Produkt: eyebizz 5/2019 Digital
eyebizz 5/2019 Digital
Monopoly der Markenlizenzen+++Lindberg: Zurückhaltung auf höchstem Niveau+++Jiyoon Yun: Berlin Brillen im 20-Minuten-Takt
Porträt: Brillenschatz, Berlin

Vintage-Brillen im Steampunk-Ambiente

Brillenschatz Berlin: Abdullah Demir
Brillenschatz Berlin: Abdullah Demir

Ihm einmal im Leben zu begegnen, war ein Traum von Abdullah Demir. Im vergangenen Jahr ging er in Erfüllung. Zunächst traten zwei offensichtliche Bodyguards in seinen Laden, dann folgte mit Abstand der nur 165 Zentimeter große Sir Elton John. Der hatte ein Konzert in Hamburg, das ausfiel, so kam’s zum Kurztrip nach Berlin. Abdullah Demir gelang es, locker zu bleiben. Elton John kaufte zwar nichts, doch er wird wiederkommen.

Denn beide Männer haben mindestens eines gemeinsam. Der 48-jährige Türke und die Poplegende aus London sind vernarrt in ausgefallene Brillen-Einzelstücke – je extravaganter, desto schöner. Und Abdullah Demirs Geschäft in der Potsdamer Straße heißt völlig zu recht Brillenschatz, denn dort ruhen in den schmalen Schubladen unzählige Kostbarkeiten, vorrangig aus den 1970er, 80er und 90er Jahren, die größtenteils Designgeschichte geschrieben haben.

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Ein Geschäft wie ein U-Boot

Bestseller von Marken wie Ray Ban, Cartier, Alain Mikli, Jean-Paul Gaultier, darunter Exzentrisches in aufsehenerregenden Formen und wilden Farben, die anspruchsvolle Vintage-Freunde das Herz höher schlagen lässt, weil die meisten der Fassungen kaum mehr zu bekommen sind: eine Chanel-Sonnenbrille mit goldener Kette am oberen Rand, von Karl Lagerfeld kreiert und Lady Gaga getragen, oder diese glamouröse Alain-Mikli-Fassung aus den 1980er Jahren, mit der Elton John bei einem Auftritt in Melbourne 1986 musizierte.

Brillenschatz: Abdullah Demir - ausgefallene Vintage-Brillen

Doch das absolute Highlight im Brillenschatz ist eine Matsuda-Sonnenbrille von 1989, das legendäre Modell, das Schauspielerin Linda Hamilton im Schwarzenegger-Blockbuster „Terminator 2“ trug. Entworfen wurde es im Steampunk-Design, gewissermaßen die Referenz-Brille des Geschäfts. Denn auch das folgt der selben Ästhetik.

Der Ausstellungs- und Verkaufsraum erinnert an ein U-Boot. Nachgemachte Fabrikeisentüren mit Nieten, Bullaugen als Spiegel, Kupferrohre. Es ist wie eine paradoxe Zauberwelt aus Kupfer, Messing, Holz und Leder mit Industriedesign-Versatzstücken an Decken und Wänden mit Nieten und Spiegel-Bullaugen, doch auf dem Holzboden geht es sehr nostalgisch zu. Da stehen Ledersessel wie geschaffen für britische Dandys.

Gegenentwurf zum Minimalismus der Umgebung

Früher war hier die Poststelle des Tagesspiegels untergebracht, der damals noch in der Potsdamer Straße residierte. Das neue Interieur wurde von einem Künstler und Architekten in Personalunion entworfen, der Umbau dauerte sieben statt der geplanten drei Monate. Das Konzept war ein bewusster Gegenentwurf, sagt Abdullah Demir. „Wir wollten uns von dem Minimalismus um uns herum abheben.“

Denn das Brillengeschäft befindet sich direkt an der Durchfahrt zu den Mercator-Höfen und damit mitten im angesagten Hotspot der Potsdamer Straße, die sich in den vergangenen Jahren beeindruckend gewandelt hat. Dort, wo es früher fast nur Döner-Imbisse, Strip-Lokale, Wühltische und Wettbüros gab, haben sich nun Edelrestaurants, hippe Galerien und Luxus-Boutiquen wie Andreas Murkudis angesiedelt, wo alles einer Ästhetik von Schlichtheit und Reduktion folgt.

„Das waren die letzten Quadratmeter, die hier noch zu haben waren“, erzählt Abdullah Demir und schwärmt: „Hier ist eine Dynamik, da wächst noch etwas.“ Edelkonsum neben ehrlicher Bodenständigkeit – das gibt der Gegend einen besonderen, weil rauen Charme. Und wer die Luxus-Boutiquen in den Mercator-Höfen besucht, kommt automatisch bei Abdullah Demir vorbei.

Seine Liebe zur Brille entzündete sich auf dem Berliner Flohmarkt an der Straße des 17. Juni. Dort sah er, wie alte Designerbrillen verkauft wurden. Er entdeckte Original Vintage-Brillen für sich, sammelte sie und verkaufte auch. 2009 gründete er Brillenschatz, am Anfang nur als Online-Shop, dann 2011 mit einem Laden in Kreuzberg am Planufer. So schön die Gegend mit ihren denkmalgeschützten Gebäuden und den vielen Bäume auch war, es fehlte die Laufkundschaft. Deshalb zog er im Frühjahr 2016 in die Potsdamer Straße um und erlebte einen fulminanten Start.

Ungetragen, außergewöhnlich, hochwertig

Denn zwei Wochen nach der unspektakulären Eröffnung fand das jährliche „Gallery Weekend“ statt, bei dem rund 50 Berliner Galerien, darunter auch viele in der Potsdamer Straße, ihre Kunst ein Wochenende lang und auch am Abend präsentieren. Nicht wenige der Kunst- und Designinteressierten, darunter betuchte Sammler aus dem Ausland, schauten bei Brillenschatz vorbei und wurden fündig.

Brillenschatz: Abdullah Demir - jede Menge Vintage-Brillen
Brillenschatz: jede Menge Vintage-Brillen

Rund 2.000 Brillen bietet Abdullah Demir in seinem Laden an, fünfmal so viele hat er gelagert. Bei 250 Euro geht es los, man kann auch mehrere Tausend für eine Rarität ausgeben „3.000 meiner Brillen sind richtig gut“, sagt Abdullah Demir. Seine Geschäftspartnerin und Lebensgefährtin Melanie Potschas schmunzelt: „Na, er hat mittlerweile extrem hohe Ansprüche.“ Diese lauten: ungetragen, außergewöhnlich und hochwertig müssen die original Vintage-Brillen sein. Logisch, dass solche Beute immer schwerer zu bekommen ist, doch er hat seine Quellen und sein Netzwerk, über das er natürlich nicht spricht.

Melanie Potschas hat gerade mit „erheblichem Aufwand“ auch einen Online-Shop eingerichtet: „Die Qualität der Fotos muss einfach sehr gut sein, auch der Datenschutz ist immens wichtig, gerade wenn man sehr wertvolle Produkte im Angebot hat.“ Website und Online-Shop haben in erster Linie das Ziel, Interessierte in das Geschäft zu locken. Priorität hat das Geschäft vor Ort.

Vintage-Brillen sind wie guter Wein

„Ich will mit meinen Brillen Buntheit, Farben und schöne Formen ins Leben bringen,“ sagt Abdullah Demir, „und Vintage-Brillen werden mit den Jahren immer besser, sie reifen wie guter Wein.“ Doch Brillen sind für ihn nicht nur vom Design her faszinierend, er betrachtet sie auch philosophisch: „Man sieht damit in die Tiefe und in die Weite. Und man öffnet sich damit auch gegenüber der Welt.“

Dabei widerlegt er auch gleich die Vermutung, seine Kunden würden seine extravaganten Fassungen eher sammeln als tragen. Als Kunden zählt er auf: Psychologen, Architekten, Zahnärzte, Künstler, Models – bis er innehält und schließt: „Ich glaube, es sind Individualisten.“

Brillenschatz: Abdullah Demir

Wie Abdullah Demir selbst, der mit seiner freundlichen Art spielend leicht auf Menschen zugeht, besonders, wenn sie ungewöhnliche Brillen tragen. Er spricht sie dann einfach an, egal ob auf der Straße oder im Supermarkt. So etwa kürzlich einen älteren Herrn mit einer original Vintage-Wolfgang-Joop-Fassung im grauen Metall.

Aus dem Gespräch ergab sich ein Geschäftskontakt, der Mann kam kürzlich in den Laden, auf der Suche nach genau dem gleichen Modell. Abdullah Demir musste zwar passen, doch konnte ihm dafür ein anderes Joop-Modell schmackhaft machen. Der Mann war ein bekannter Musiker, der Nina Hagen am Anfang ihrer Karriere begleitet hat, wie man nebenbei erfährt, doch prominente Namen wie etwa auch Jean-Paul Gaultier, der auch schon zu Gast war, sind Abdullah Demir nicht wichtig. Selbst wenn sie seinen Brillenschatz aufwerten. Vielmehr interessiert ihn, ob jemand ebenso an Brillen interessiert ist wie er selbst.

Büffelhornbrillen sind etwa derzeit seine Lieblingsmodelle. Er hat deswegen schon einmal einen Workshop bei einem Augenoptikermeister absolviert, um selbst mit Naturhorn arbeiten zu können, denn gelernter Augenoptiker ist er nicht . . .

Das Leben kann man nicht bestellen

Seine Eltern sind vom Westschwarzen Meer nach Deutschland gekommen, er ist hier geboren. Seine Mutter wollte den Führerschein machen, deswegen sei sie mit ihrem Mann hier gelandet, erzählt der Sohn halb im Ernst, halb im Scherz. Der Vater war im Baubereich tätig. Der Sohn verdiente sein Geld bis Ende 20 als Akkordeonist mit Vorliebe für Jazz. Später geriet er in eine Lebenskrise, was auch mit einer nicht ganz einfachen Kindheit zusammenhing, erlebte einige Irrwege, es ging ihm nicht gut, er musste sich ganz neu erfinden.

Jetzt ist er bei sich selbst angekommen und bei den Brillen. Er hat mit seinem umfangreichen Fundus etwas aufgebaut, was in Berlin und vielleicht sogar in Deutschland seinesgleichen sucht.

Brillenschatz Berlin: Abdullah Demir und Melanie Potschas
Abdullah Demir und Melanie Potschas

„Das Leben kann man nicht bestellen“, sagt Abdullah Demir. „Ich hatte keinen Masterplan, sondern bin meinen Weg Schritt für Schritt gegangen. Ich hatte ja keine Erfahrung. Die ersten vier Jahre waren vor allem eines: Lernen.“ Dabei hat er sich auch vom Einzelkämpfer zum Teamplayer entwickelt. Gemeinsam mit seiner Partnerin bringt er seinen Brillenschatz nun weiter voran, aber so, wie es ihrem Konzept entspricht.

Berater hatten ihn einmal vorgeschlagen, das Geschäft ganz groß aufzuziehen, das Potenzial wäre ja da, doch für die beiden Individualisten ist das keine gute Option. Melanie Potschas, die früher im großen Stil mit Antiquitäten gehandelt hat, sagt: „Du musst dann so viele Leute bedienen, bleibst aber selbst auf der Strecke. Es geht aber darum, sich mit der Sache zu identifizieren.“ Abdullah Demir stimmt ihr zu.

// JUEB    [ID 6853]

 

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