Produkt: eyebizz 5/2019 Digital
eyebizz 5/2019 Digital
Monopoly der Markenlizenzen+++Lindberg: Zurückhaltung auf höchstem Niveau+++Jiyoon Yun: Berlin Brillen im 20-Minuten-Takt
Portrait: Tomas Mandler, AllesBrille Heidelberg

Kaufst du noch Brillengläser oder fertigst du schon?

Dass ein Augenoptiker sein Fassungsdesign vor Ort in seinem Geschäft in Eigenregie fertigt, ob komplett von Hand oder mittels 3D-Drucker, kennt man inzwischen. Aber auch die Brillengläser dazu? Wie soll das gehen? Tomas Mandler von AllesBrille Heidelberg weiß es. Wir haben ihn besucht. [13274]

AllesBrille - Brillenglas-Manufaktur
AllesBrille mit integrierter Brillenglas-Manufaktur

Es ist einiges los in der Bahnhofstraße an diesem sonnigen Nachmittag Anfang Juli, auch vor der Glasfront der AllesBrille Manufaktur. Ein Schild am Eingang des großzügigen und cleanen Verkaufsraums in warmem Beige und etwas Blau bittet den Kunden zu warten, bis man ihn abholt. In Zeiten von Corona wird auch hier fast nur mit Terminvereinbarung bedient. Der Blick bleibt an der großen Glasscheibe zur Werkstatt hängen, die irgendwie anders aussieht, die Aufschrift „Gläserne Manufaktur“ unterstreicht das nur.

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Tatsächlich: Hier kann nicht nur jeder das Messen, Einschleifen und Montieren der Brillengläser in die Fassung mitverfolgen, sondern auch die komplette Fertigung runder Brillenglas-Rohlinge. Wo sonst der Augenoptiker die Rohlinge mit den Korrektionswerten vom Hersteller fertig geliefert bekommt, kann Geschäftsführer Tomas Mandler die Wunschgläser des Kunden gleich vor Ort in der kleinen „Fertigungsstraße“ von OptoTech anfertigen.

Test-Gleitsichtbrille: Brillengläser in zwei Stunden

Macht auch Sinn, wenn man den Kunden eine Testbrille mit maßgefertigten Gleitsichtgläsern anbietet, die schon nach zwei Stunden abgeholt werden kann. Mit diesem einzigartigen Konzept wirbt das Geschäft in Heidelberg seit 2015 und bietet neben der schnellen Lieferzeit weitere Vorteile wie umweltfreundliches Halteverfahren, für das es auch schon einen Innovationspreis gab, und natürlich die regionale Fertigung. Vor allem Letzteres hat in Corona-Zeiten neues Gewicht bekommen.

Wie kam es dazu? Tomas Mandler: „Die Idee stammt von mir und meinem Vater Roland, Geschäftsführer der Optotech GmbH. Optotech gehört zu den weltweit führenden Produzenten von Maschinen und Anlagen zur Herstellung von Brillengläsern. Die Branche steht ja vor großen Veränderungen. Unser Ziel war es, dem traditionellen Optiker eine Möglichkeit zu geben, sich von den Ketten und Internet-Dienstleistern differenzieren zu können. Daher wollten wir ein echtes Show-Lab mit eigener Brillengläser-Herstellung aufbauen mit neuen Wegen für den Vertrieb hochwertiger Gläser.“

Brillengläser Show-Lab - AllesBrille - Tomas Mandler
Tomas Mandler: Fertigung der Brillengläser

Ist der Begriff Manufaktur nicht zu hoch gegriffen? Der 37-jährige Maschinenbau-Ingenieur mit Spezialisierung auf Mikrosystemtechnik verneint. „Unsere Brillengläser werden zwar mit Hilfe modernster Maschinen hergestellt, dennoch ist noch viel Handarbeit gefragt. Wir optimieren die Gläser am Computer, jeder Arbeitsgang wird manuell ausgeführt, ohne Automation, dann werden die Brillengläser eingeschliffen. Dadurch entstehen unsere Brillen in über 15 Arbeitsschritten per Hand.“

Optiker-Konzept von morgen?

Korrektionswerte schleifen, Polieren, Gravieren, Einfärben, Beschichten und Entspiegeln der Brillengläser, alles vor Ort möglich und nicht geräuschintensiver als der Schleifautomat zum Glas randen. Nur in seltenen Ausnahmefällen werden Gläser von anderen Herstellern bezogen, dann von Partnern, die in Deutschland fertigen. Rund 600 Gleitsichtbrillen werden im Jahr mit dem „Optiker-Konzept von morgen“ verkauft, Tendenz steigend.

„Wir haben uns auf das Thema Gleitsicht spezialisiert, da hier die Differenzierung von Billigprodukten gut funktioniert und die Margen höher sind. Aber auch Sportbrillen und anspruchsvolle Einzellösungen bei Einstärkengläsern sind wichtige Standbeine für uns. Also überall da, wo die günstige Konkurrenz keine guten Lösungen anbieten kann“, erklärt der dreifache Vater, der gern Lösungen für komplexe Probleme sucht.

Zwei Mal im Jahr wird die Testgleitsichtbrille von AllesBrille zum Preis von 100 Euro pro Gläser-Paar beworben. Die Kunden können sie zwei Wochen unverbindlich testen, beim Kauf einer Folgebrille wird der Gläserpreis voll angerechnet. Die Test-Brillengläser sind nur im Index 1,5 erhältlich und haben eine vorderseitige Vergütung. Die Folgegläser können dann in allen Indizes gefertigt werden und weitere Extras enthalten. Die Auswahl aus der Vielzahl an Möglichkeiten kann direkt über die eigene App EyeWizard getroffen und umgehend an das Brillenglas-Lab nebenan weitergeschickt werden.

AllesBrille Heidelberg
AllesBrille Heidelberg

„Die Testbrille dient dazu, unsere Gleitsichtgläser unter realen Bedingungen kennen zu lernen. Die Aktion funktioniert sehr gut, um Neukunden zu generieren. Da die Zufriedenheit mit unseren Gleitsichtgläsern sehr hoch ist – über 95 Prozent –, werden aus Neukunden oft Stammkunden“, so Tomas Mandler. Die Testmöglichkeit der Brillengläser kombiniert mit der offen einsehbaren Werkstatt und der Besonderheit der Glasfertigung vor Ort sorge für großes Interesse seitens der Kunden aus dem rund hundert Kilometer weiten Einzugsgebiet, erzählt er schmunzelnd, und immer wieder für „Führungen“.

Nachahmer erwünscht

Ausdrücklich freuen würde sich Quereinsteiger Mandler über Nachahmer der Glasmanufaktur-Idee. „Unser Ziel war es nicht, eine weitere Kette zu gründen, sondern ein neues Konzept für mittelgroße, inhabergeführte Optiker aufzuzeigen. Diese Zielgruppe zeichnet sich durch individuelle und hochwertige Lösungen für ihre Kunden aus. Unsere Vision ist, dass in fünf Jahren 10 bis 20 weitere Augenoptiker in Deutschland den Weg der eigenen Fertigung gehen.“ Mit einer Kapazität von 80 bis 100 Gläsern pro Tag ist die kleine Fertigung eher für Augenoptikgeschäfte interessant, die jährlich einen Glasumsatz zwischen 150.000 bis 200.000 Euro erzielen. So kann eine Amortisierung schon innerhalb von drei Jahren erreicht werden.

Interesse von anderen Augenoptikern gebe es auch schon, nur der letzte Impuls fehle. Vielleicht schafft das Angebot einer abgespeckten Version des Glas-Labs, an der schon gearbeitet wird, die weitere Verbreitung des ungewöhnlichen Konzepts. Dass es gut funktioniert, zeigt das fünfjährige Bestehen des Betriebs. „Leider konnten wir das wegen Corona nicht wirklich feiern, aber es wird nachgeholt“, verspricht Tomas Mandler.

/// PE

 

Bilder: AllesBrille Heidelberg/ Swen Carlin, Christian Kuhlmann

 

AllesBrille Manufaktur Heidelberg

Gründung: 2015

Mitarbeiter: 5 Augenoptiker (davon eine Meisterin), 1 Maschinenbau-Ingenieur

Alleinstellungsmerkmal: Erster Optiker Deutschlands mit eigener digitaler Brillenglasherstellung

Highlights der Unternehmensgeschichte: Hessischer Innovationspreis für umweltfreundliches Halteverfahren für Brillengläser 2017

www.allesbrille-heidelberg.com

 

Beitrag aus der eyebizz 4/5.2020

 

Produkt: eyebizz 4/2019 Digital
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