Im Gespräch mit Vordenker Armin Steuernagel

Nachhaltige Unternehmensführung heißt Verantwortungseigentum

Ein Unternehmen gehört sich selbst. Hört sich ein bisschen nach Sozialismus an. Die Idee birgt jedoch Vorteile für Mitarbeiter und Gesellschaft. Armin Steuernagel, Alexander Kühl, Adrian und Achim Hensen sehen sich als Pioniere für Verantwortungseigentum. Hinter ihrer Purpose Stiftung schlummert allerdings eine pfiffige Nachfolgeregelung. [13728]

Verantwortungseigentum - Purpose Stiftung - Armin Steuernagel
Armin Steuernagel, Gründer der Purpose Stiftung (Bild: Stephan Muennich)

Herr Steuernagel, Sie sind prominenter Fürsprecher einer Unternehmenskultur, bei der das Unternehmen jenen gehören soll, die aktiv dort arbeiten. Sie nennen die Idee „Verantwortungseigentum“. Wie kamen Sie darauf?

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Als ich aus meinem eigenen Unternehmen ausscheiden wollte, hatte ich weder einen Nachfolger in der eigenen Familie, noch wollte ich das Unternehmen wie eine Ware verkaufen, sondern sicherstellen, dass das Unternehmen ähnlich einem Familienunternehmen weitergeführt wird, sozusagen innerhalb einer „virtuellen“ Familie oder von „Brüdern und Schwestern im Geiste“, die auch in Zukunft die langfristige Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des Unternehmens als schützenswert erachten.

Für diese Art der Unternehmensweitergabe gibt es aber keine Rechtsform in Deutschland. Die momentan zur Verfügung stehenden Rechtsformen – etwa die GmbH oder die Aktiengesellschaft – lassen es zu, dass Unternehmen zum Spekulationsgut werden, denn das deutsche Recht betrachtet sie als eine Sache, die jederzeit verkauft werden kann, an ferne Investoren etwa, die mit dem Unternehmen nichts zu tun haben und somit das Gegenteil von einer familiären Bindung ans Unternehmen sind. Also habe ich begonnen, mich mit einer Form von Unternehmen auseinanderzusetzen, der eine andere Eigentumsstruktur zugrunde liegt.

Was meint Verantwortungseigentum?

Die Eigentümer eines solchen Unternehmens sind Eigentümer der Verantwortung für das Unternehmen, nicht aber Eigentümer des im Unternehmen befindlichen Vermögens. Dabei wird das Vermögen eines Unternehmens nicht als persönliches Vermögen des Eigentümers betrachtet. An dieser Stelle ist wichtig zu betonen, dass natürlich eine sehr große Zahl an Unternehmen, gerade im deutschen Mittelstand, genau das schon immer lebt. Gerade bei Familienunternehmen gilt traditionell eine Art Übereinkunft, das Vermögen im Sinne des Unternehmens einzusetzen und dieses nicht mal eben an den Meistbietenden zu verkaufen, um sich als Firmeneigentümer persönlich zu bereichern.


Verantwortungseigentum: Eigentum neu denken


Der Unterschied bei Verantwortungseigentum ist, dass es diese Prinzipien rechtlich verbindlich in den Statuten verankert: Das Vermögen und die Gewinne sind ans Unternehmen gebunden; das Unternehmen kann sozusagen nicht versilbert werden. Und: Die Weitergabe der Kontrolle über das Unternehmen erfolgt nicht nur innerhalb einer genetischen Familie, sondern innerhalb einer „Werte- und Fähigkeitenfamilie“. Was es dem Unternehmen ermöglicht, sich ökonomisch nachhaltig aufzustellen, seinen Fortbestand und seine Bedeutung für die Gesellschaft langfristig zu erhalten.

Als frühes Beispiel für Unternehmen, die den Gedanken des „Verantwortungseigentums“ ernst nahmen, nennen Sie Zeiss.

Die Zeiss-Stiftung ist eine Pionierin in Sachen Verantwortungseigentum, auch wenn es damals noch nicht so genannt wurde. Aber die Prinzipien von Verantwortungseigentum sind in der Firmenstruktur verankert. Nach dem Tod von Carl Zeiss war Ernst Karl Abbe, Professor für Physik und Mathematik, alleiniger Eigentümer.

Zeiss Stiftung - Ernst Abbe
Ernst Karl Abbe (1840-1905), Physiker,
Erfinder, Unternehmer und
Sozialreformer (Bild: Zeiss Archiv)

Doch er war ganz Wissenschaftler und der Überzeugung, dass der Erfolg des Unternehmens eben nicht sein alleiniges Verdienst war, sondern die Firma und seine eigenen Forschungen erheblich von den Forschungen anderer Kollegen profitiert hatte. Deshalb beschloss er, das gesamte Unternehmen in eine Stiftung umzuwandeln, also das Unternehmen sozusagen zu verschenken. Damit war Ernst Karl Abbe seiner Zeit weit voraus. Statt anonymen Anteilseignern zu gehören, sollte der Gewinn von Zeiss reinvestiert werden oder der Wissenschaft zugutekommen. Er hat nicht die Maximierung seines persönlichen Vermögens angestrebt, sondern die gesellschaftlichen Dimensionen seines wirtschaftlichen Tuns nach vorne gestellt.

Ihre Purpose Stiftung hilft Unternehmen bei der Transformation vom Vermögenseigentum zum Verantwortungseigentum. Wie aufwändig ist das?

Dieser Weg ist für ein Unternehmen heute äußerst beschwerlich. Im Grunde können nur große Unternehmen es Zeiss gleichtun und mit einer Stiftungskonstruktion Verantwortungseigentum umsetzen. Denn solche Konstruktionen sind juristisch unglaublich aufwändig und sehr teuer. Kleinere und mittlere Unternehmen können sich diesen Schritt nicht leisten, von Start-ups ganz zu schweigen.

Unsere Stiftung hilft über eine Art Hilfskonstrukt, Verantwortungseigentum doch umsetzen zu können. Das funktioniert, indem die Stiftung einen kleinen Veto-Anteil am Unternehmen hält und damit sozusagen den Riegel vorschieben kann, wenn dieses Unternehmen seine eigenen Regeln in Sachen Verantwortungseigentum brechen will. Ansonsten liegt die volle unternehmerische Kontrolle beim Unternehmen selbst.

Aber wir müssen zugeben: Auch das ist, genauso wie die Stiftungslösung, nur eine Krücke. Was es daher dringend braucht, ist eine eigene Rechtsform für Verantwortungseigentum, die es Start-ups ermöglicht, sich von vornherein rechtsverbindlich in Verantwortungseigentum aufzustellen.

Ist die Nachfrage so groß?

Ja! Immer mehr Entrepreneurs stellen Nachhaltigkeit, sowohl ökologisch als auch ökonomisch, ins Zentrum ihres Tuns. Sie wollen sicherstellen und auch ihrer Kundschaft und den Mitarbeitenden versprechen, dass das Unternehmen nicht zum Spekulationsgut wird, sondern einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zweck erfüllt.

/// JUEB

 

Beitrag aus der eyebizz 6.2020

 

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