Designer und Visionär Markus Temming

Markus T: Let’s talk about Tec

Des Deutschen liebstes Kind war einmal das Auto. Des Augenoptikers Liebstes die Werkstatt. Und heute? eyebizz sprach mit Markus Temming, als Gründer von Markus T ein Visionär, der Design und technisches Knowhow wie kaum ein Zweiter in der augenoptischen Branche vereint. Getroffen haben wir einen agilen, nachdenklichen Menschen, der sich mit gesellschaftlichen Strömungen wandelt, zwischendurch aber deutlich nein sagt: zum Beispiel zu „Fridays for Future“.

Markus T - Schneidlaser - Titan Formlasern
Markus T: Titan Formlasern

Vor 20 Jahren ist der 48-Jährige noch 90.000 Kilometer im Jahr gefahren. Die Zeit im bequemen, selbst konfigurierten Kombi war meditativ, erinnert er sich, die Gedanken schweiften, gute Ideen rund um die Marke Markus T wurden geboren. Zugegeben, das Gefährt war auch Statussymbol. Heute gibt es andere Prioritäten. Ein riesen SUV macht für den dreifachen Familienvater keinen Sinn, weil der Spritverbrauch zu hoch liegt.

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Sein Verhältnis zu den PS-starken Gefährten hat sich verändert, privat wie im Job. Drei smarte Elektrofirmenautos haben sie angeschafft, über eine Photovoltaik-Anlage selbst betankt: „Ein Kompromiss, weil die Wagen zurzeit letztlich nicht nachhaltiger sind als Verbrennungsmotoren. Die Forschung an umweltfreundlichen Akkus wird aber durch solche Käufe meiner Meinung nach beschleunigt, deswegen sind wir dabei.“ Akkus auf Wasserbasis, die recycelbar sind, da liegen Optionen für die Zukunft. Kleinere Wagen mit coolem Design, die Verbraucher begeistern, die ganz andere Werte haben als er beispielsweise vor 20 Jahren.

Markus T - Markus Temming
Markus Temming (48)

Der gebürtige Steinhagener kommt heute auf höchstens 15.000 Kilometer im Jahr. Die Ideen müssen nicht mehr beim Kilometerfressen kommen. Wenn er weiß, dass es mal wieder an der Zeit für einen Geniestreich ist, zieht er sich aber nach wie vor raus. Weg von Isselhorst, wo sich unter dem neuen Dach von Temming vieles vereint: die Manufaktur, Fassungsdesign, Möbel, Leuchten, zwei Stadthäuser und ein Hotel – alles selbst entworfen. Alles auf dem Gelände einer denkmalgeschützten Kornbrennerei. Ein beschauliches Ambiente.

Aber er muss raus, weg nach Hamburg, ins kleine Appartement. Oder er schließt eine Autostunde entfernt die Tür zum Ferienhäuschen seiner Eltern am Dümmer auf: weit weg vom Alltag, aber ganz nah am Ursprünglichen. Der Visionär, der einmal Physik und Design studieren wollte, sich aber für die Augenoptik entschieden hat, braucht die Einsiedelei als Ruheoase, in der er sich wohlfühlt und voll konzentriert.

Technik als Mittel zum Zweck

Die deutsche Augenoptik empfindet Temming heute noch als deutlich Technik affiner als andere Märkte wie beispielsweise die USA. Trotzdem werden mehr und mehr Werkstatt- oder Einschleifservices extern in Anspruch genommen. Dadurch werden Standardservices ausgegliedert, und der Optiker kann sich mehr auf seine speziellen Kompetenzen konzentrieren und ausbauen.

Auch bei den Markus-T-Fassungen steht die Technik nicht als Nummer-eins-Wert im Vordergrund. Wichtiger ist der Komfort, für den Technik und Technologie Mittel zum Zweck sind. Temming: „Technik ist bei uns ein wichtiger Baustein, die Voraussetzung für unsere Qualität ist aber viel mehr unsere Inhouse-Produktion, mit der wir alles unter Kontrolle haben. Das Design spielt eine ebenso große Rolle. Ich will mich mit der Brille wohlfühlen, aber auch ein Statement abgeben. Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche stehen beim Temming-Design ganz im Vordergrund, da liegt seine Stärke. Detailverliebtheit und in die Materie einsteigen: Ja, aber immer vor dem Hintergrund, eine einfache, maximal reduzierte Lösung für ein echtes Bedürfnis zu finden. Diese Maxime gilt für Brillen, Möbel, Innenarchitektur.“


Das nervt ihn am meisten an seiner Person: „Meine Ruhelosigkeit ist wie ein Motor, der ständig neue Ideen hervorbringt. Kreativität entsteht durch Bewegung – ein zeitweiser Ideen-Leerlauf würde dem Motor und meinen Mitarbeitern aber vielleicht auch mal ganz gut tun.“


Angefangen hat der Wahl-Bielefelder als Bastler schon als Kind. Sein Urgroßvater hat bereits Maschinen erfunden, der Großvater einen Reißverschluss – jedoch zeitgleich mit dem Schweden Gideon Sundbeck bzw. Othmar Winterhalter, der die Entwicklung in Wuppertal verfeinerte. Seine eigenen Kernkompetenzen benennt der Enkel mit Produktentwicklung und Design. „Die Augenoptik hat mir geholfen zu verstehen, wie wichtig es dafür ist, ganz tief in eine Materie einzudringen.“

Erst dann würden Ideen geboren. Wenn es etwa heißt: Ich will eine langlebige, leichte, aufs Wesentliche reduzierte Fassung. Schrauben sind dann plötzlich hinderlich. Eine Brille aus einem Stück Draht erscheint in neuem Licht, Stecksysteme sind die Lösung. Die leichteste Fassung aus Isselhorst wiegt zwei Gramm.

Zwei Meilensteine

Der erste große Wurf für Temming war natürlich seine erste Kollektion im Jahr 2000, die „Design von Markus T“, bei der ein Nylonfaden die Hauptrolle im Befestigungssystem der Gläser spielt und – typisch Markus T – die Bügel schraubenlos per Steckverbindung mit der Front verbunden sind. „Heute ist mir das Scharnier noch zu präsent, aber wir sind natürlich auch 20 Jahre weiter“, gibt er offen zu. Die Material-Entwicklung vom hauseigenen Kunststoff TMi war wichtig.

Für den Unternehmer persönlich ist die Entwicklung der Randlos-Kollektion Ease aber der wirklich wichtige zweite große Meilenstein: „Randlos ist von vornherein extrem reduziert. Hier besondere Akzente zu setzen, ist eine Herausforderung. Das Ergebnis klingt zunächst wie ein Paradoxon: Aufs Extreme reduziert – mit extrem vielen Möglichkeiten.“

Wie bitte?

Ein Modell. Drei Looks, tausende Möglichkeiten. Mit der Ease ist dem Visionär aus Gütersloh und seinem Team tatsächlich ein Geniestreich gelungen. Dahinter steckt harte Arbeit. Über zwei Jahre hat die Entwicklung gebraucht. Das Ziel stand von Beginn an fest: Reduktion aufs Maximum – mit ganz wenig Mitteln maximal viel Aussage treffen. Und: eine Verglasungstechnik, die jeder Augenoptiker auf einfache Art realisiert.

Das Ergebnis überzeugt. Minimalismus steht klar im Vordergrund. Das filigrane schraubenlose Scharnier mit Bügel und Steg aus sehr schmalem Titan mit der hochpräzisen Verglasungstechnik schaffen Leichtgewichte ab 3,6 Gramm. Für Markus Temming selbst war es noch nie so leicht, für sich selbst spannende Kombinationen aus einer Kollektion zusammenzustellen. Das wird nicht nur ihm so gehen.

Markus T - Modell A1016

Der Trick sind die Titan-Add-ons für zehn der 22 verschiedenen Modelle. Titan-Brücken und -Backen sowie die Bügel können aus zwölf verschiedenen Farben gewählt werden. Es gibt Flachbügel in zwei Ausführungen, farbige TMi-Konturen in zwei Breiten setzen weitere Akzente. Edel kommt die 24-Karat-PVD-Goldbeschichtung daher. Preisniveau: zwischen 398 bis 548 Euro.

So viele Möglichkeiten kann ein Augenoptiker natürlich nicht am Lager haben. Hilfe bringt der Online-Konfigurator. Und wenn die ausgesuchte Fassung mal nicht gefällt? Kann nicht sein, meint der Meister: „Eine virtuelle Brillenanprobe wäre gut, ist in der Testphase, aber noch nicht so ausgereift, dass jedes wichtige Detail adäquat dargestellt werden könnte.“

Gab es mal einen technischen Flop?

Tatsächlich gibt es bei so viel Erfindergeist auch mal technische Flops. Versuch und Irrtum gehören dazu. Unangenehm wurde es für Temming, als es um es den Färbeprozess für Titan ging. Temming fand die Möglichkeiten des konventionellen Färbeprozesses zu eingeschränkt und entwickelte ein eigenes System, das es möglich macht, unzählige Titanfarben darzustellen: „Es ist ganz einfach. Man muss nur darauf kommen.“

Der Technikfreak wiegt den Kopf, erzählt, wie viele Tests das Verfahren bis zum jetzigen Stand durchlaufen hat. Trotzdem gab es bei bestimmten Farben tatsächlich Probleme. Die Beschichtung blätterte ab. Es gab Reklamationsquoten von vier Prozent.

Für manche Firmen vielleicht normal, aber ein Gau für die Gütersloher. Es musste sofort gegengearbeitet werden. Der Chef verbrachte schlaflose Nächte. Es dauerte drei Monate, dann kam nachts die Erleuchtung. Das Problem wurde „relativ einfach“ gelöst, lacht er heute. Mittlerweile patentiert, bleiben Rezeptur und Prozess natürlich geheim. Temming würde es immer wieder so machen. Der Status quo rund um technische Themen wird in seinem Unternehmen immer wieder verlassen, um wirklich vorn zu sein.

Zukunftsthemen bei Markus T

Wie schaffen individuelle, unabhängige Augenoptiker und ihre Partner den Schritt in die Zukunft? Zum Beispiel haben sie bei der Umweltverträglichkeit die Nase vorn: Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Reduktion trifft den Zeitgeist, meint Temming. Inhouse wird ihr TMi-Material beispielsweise recycelt. Neulich wurde von der Belegschaft zum solidarischen Streik im Zusammenhang mit „Fridays for Future“ aufgerufen. „Nein, machen wir nicht mit“, lautete die umgehende glasklare Reaktion des Chefs. Erstaunen bei manchem Mitarbeiter.

Markus T - Färberaum
Markus T – Färberaum

Temmings Überlegung: Erstmal vor der eigenen Tür fegen. Erstmal im eigenen Betrieb, im eigenen Zuhause reagieren. Das Future-Projekt ist längst intern aufgenommen, aktuell noch konzentrierter. Wenn es neue Ergebnisse gibt, dann kann man vielleicht auch mitstreiken, aber erst gilt es, selbst aktiv zu werden.

Und die Digitalisierung? Hier sieht er die Hersteller in der Verantwortung, gemeinsam mit den augenoptischen Partnern Netzwerke aufzubauen. Hinter den Kulissen wird dazu intensiv gearbeitet.

Weiteres Wachstum? Ja, er wiegt den Kopf: „Aber verträglich für alle. Wir wollen ja auch alle dabei leben.“ Weiterentwicklung ist wichtiger als wirtschaftliches Wachstum, persönlich, für mehr Umweltverträglichkeit, für mehr Komfort: „Ich gehe gern vorwärts.“ Wenn er das nicht mehr tut, hört er auf. Das wird noch dauern.

// CH

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