschenswert, wenn immer mehr Produkte und Optionen, die nachgewiesenermaßen funktionieren, auf den Markt kämen. Problematisch sind Produkte ohne Nachweis oder CE-Zulassung, die einfach angeboten werden, um auch noch etwas im Sortiment zu haben.“

Ähnlich kritisch sieht es Robert Fetzer, Augenoptik Schmuck Fetzer aus Moosburg: „Ich bin gespannt, wann der erste Glashersteller mit einem Myopie-Glas kommt und dies an jeden x-beliebigen Augenoptiker verkauft. Das birgt große Gefahren, da sich dann plötzlich jeder Augenoptiker als Myopie-Management-Spezialist berufen fühlt.“

Fachkompetenz und Gesundheitsprävention als Trigger im Tagesgeschäft

Auf die Frage, welche Bedeutung MM im Tagesgeschäft für die Umfrageteilnehmer hat, wurden vor allem die Chancen zur Sichtbarkeit und Darstellung der eigenen optometrischen Kompetenzen genannt. Joël Thiémard, Spörri Optik AG in Biel, ist davon überzeugt, dass dabei die Zusammenarbeit mit Ophthalmologen wichtig ist. Weiter führt MM zur erhöhten Kundenbindung bei Kindern und Jugendlichen. Für Dr. Michael Bärtschi hat das Thema große Bedeutung: „Wir praktizieren präventive Optometrie. Das heißt, wir unternehmen alles wissenschaftlich Anerkannte, was die Gesundheit des Kunden-/Patientenauges fördert und schützt.“

Alex Ziörjen - Zürich
Alex Ziörjen

Für Andy Dätwyler ist klar: „Als Kontaktlinsenpraxis haben wir einerseits sehr viele hochmyope Kunden und sehen täglich, welche Probleme damit verbunden sein können. Deshalb ist das Thema für uns von sehr hoher Bedeutung. Zudem sind wir an langfristiger Kundenbindung interessiert und an einer hohen Überweisungsrate von Augenärzten. Beides lässt sich nur mit hoher Fachkompetenz erreichen.“ Auch für Alex Ziörjen (Dipl. Augenoptiker), IROC Kontaktlinsen AG Zürich, gehört MM zu einem wichtigen Standbein. Seiner Meinung nach ist MM zurzeit das Thema Nummer eins in der augenoptischen Welt. Leider sei es aber bei den Eltern und den betroffenen Kindern noch nicht wirklich angekommen.

Und was darf es kosten?

Alle Umfrageteilnehmer wollen ihr MM so kalkulieren, dass Eltern es sich leisten können. Es gehe schließlich primär um Prävention und Augengesundheit, nicht ums Geldverdienen. Trotzdem ist der „Werbeeffekt“ von MM nicht zu unterschätzen. Unzählige Eltern, Verwandte und Freunde der versorgten Kinder seien auch Kunden der interviewten Kontaktlinsenspezialisten geworden. Die Preisspanne bewegte sich von 600 Euro in Deutschland bis zu 900 Euro in der Schweiz pro Jahr und Kind. Teilweise werden monatliche Abos (alles inklusive) angeboten. Ortho-K wurden durchschnittlich rund 20 Prozent teurer berechnet als weiche Kontaktlinsen.

Erfolgsfaktor Kommunikation

Nebst der nötigen Fachkompetenz und einem entsprechenden Equipment gehört die Kommunikation zu den Erfolgsfaktoren. Jeder Kontaktlinsenspezialist muss sich bewusst sein, dass er es hier mit Kindern zu tun hat. Dies ist nicht jedermanns Sache. Man muss Kinder mögen und wissen, wie mit ihnen umzugehen ist. Dr. Christoph Castelberg meint: „Eine offene und ehrliche Aufklärung aller Beteiligten ist unumgänglich.“ Für Andy Dätwyler ist die Netzwerkpflege zu Augenärzten, Orthoptisten, Kinderärzten und Lehrern von großer Wichtigkeit.

„Mir persönlich geht es in erster Linie um Idealismus und erst zweitrangig um wirtschaftliche Aspekte in dieser Angelegenheit“, meint Kathrin Binder. „Ich sehe es in unserer beruflichen Verantwortung, über die heute möglichen Optionen aufzuklären und Kinder bzw. Jugendliche zu schützen, soweit wir dies können. Wir haben in Österreich nun seit zwei Jahren die glückliche Situation, dass die Krankenkassen das Thema anerkannt haben. Dies dank einiger sehr engagierter Kollegen in unserer Innung! Bedingung ist die Zusammenarbeit mit einem kooperativen Augenarzt.“

Das ist zwar manchmal ein Risiko, da die Ärzte unter Umständen das Geschäft gleich selbst übernehmen und den Kunden Atropin geben oder eben selbst Kontaktlinsen anpassen.

Allgemein wurde das Thema Aufklärung ins Zentrum der Bemühungen gesetzt, um dem Myopie-Management mehr Aufmerksamkeit zu geben. Robert Fetzer betreibt beispielsweise aktiv Werbung dazu.

Robert Fetzer - Auto-Werbung gegen Myopie
Robert Fetzers Auto mit MM-Werbung „Stopp Kurzsichtgkeit“

 


 

Internationales Netzwerk für Myopie-Management

Wer in Sachen Myopie-Management unterwegs ist, kommt an ihm nicht vorbei: Pascal Blaser, 43, M.Sc. in Vision Science (Optometry) aus Lausanne ist Botschafter und Promotor für das internationale MM-Netzwerk Myopia.Care mit rund 1.000 Mitgliedern aus mehr als 40 Ländern und davon mehr als 300 aus dem deutschsprachigen Raum. Er ist zudem einer der meist gefragten Referenten, wenn es um Myopie-Management geht. Hier ein Interview mit ihm.

Pascal Blaser - Myopie-Management - Plattform Myopia Care
Pascal Blaser

Herr Blaser, erzählen Sie uns über die Organisation „Myopia.Care“.

Myopia.Care wurde im Jahre 2015 von Nick Dash aus England und mir gegründet. Ich habe einen Online-Fragebogen für Eltern und Augenspezialisten zur Risikoanalyse von Kurzsichtigkeit bei Kindern entwickelt. Myopia.Care umfasst drei unterschiedliche Webseiten, eine mit dem Fragebogen und der Risikoanalyse und eine mit Informationen für Eltern. Auf der dritten Seite gibt es für die Augenspezialisten fachliche Informationen, einen Blog und den Shop mit Werbeunterstützung rund um das Thema. Heute ist unsere Plattform eines der größten Netzwerke von Myopie-Spezialisten weltweit. Mittlerweile erhalte ich Unterstützung von international anerkannten Kollegen aus Optometrie und Ophthalmologie.

Was hat Sie bewogen, Myopia.Care ins Leben zu rufen?

Im Jahr 2014 hatten Nick und ich viel über die praktische Umsetzung der Myopie-Kontrolle diskutiert. Mit dem Fragebogen auf Myopia.Care wollten wir den Augenspezialisten eine standardisierte und evidenzbasierte Risikoanalyse anbieten und so die Kommunikation mit den Eltern erleichtern. Gerade eine vertrauensvolle Kommunikation zwischen den Spezialisten und Eltern zu diesem komplexen Thema ist wichtig. Hier wollten wir den Augenspezialisten mit unseren Ideen und Erfahrungen unterstützend zur Seite stehen.

Was wollen Sie erreichen?

Eines der Hauptziele von Myopia.Care neben der Risikoanalyse ist die Weiterbildung und Unterstützung in der Kommunikation der Augenspezialisten mit den Eltern.

Das große internationale Netzwerk an Spezialisten ermöglicht es der Industrie, ihre neuen Produkte den zertifizierten Mitgliedern vorzustellen und Erfahrungen unter reellen Bedingungen in deren Praxis sammeln zu lassen.

Wie wird man Mitglied?

Eine Anmeldung als Myopia.Care-Spezialist und die damit verbundene Registrierung beim Spezialisten-Locator ist erst nach einem Nachweis ihrer Kenntnisse möglich. Hierzu haben wir mit verschiedenen Kollegen aus Deutschland und der Schweiz einen Onlinekurs zur Zertifizierung auf die Beine gestellt.

Welches sind aktuelle Projekte?

Es gibt derzeit verschiedene Projekte. Das Erklär-Video und die unabhängige Broschüre für Eltern werden in weitere Sprachen übersetzt. Die Risikoanalyse wird aufgrund der neuen Möglichkeiten der Augenlängenmessung weiterentwickelt. Weitere Weiterbildungen und ein Zertifizierungsverfahren sind in Arbeit.

Welches sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Wir wollen weiter interessierte Augenspezialisten aus der ganzen Welt für unser Netzwerk gewinnen und so eine relevante Grundlage in der Kommunikation mit den Eltern erzielen. Ein nächster Schritt wird die Öffentlichkeitsarbeit sein, um Eltern und betroffene Kinder zu informieren und sie an einen zertifizierten Kollegen empfehlen.

Ein einheitliches Myopie-Experten-Zertifizierungsverfahren muss entwickelt werden, um den Eltern eine Sicherheit bei der Wahl des Spezialisten zu geben.

Danke, Herr Blaser, und alles Gute.


 

Marcel Zischler ist Consultant, Trainer und Publizist für Augenoptik, Kontaktlinsen, Betriebswirtschaft und Führung. 

 

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