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Porträt eines Querdenkers

Markus Temming: Der Visionär als Erfinder

Man kann beim Altbekannten bleiben oder neu- und querdenken. Querdenker stellen vermeintlich Selbstverständliches infrage und suchen neue Lösungen. In lockerer Folge stellt eyebizz Querdenker vor, die für die augenoptische Branche interessant sind. Diesmal ist es Markus Temming aus Isselhorst.

Markus T - Markus Temming
Markus T – Markus Temming

„Querdenker? Ich denke nicht quer.“ Die Replik kommt ehrlich, quergeschossen, aber sympathisch. Denn für ihn liegen seine Projekte alle nah beieinander. Eine Annäherung an Markus Temming (47), bekannt als Inhaber und Designer des Fassungslabels Markus T.

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Ein überraschender Gesprächseinstieg bei einem Menschen, der nicht nur Brillendesigner ist, sondern auch architektonisches Know-how hat und sich, wenn nötig, in die Tiefen der Chemie versteigt. Ein Visionär, der einmal Physik und Design studieren wollte, sich aber für die Augenoptik entschieden hat. Unter dem neuen Dach von Temming vereinigt sich vieles: eine Manufaktur, Fassungsdesign, Möbel, Leuchten, Bauprojekte und ein Hotel.

Wo ist dieses Denken geradlinig? Die Frage beantwortet der dreifache Familienvater peu à peu. 1,84 m groß, schlank, lauffreudig, also gut trainiert, blond, blauäugig, bodenständig, in dunkelblauen Chinos, hellblauem Hemd und Turnschuhen steht er auf dem repräsentativen Hof des Mega-Objektes und lächelt jungenhaft: Doch niemand sieht ihm an, dass er gerade einen zweistelligen Millionenbetrag in das Objekt investiert hat.

Das Objekt des finanziellen Klimmzugs ist eine Kornbrennerei vor den Toren von Gütersloh. „Auf dem Weg zu unserem ersten Standort bin ich hier immer vorbeigefahren.“ Den Traum, diesen denkmalgeschützten Gebäudekomplex von 1888 umzugestalten, ploppte schon lange vor seinem geistigen Auge auf. Traum erfüllt, soviel kann man vorwegnehmen.

Hinter den Horizont

Doch zurück zum Quer: Über den Tellerrand hinaus zu denken und zu handeln sind Maximen des gebürtigen Steinhageners. Dem Gesprächsbeginn setzt der Ostwestfale dann auch empathisch hinterher: „Die Menschen um mich herum würden mir wahrscheinlich widersprechen und mich doch als Querdenker bezeichnen.“

Beim Rundgang durch die neue Manufaktur geht er ins Detail. Die Handwerker musste er lange bearbeiten, bis sie einsahen, dass seine Pläne zu verwirklichen sind. So beispielsweise den Dachdecker, dem er erst in mühseligen Gesprächen klarmachen konnte, dass man Zinkbleche ohne Stöße auf sechs Meter einfach plan aneinander setzen kann und trotzdem keine Probleme mit der Materialausdehnung bekommt.

Markus T - An der Manufaktur 1
Markus T – An der Manufaktur 1

Kein Architekt hätte Spaß an einem solchen Bauherrn gehabt. Als Andersdenkender auf unkonventionellen Wegen stößt man bei seinen Mitmenschen an Grenzen. „Deswegen habe ich alles gleich selbst entworfen.“ Für Temming ist diese Eigenständigkeit Fluch und Segen zugleich.

Eigentlich sollte eine Stunde reichen, um das Ensemble der neuen Manufaktur zu besichtigen. Es werden zwei. Temmings Begeisterung für Details braucht Zeit und Raum. 8.800 Quadratmeter umfasst das ganze Areal, der Großteil davon umbaut. Wo einst der Brennereihof Elmenhorst stand, sind 5.700 Quadratmeter Gewerbe entstanden, die restliche Fläche nehmen vier „Townhouses“ und Privatwohnungen ein. Leben, Arbeiten und Wohnen rücken zusammen.


Damit gehe er seiner Umwelt auf die Nerven:

„Mit meiner Ideensprudelei und damit, dass ich auch im letzten Moment Dinge völlig umwerfe und sage: Das ist falsch! Ich bin starker Bauchmensch, auch in wirtschaftlicher Hinsicht.“


Wer den Osthus Hof in Isselhorst kennt, weiß, dass es die Mitarbeiter von Markus Temming schon immer schön hatten. Doch das Unternehmen wächst jährlich um etwa zehn Prozent. Das brauchte mehr Platz, der Umzug wurde notwendig. Mittlerweile arbeiten am neuen Standort rund hundert Menschen. Tendenz steigend. Aber mehr als zehn Prozent sollten pro Jahr nicht dazukommen, dann leidet das Betriebsklima, so der Bauherr.

Markus T - In der Produktion

Angefangen hat der Wahl-Bielefelder als Bastler schon als Kind. Sein Urgroßvater hat bereits Maschinen erfunden, der Großvater einen Reißverschluss – jedoch zeitgleich mit dem Schweden Gideon Sundbeck bzw. Othmar Winterhalter, der die Entwicklung in Wuppertal verfeinerte. Seine eigenen Kernkompetenzen benennt der Enkel mit Produktentwicklung und Design.

„Die Augenoptik hat mir geholfen, zu verstehen, wie wichtig es dafür ist, ganz tief in eine Materie einzudringen.“ Erst dann würden Ideen geboren. Wenn es etwa heißt: Ich will eine langlebige, leichte, aufs Wesentliche reduzierte Fassung. Schrauben sind dann plötzlich hinderlich. Eine Brille aus einem Stück Draht erscheint in neuem Licht, Stecksysteme sind die Lösung. Die leichteste Fassung aus Isselhorst wiegt zwei Gramm.

Markus T - Schneidlaser - Titan
Aus einer Titanplatte schneidet der Laser die Form. Die Toleranz liegt unter 0,1 Millimeter.

Der Innovationsdrang geht durch alle Bereiche. Zum Beispiel fand Temming die Möglichkeiten des konventionellen Färbeprozesses zu eingeschränkt und entwickelte ein eigenes System, das es möglich macht, unzählige Titanfarben darzustellen. „Es ist ganz einfach. Man muss nur darauf kommen.“ Der Technikfreak wiegt den Kopf, erzählt, wie viele Tests das Verfahren bis zum jetzigen Stand durchlaufen hat. Mittlerweile patentiert, bleiben Rezeptur und Prozess natürlich geheim.

Apropos Patent: Andere kopieren seine Ideen gern. In Fernost sind Plagiate an der Tagesordnung, leider bedienen sich auch manche heimischen Mitbewerber. Wenn auf den Messen Fadenverläufe für die Halterung der Fassungsteile auftauchen, die ursprünglich in Gütersloh erdacht wurden, wird ihm schon mal mulmig. Doch er winkt ab.

Ein anderes Beispiel für seinen Erfindergeist ist der selbst entwickelte Kunststoff TMi. Temming hatte den Anspruch, einen Kunststoff zu entwickeln, der eigentlich Metalleigenschaften haben sollte. Leicht, biegbar, langlebig. Dann ging das Netzwerken los: Jemanden zu finden, der beim Durchbruch zu einer neuen Idee hilfreich ist. Wichtig dabei, die Zeit zu investieren, zu experimentieren.

Das Boardinghouse

Markus T - Townhouse
Townhouse

Nach und nach wird aus dem Hof ein ganz neues Ensemble, in dem Arbeiten, Wohnen und Leben Hand in Hand gehen. Mit dem Einzug der Volksbank, dem Frisör Daniele Dragotta, der „Beeferia“ und weiteren Mietern – vom Psychiater bis zum Steuerberater – kommt immer mehr Leben in die ehemalige Industriebrache. Auch zwei Wohnungen und vier Townhäuser gehören dazu, die mit zehn Euro pro Quadratmeter zu mieten sind.

Ganz neu ist das Engagement des Familienvaters als Hotelier. Es ist kein Hotel im landläufigen Sinne, mehr ein Boardinghouse. Jedes der zwölf Appartements hat eine Küche. Das Magazin „Schöner Wohnen“ wird sicher nicht lang auf sich warten lassen. Das Zusammenspiel aus 19. und 21. Jahrhundert ist beeindruckend. Auch auf dieser Baustelle plant der Chef selbst. Nur er. Die Einzigartigkeit im Detail springt dem Besucher nicht direkt ins Auge, wirkt jedoch maßgeblich: Glas trifft auf Glas, daher lichtdurchflutet, viel ist Beton, aber auch alter Backstein bringt Atmosphäre, behutsam trifft Alt auf Neu, technische Finessen sorgen für Ordnung und Leichtigkeit, wie zum Beispiel versenkbare Kochplatten.

Markus T - Hotel/Boardinghouse
Hotel/Boardinghouse

Innenarchitekten dürften sich kaum satt sehen können. Wenn es zu dem dunklen Baustoff CDF kommt, hellt sich das Gesicht des Hausherrn vor Begeisterung nochmals auf. Daraus kann man Türen, Schränke, Bäder oder Lounge-Möbel kreieren. Alles aus einem Guss – die gläserne Manufaktur, samt angebundenem großzügigem Seminarraum, das Hotel, die vier Wohnungen, die vier kleinen Stadthäuser sind von A bis Z damit ausgestattet. Natürlich auch der kommende Messestand für die opti in München, und selbst für den Ladenbau der Partneroptiker lassen sich alle diese Entwürfe nutzen.

Resümee rund um den roten Faden

Und das ist der rote Faden im Temming-Kosmos: Am Anfang steht die Suche nach einer Idee, um das abzuschaffen, was nervt. Die Frage stellt sich, wo der Mehrwert ist, wenn Produkteigenschaften reduziert werden – egal, ob Brille, Möbel, Leuchte, Haus oder Hotel – und dann zu überlegen: Was ist technisch möglich, ohne dass die Funktionalität darunter leidet? Auch wenn dabei die herkömmlichen Wege verlassen werden. Gerade dann wird es spannend. Wichtig sind passende Partner auf dem jeweiligen Gebiet zu finden, von denen man lernen kann. Immer geht es um Lösungen für Störfaktoren. Dabei wird aufs Wesentliche reduziert: Egal wo, bei der Brille, beim Lounge-Möbel, im Hotel, bei den Leuchten, beim Schreibtisch.

Markus T - SchreibtischeEin weiteres Beispiel aus dem neuen Produktportfolio: Was stört rund um den Bildschirm? Klar, jedes Kabel stört. Nicht nur bei der Arbeit, wenn sich die wenigen Blätter dann doch wieder im Kabelsalat verfangen, sondern es stört auch das Auge des Design-Liebhabers. Der Designer will aufs Wesentliche reduzieren und schafft Monitorarme mit integrierten Kabelkanälen. Bingo. Selbst an den Leuchten sind minimalistische Steckverbindungen integriert – genial auch für den Ladenbau.

So wächst die Temming-Welt: Möbel, Raum, Licht und Sehen. Sogar der Nylonfaden zieht sich „durch die Jahre“, resümiert Temming trocken. Auch der Nylonfaden läuft quer Beet: In den Leuchten sorgt der gleiche Faden für Gravität, Leichtigkeit und die notwendige Spannweite. Leichtigkeit bedeutet durchgängig nicht nur leichtes Gewicht, sondern auch Reduktion: „Ich glaube an das Simple in Produkten.“

Womit ist er gescheitert?

Er überlegt kurz. Noch bevor er sich als 28-Jähriger selbstständig machte, war er tief beeindruckt von einer dänischen Linie. Doch er wollte es besser machen. Es gab seine fertigen Prototypen, aber er fuhr nochmals auf die Messe nach Mailand, um zu schauen, was aktuell läuft. Da hatte ein anderer Hersteller ein randloses Schraubensystem auf den Markt gebracht. Und Bäng – die Ernüchterung haute ihn fast um: Das System war von der Drahtbiegung genau gleich, seine Lösung hatte lediglich einen Silikon-Pfropf-Verschluss. Er kam zu spät: „Ich habe mich sehr geärgert.“


Seine drei wichtigsten Werte: Ehrlichkeit, Leichtigkeit, Glück


Es sollte so sein, meint er im Nachhinein. Was er aus dieser Geschichte gelernt hat? „Lösungsorientiert denken, nach vorn gucken, Abschalten können ist auch wichtig.“ Und Glück, denn auch das treibt ihn nach vorn. Seine Vorstellung von einem glücklichen Leben in Gemeinschaft, mit der Freiheit, ehrlich zu sein. Sich selbst und anderen gegenüber.

Wie sieht die Zukunft von Markus Temming aus?

Er wünscht sich mehr Auszeiten. Aber seine Mitarbeiter melden Bedenken an: Wenn er mehr Ruhe hat, schießt er dann doch nur mit irgendeiner anderen neuen Idee los.

// CH

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