Dass Martin Schoeder heute eigene Brillenfassungs-Kollektionen unter seinem Namen designt, liegt auch an den Frauen, die den 1978 in der DDR geborenen Feingeist auf seinem Weg begleiten. Eine damalige Lebensgefährtin ist Augenoptikerin bei „Brödner – der Praxis für Augenoptik und Optometrie“. So heißt der Betrieb in der Peripherie von Leipzig in Böhlitz-Ehrenberg heute, den Schoeder 2005 vom damaligen Inhaber kauft. Richtig verliebt blieb der neue Chef fortan in die Augenoptik und seit 2018 in seine Frau. Sie lernt er ebenfalls im Betrieb kennen, denn sie kommt als Vertreterin von Grafix, um nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.
In seinem Freiraumbüro trifft man den vierfachen Vater häufig bei schönem Wetter mit dem Notiz- und Skizzenbuch in der Hand (Foto: Martin Schoeder Eyewear)
Liebe auf den ersten Blick nennt Schoeder das heute, bei beiden. Und da Grafix keinen Designer angestellt hat, hilft er dort immer mehr aus und steuert Ideen bei. Das wiederum passt aber dem Vertriebsleiter nicht so richtig, was zur Folge hat, dass Schoeder sich zurücknimmt und beginnt, eigene Ideen für eigene Fassungen umzusetzen. Nicht zuletzt animiert durch die ehemalige Vertreterin Alana, die heute mit Familiennamen Schoeder heißt und die Vertriebsleitung bei Grafix übernommen hat. Noch vorher gründet Martin Schoeder 2022 sein eigenes Label.
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Hier könnte die Geschichte schon zu Ende sein, doch es lohnt der tiefere Blick auf ein besonderes Brillenlabel für in Deutschland handgefertigte Acetatfassungen. Martin Schoeder Eyewear: „Mit Liebe von uns designt, schmiegen sich die Fassungen angenehm auf die Nase und sind unkompliziert auf viele Köpfe anpassbar. Neben den hochwertigen italienischen Acetaten verwenden wir ausschließlich deutsche, ganglaufregulierte Scharniere. Unser Anspruch ist ein exklusives Produkt, das mit kurzen Wegen nachhaltig produziert wird, mit besten Materialien langlebig ist und durch unsere Leidenschaft den Nerv unserer Kunden trifft“, lässt sich der Designer auf der Website des Labels zitieren.
Redselig, sensibel und neugierig
Schoeder sagt von sich selbst, er tendiere als sehr kommunikativer Mensch dazu, viel zu reden. Genauso neugierig sei er als Kind gewesen und so sensibel. Um den kreativen Kopf besser zu verstehen, hilft der Ausflug in die Zeit eines mit illustren Persönlichkeiten umgebenen Kindes recht weit vor der Wende. Die Erinnerungen sind felsenfest im Hirn verankert – und Schoeder macht es sichtlich selbst Spaß, zurückzublicken. Obwohl auch die Gegenwart in einem Kiez-Restaurant angenehm und interessant wirkt – in seinem Freiraumbüro trifft man den vierfachen Vater häufig bei schönem Wetter mit dem Notiz- und Skizzenbuch in der Hand.
Die Kindheit des jungen Martin ist geprägt durch das musikalische und kulturelle Erbe, das ihm durch die Eltern auferlegt wird. Mutter und Vater sind Gesangspädagogen und Opernsänger und entsprechend häufig auf Tournee. Das ändert sich auch nicht, als der Vater 1984 das erste Privattheater der DDR gründet. Martin lebt deswegen mehr oder weniger bei seinem Opa, der als Neurologe vielleicht weniger von der Muse geküsst ist, stattdessen aber durch seine Lebenseinstellung und seinen Mut Eindruck auf den Enkel macht.
Elisabeth (21), Martin Schoeders ältestes von vier Kindern, wird mit in die Kampagne eingebunden, hier mit Stiefvater Norbert (70), der von den Kunden „Jesus“ genannt wird – da „bekommt der Begriff Familienbetrieb doch noch eine schöne Bedeutung“, sagt der Designer (Foto: Martin Schoeder Eyewear)
Rudolf Claus ist aber der DDR nicht derart verbunden, wie man das bei der SED gerne sieht. Als Zwangsmitglied sind dem Opa derweil Grenzen gesetzt, seine Ideologie nicht mehr nur dem Enkel nahezubringen. 1953 bricht der Großvater also in die Parteizentrale der SED in Eisenach ein, um Unterlagen über sich zu stehlen und zu vernichten. Er erreicht sein Ziel, die SED hat fortan keine Kenntnis mehr von ihm, und Martin ist um eine Erfahrung in Sachen Neugier und Sensibilität für soziale Themen reicher, als er die Story von einem Opa erfährt.
Anzeichen für schlummerndes Designerhändchen
Die Eltern wiederum arbeiten sich an ihren unterschiedlichen Religionshintergründen ab: Die Ökumene funktioniert familienintern nicht wirklich. Ob es dabei hilfreich ist, dass sich Mutter Schoeder für die Gleichberechtigung einsetzt? Martin verbringt viel Zeit in der Oper, bei den Proben der in der DDR bekannten und beliebten Eltern. Er liebt das Musizieren und er näht als Kind selbst – erste Anzeichen für das schlummernde Designerhändchen. Gepaart mit dem Zeichentalent seines Großvaters, bekommt Schoeder in seiner Kindheit einiges mit auf den Weg. Und das gehört nach wie vor alles zum Designer und auch zum Menschen Martin Schoeder: Der hält es mit Erich Kästner, der in seiner Vorrede zu seinem Roman „Emil und die Detektive“ sagt: „Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. … Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“
Zunächst aber scheint die großväterliche Erziehung Oberhand zu gewinnen, denn nachdem Schoeder den Augenoptikbetrieb in Leipzig gekauft hat, entwickelt er sich „von einem kaufmännischen zu einem praktischen Optiker mit Spezialisierung auf Gleitsicht und individuelle Brillengläser.“ Durch eigene Recherchen zu optischen Fehlern und emotionaler Wahrnehmung habe er eine einhundertprozentige Verträglichkeitsquote bei seinen Kunden erreicht.
Erst nach und nach wird in ihm das Designer-Gen entfesselt. Mittlerweile als Vater von drei Kindern lernt er seine jetzige Frau kennen. Der Kontakt zu Grafix ist bereits oben beschrieben, die nachfolgenden Ressentiments des damaligen Vertriebsleiters auch. Alana schenkt ihm nicht nur ein viertes Kind, sondern ermutigt ihn zudem, eine eigene Brillenkollektion zu entwerfen. Nicht aus Titan wie bei Grafix, sondern aus Acetat. Bereits zwischen den 1960er und 1980er Jahren hatte sich Optik Brödner einen Namen gemacht mit auf Kundenwunsch gefertigten Acetatfassungen.
Von Null auf ohne Investor
Bevor 2022 das Design von Null auf und ohne Investor zum Lebensmittelpunkt wird, unterstützt Schoeder zunächst noch die Industrie in Designfragen und im Außendienst, vornehmlich Grafix. Naheliegend, dass er Grafix 2024 übernimmt, als sich die Gelegenheit dazu bietet. Ob Acetat oder Titan, für Schoeder steht fest: „Gutes Brillendesign verbindet sich immer mit unserem Gesicht. Es bildet eine Einheit mit uns selbst.“ So verstehe er seine Arbeit bis heute. Schoeder mochte sich noch nie selbst darstellen, er möchte „anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“ Er habe keine Angst, etwas Neues auszuprobieren, aber sagt auch, „zeitgenössisches Design hat Respekt vor Geschichte und Traditionen.“
Tochter Elisabeth (rechts) mit einem anderen Kampagnen-Model in der Leipziger Oper. Dort darf sich das Leipziger Label als „Lokalmatador“ nach Herzenslust austoben (Foto: Martin Schoeder Eyewear)
Das Design aus Leipzig soll mehr liefern als nur schicke Brillen, er konzentriere sich darauf, hochwertige Systemkollektionen herzustellen, die sowohl medizinische als auch formale Anforderungen erfüllen. Was das heißt? „Das zeigt sich in unserem Augenmerk für die Details und in der Aufmerksamkeit unserer täglichen Arbeit, vom Bügelende bis zur kompletten hochwertigen Brillenfassung, die beim Kunden ankommt.“ Es ginge auch um die Bedeutung von Design und Präzision. Er wolle den Wert eines Produkts darstellen und verfolge außerdem das Prinzip der optischen Ruhe. „Ja, das kling hochtrabend. Dabei geht es nur darum, Kleinigkeiten zu korrigieren und zu optimieren, das zieht sich durch die komplette Kollektion.“
Die meisten Fassungen sind nach Kleidungsgrößen kategorisiert, als Standard hält Martin Schoeder Eyewear drei oder vier Größen eines jeden Modells vor. Das geht nicht bei jedem Modell, aber trotzdem hat sich ein umfassendes System mit beinahe 400 Brillen daraus entwickelt, um verschiedene Kundengruppen zu bedienen. Demnächst auch Kinder: Die Markteinführung der „Maki“ steht bevor, auch sie folgt dem Konzept der optischen Ruhe, bei dem spezielle Formen verwendet werden, um eine natürliche Wahrnehmung zu erzeugen. Die Kollektion Maki mit praktischen, preiswerten Brillenfassungen wird unter Grafix eingebunden.
In der Rolle des Beobachters
Sicher nicht die letzte Idee eines umtriebigen, aufgeschlossenen und aufmerksamen Designers, der trotz allem nach eigener Auffassung nur ungerne die Hauptrolle spielt. Anders als die Eltern nimmt Martin Schoeder gerne mal die Rolle des Beobachters ein – so wie manchmal im Freiraum-Büro im Restaurant. Dass das Label seinen Namen trägt, stehe nicht im Widerspruch dazu. Vielmehr habe das gesamte Team zur Gründung nach passenden Namen Ausschau gehalten, ehe sich einer der Angestellten traute, die Idee zu formulieren, die naheliegend ist. „Setzen wir doch deinen Namen drauf! Das spiegelt Leidenschaft und Verantwortung wider.“ Für jemanden, der „Respekt vor der Fassung“ predigt, gab es da keine Kontra-Argumente mehr.