Produkt: eyebizz 5/2019 Digital
eyebizz 5/2019 Digital
Monopoly der Markenlizenzen+++Lindberg: Zurückhaltung auf höchstem Niveau+++Jiyoon Yun: Berlin Brillen im 20-Minuten-Takt
Nachgefragt beim Verkehrsmediziner Dr. Mathias Bieberbach

Warum kein Wiederholungs-Sehtest für Autofahrer?

In einem Artikel in der „Zeit“ vom 23. Januar 2020 berichtete der Verkehrsmediziner Dr. Mathias Bieberbach über seine mehr als 20-jährige Erfahrung als Betriebsarzt und erzählte von LKW-Fahrern, die ihr Fahrzeug mit 20 Prozent Sehvermögen und ohne Brille steuern. Sein viel gelesener Artikel gipfelte in der Forderung: „Lasst Autofahrer alle fünf Jahre untersuchen – beginnend bei den Senioren.“ Die Resonanz war überwältigend, eyebizz fragte nach den Hintergründen. [13556]

Autofahrer und Sehtest
Warum kein regelmäßiger Sehtest für Autofahrer? (Bild: Pixabay / skitterphoto)

Herr Bieberbach, wie kam es zu Ihrem Artikel in der „Zeit“ – immerhin eine ganze Seite?

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Dr. Mathias Bieberbach: Ich schrieb einen Leserbrief. Anlass war der schwere Autounfall mit einem SUV in Berlin im September 2019. Behauptet wurde, SUV-Modelle seien gefährliche Autos, man müsse sie in den Innenstädten verbieten. Ich schrieb dazu, das Problem sei nicht das Auto, sondern die Tauglichkeit des Fahrers. Die Redaktion fand den Gedanken interessant und bat mich, dazu einen Essay zu schreiben.

In Ihrem Artikel berichten Sie von Ihren Gesundheits-Checks bei Bus- und Taxifahrern und kommen zu erschreckenden Erkenntnissen, etwa dieser: „Jeder Achte hat eine unbehandelte Sehschwäche.“

Es gibt Menschen, die haben einen sehr hohen Anspruch an ihre Sehschärfe und bemerken kleinste Verschlechterungen. Und dann gibt es Menschen, die kommen mit 20 oder 30 Prozent Sehleistung zu mir und behaupten steif und fest – ich hatte in dieser Woche wieder zwei –, sie könnten gut sehen. Manchmal sehr schwierig, sie dann davon zu überzeugen: So kannst du nicht mehr Auto fahren.

Wenn jemand beim Sehtest durchfällt, sagen wir: Geh zum Augenoptiker, lass dir eine Brille verschreiben, komm dann wieder und wir machen einen Nachtest. Das ist auch preisgünstiger als ein großes augenärztliches Gutachten. Wenn der Augenoptiker feststellt, dass die Fehlsichtigen zumindest 80 oder 90 Prozent korrigiert werden können, dann kommen sie wieder. Wenn nicht, müssen sie zum Augenarzt. Doch eigentlich sagen alle hinterher: Ich wusste gar nicht, wie gut man sehen kann. Die waren sich vorher keiner Schuld und keines Mangels bewusst.

Warum tragen Autofahrer, die genau wissen, dass sie nicht gut sehen, keine Brille?

Ich habe noch nie einem Taxifahrer erlebt, der mir gesagt hat: Ich weiß, dass ich schlecht sehe, aber eine Brille kann ich mir im Moment nicht leisten. Das ist bei LKW-Fahrern, insbesondere denen, die gerade einen Führerschein machen, mittlerweile fast schon die Regel.

Dr. Mathias Bieberbach
Dr. med. Mathias Bieberbach, Betriebs-
und Verkehrsmediziner in Hannover

Sie sagen, ich sehe nicht gut, aber ich kann mir keine Brille leisten. Manche LKW-Fahrer, die zu mir kommen, haben sich auf Anregung der Bundesanstalt für Arbeit umschulen lassen und fühlen sich mit ihrem Sehproblem alleine gelassen. Die Untersuchung bei mir bekommen sie bezahlt, aber keine Brille.

In diesem Fall müsste eigentlich die Bundesanstalt für Arbeit einspringen, wenn sie schon bereit ist, die Umschulung für den LKW-Führerschein zu bezahlen, und der ist richtig teuer. Da die paar Euro für eine einfache Sehhilfe nicht mit reinzunehmen, finde ich suboptimal. Hier geht es um Menschen, die oft am Existenzminimum leben … Aber, darf ich in diesem Zusammenhang kurz auf den einen oder anderen Augenoptiker schimpfen?

Wenn es sein muss …

Ich höre immer wieder, dass Lockangebote in Zeitungsanzeigen geschaltet werden: Bei uns bekommen Sie eine Brille für so oder so viel. Und wenn die Leute dann hingehen, wird im Beratungsgespräch versucht, das hochpreisige Modell anzubieten und dann wird den Leuten manchmal auch unterschwellig gesagt, unter dem geht’s eigentlich nicht. Das finde ich schade.


„Wir verstecken schon die Autoschlüssel.“


Zurück zu Ihrem Artikel: Wie war die Resonanz?

Ich hatte mehrere Rundfunk- und Fernsehauftritte und habe Hunderte von Zuschriften bekommen, von denen ich viele beantwortet habe. Auf „Zeit online“ können über 900 nachgelesen werden (Stichwort: Autofahrer zum TÜV). Mindestens 80 Prozent der Rückmeldungen waren positiv.

Und fanden die Forderung nach einem Gesundheits-Check für Autofahrer alle fünf Jahre gut, besonders im Fall von Senioren. Briefschreiber berichteten über ihre Auseinandersetzungen mit ihren alten Eltern, die wider besseres Wissen immer noch Auto fuhren: „Wir finden kein Verständnis bei denen, wir verstecken schon die Autoschlüssel!“

Auf der Autobahn
Auf der Autobahn (Bild: Pixabay)

Kamen auch Leserbriefe von Augenoptikern?

Nein, so gut wie gar nicht. Vielleicht lesen sie die „Zeit“ nicht, weil sie keine Zeit haben.

Warum lässt sich ein regelmäßiger Sehtest für Autofahrer offenbar nicht durchsetzen?

Wenn sich der Bundesverkehrsminister nicht des Problems annimmt, und das tut er nicht, dann wird man hier nie irgendwie weiterkommen. Die Politiker haben offensichtlich Angst vor dem Autofahrer als Wähler. Wenn ich aber die große Resonanz auf meinen Artikel sehe, dann habe ich den Eindruck, die weit überwiegende Anzahl der Menschen, einschließlich der Autofahrer, sieht, dass wir hier ein Problem haben, das wir lösen müssen.

/// JUEB

 

Beitrag aus der eyebizz 6.2020

 

Produkt: eyebizz  2/2019
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Augenärzte könnten bei der Führerscheinstelle Meldung machen.Das habe ich
    in meiner jahrzehntelanger Augenoptikerpaxis nur einmal erlebt.Ansonsten
    haben die Augenärzte Angst der Patient könnte nicht mehr wiederkommen oder
    sagen: zu dem kannst du nicht gehen. Bei vielen Unfällen, die in der Zeitung
    standen und von deren Verursacher ich Kenntnis bekam und deren Sehschärfe
    kannte, war das nur eine Frage der Zeit bis so was passierte. Oft kam noch
    fehlende Reaktionsfähigkeit wegen hohen Alters hinzu.

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