Produkt: eyebizz  2/2019
eyebizz 2/2019
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MOM in Rathenow

Titan auf Maß

Nomen est omen: Seit dem 13. Mai 2013 darf sich Rathenow im Havelland offiziell „Stadt der Optik“ nennen. Als Standort der augenoptischen Industrie hat die Kreisstadt eine über 200-jährige Tradition. Und die wird mit Erfolg fortgesetzt, wie unter anderem die Mechanisch-Optische Metallverarbeitungs-GmbH (MOM) beweist. eyebizz-Redakteur Jürgen Bräunlein besuchte das mittelständische Unternehmen, das auf Titanfassungen spezialisiert ist, und war beeindruckt.

Rathenow hat wirklich die Brille auf: Am Kreisel der B88 und der Bammer Landstraße wird der Autofahrer von einer mehr als fünf Meter hohen Brille begrüßt, aufgestellt anlässlich der Bundesgartenschau 2015. Immer der Optik zugewandt – so geht es auch weiter. Der Firmensitz der Mechanisch-Optischen Metallverarbeitungs-GmbH, kurz MOM genannt, befindet sich auf dem „Duncker-Gewerbepark“. Johann Heinrich August Duncker (1767–1843) gilt als Begründer der optischen Industrie in Rathenow. Man begegnet ihm auch im MOM-Betriebsgebäude, en miniature in einer Glasvitrine.

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MOM-BetriebsgebäudeMit Neusilber fing es an

Die unscheinbare, ja schmucklose Außenfassade des Firmensitzes trügt, denn hier befindet sich die modernste Titanbrillenproduktion Deutschlands. „Wir haben mit Neusilber angefangen, also einer Kupfer-Nickel-Legierung, dann kamen wir vom Edelstahl zu Titan und mittlerweile sind wir fast nur auf Titanfassungen ausgerichtet“, erzählt Firmengründer Wolfgang Schröder.

Seit der Edelstahl-Kollektion „future style“, 2005 als Gemeinschaftsproduktion mehrerer Rathenower optischer Unternehmen aus der Taufe gehoben, konzentriert man sich bei MOM immer mehr auf Titanfassungen, zunächst für andere Marken, dann 2009, der große Sprung nach vorn mit der eigenen Titanbrillen-Kollektion „Grafix“. Mathias Schröder Junior, bei MOM für Produktion und Qualitätskontrolle zuständig, hat das hauseigene Label designt. Der 36-Jährige ist kein Mann großer Worte, wohl aber ein begnadeter Tüftler, der viel von Titanverarbeitung versteht. Seine „Grafix“-Brillen liegen auf dem Tisch. Sie sind eine Hommage an die lange Zeit verteufelte Kunstform der Graffitis und bestechen durch eine ausgeklügelte filigrane Oberflächengestaltung der Bügel.

MOM-Grafix
Titanbrillen Grafix

Weiter mit Klick

Schröder hat zudem eine innovative Scharnierlösung entwickelt, die er auch vorführt: Beim Einsetzen der Gläser wird die Fassung nicht – wie üblich – außen, sondern innen an der Brücke über der Nase verschlossen. Das geschieht nicht mit Schrauben, sondern mit sehr feinen Nylor-Fäden. Das Scharnier des Brillenbügels wird zudem nicht durch eine Schraube mit der Front verbunden, sondern mit einem schnellen Klick.


Die MOM-Brillenmanufaktur als verlängerte Werkbank für Augenoptiker.


Eine weitere Besonderheit aus dem Hause MOM ist eine Kollektion für den Sport, bestehend aus sechs Modellen mit dem Kurvenwert von 8. Hierzulande ist man der einzige Hersteller, der das in Titan anbietet. Tatsächlich ist Titan bekanntlich in der Bearbeitung anspruchsvoll. Doch gerade das ist der Reiz für Mathias Schröder. Ganz vertieft in die Form dreht und wendet er eine „Grafix“-Brille in den Händen und schwärmt: „Der Titan-Look ist besonders hochwertig: edel und elegant. Zudem ist das Material halb so schwer wie Stahl, elastisch und hautfreundlich, weil es keine allergischen Reaktionen hervorruft.“

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Junior und Senior: Mathias und Wolfgang Schröder

Der Junior kann sich ein Leben ohne Brillen gar nicht vorstellen. Schon als Kind hat er dem Vater, der Feinwerkmechanik studiert hat, beim Brillenhandwerk über die Schulter geguckt und schließlich einfach mitgemacht. Die Frage, ob er bei MOM einsteigen soll, hat sich nie gestellt, der Berufsweg war nur folgerichtig. 2014 wurde dem Junior das Unternehmen offiziell übergeben, der Vater aber bleibt bis heute als hilfreiche Hand bei einer Vielzahl geschäftlicher Abwicklungen erhalten. Das Verhältnis, man spürt es, ist entspannt. Auch wenn beiden klar ist, dass das Unternehmen sein Potenzial lange nicht ausgeschöpft hat und das eigene Brillenlabel noch zu wenig bekannt ist.

Ziel: Vollsortimenter

Um beides zu ändern, hat man Olaf Winkelvos mit ins Boot geholt. Der Konzept- und Vertriebsleiter mit viel Erfahrung in der Augenoptik plant für die Zukunft. „Mittlerweile besteht die Produktion zu 60 Prozent aus eigenen Fassungen und zu 40 Prozent aus der Herstellung für Fremdkunden, darunter internationale High-Fashion-Marken“, sagt er und fährt fort: „Unser nächstes Ziel ist das Angebot eines Vollsortiments. Die 72 Modelle, die wir derzeit anbieten, sind erst der Anfang. Wir peilen 120 bis 140 an.“

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MOM bietet Augenoptikern zudem eine ganz besondere Dienstleistung: Sie können bei den Fassungen der Kollektion mit geringem Aufschlag verschiedene Änderungen in Auftrag geben. Hier etwas runder, hier etwas schmaler, dort etwas länger – alles kein Problem. „So wird unsere Brillenmanufaktur zur verlängerten Werkbank der Augenoptiker“, erklärt Winkelvos das Konzept. Möglich sei das allerdings nur Dank hoher Fachkompetenz und modernster Technologie, von der jedoch bislang eher Industriekunden wüssten: „Titanbrillen von A bis Z. Die Entwicklung einer Brillenfassung über den Prototypen bis hin zur Serienfertigung, das ist unser Markenkern. Mit dem hauseigenen Werkzeugbau können wir fast jede Idee umsetzen.“

Rohmaterial aus Japan

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Eine Führung durch den MOM-Maschinenpark ist dann auch ein echtes Erlebnis. Verschiedene, zum Teil nagelneue Laseranlagen zeigen dem Besucher, was sie können. Mit Schutzbrille ausgerüstet, sieht er, wie die Laserspitze langsam nach unten fährt und präzise in die Titanplatte schneidet, während Funken sprühen. Das hochwertige Rohmaterial kommt nicht aus China, sondern aus Japan, dort wo 1982 auch die erste Titanbrille auf den Markt gebracht wurde.

Besonders faszinierend ist die Gleitschleifanlage. Bei der Entgratung der Schnittkanten helfen viele kleine Keramiksteinchen. Auch die Politur erfolgt maschinell. Zum Maschinenpark gehören zudem Widerstandsschweißanlagen, Hydraulikpressen bis 150 Tonnen, ein Beschriftungslaser mit Drehachse und eine Fräsanlage für Demolinsen. Mehr als 1.000 Quadratmeter stehen als Produktionsfläche zur Verfügung, doch noch wird gar nicht alles genutzt.

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„Ab 2013 und bis zum heutigen Tag haben wir 500.000 Euro allein in Maschinen investiert“, erzählt Senior Wolfgang Schröder stolz. Die Kapazitäten wurden beträchtlich erweitert, aber auch die Umsetzung eines modernen Energiesparkonzepts wurde eingeleitet. Derzeit werden ca. 4.500 bis 5.000 Fassungen im Monat produziert, die maximale Kapazität liegt bei stolzen 1.100 Brillen am Tag. Besonders vor und nach den einschlägigen Messen sind die Auftragsbücher voll. Messen wie die opti oder die Silmo in Paris sind ohnehin entscheidende Eckdaten im Unternehmenskalender. Der Messeauftritt ist immens wichtig bei der Einführung einer neuen Kollektion.


In Deutschland gibt es keine modernere Titanbrillen-Produktion.


Fast 20 Mitarbeiter sind derzeit bei MOM beschäftigt, bald werden es wohl mehr sein. Denn in naher Zukunft möchte man auch die Farbgestaltung der Fassungen, die man bislang in Fremdauftrag vergab, im eigenen Haus durchführen. „Wir haben noch viel Luft nach oben“, sagt Olaf Winkelvos, „der Markt ist komfortabel, man muss nur das Besondere von MOM nach außen kommunizieren: Titanbrillen, 100 Prozent handcrafted in Germany. Langsam spricht es sich auch herum.“

Zurück nach Germany

Und das stimmt auch. So hat Winkelvos am Ende noch eine fast schon schräge Anekdote für den Besucher parat. Die von ihrem Distributor in Asien vertriebenen „Grafix“-Brillen wurden kürzlich ausgerechnet von deutschen Touristen gekauft, die sie dann in Deutschland beim Augenoptiker zum Verglasen abgaben.

 

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