Schleifen, Bohren – vielleicht sogar Bröckeln. Für die meisten ausgebildeten Augenoptikerinnen und Augenoptiker sind das Begriffe, die seit jeher zur Augenoptik und ihrer Arbeit dazu gehören. Die Werkstatt war für sie immer ein fester Kern im augenoptischen Handwerk, genauso wie die Refraktionsbestimmung oder die Fassungsberatung. Doch während sich die Erwartungen an die Refraktion und ohnehin an Gesundheitsdienstleistungen in den vergangenen Jahren gewandelt haben, lief die Werkstatt bei vielen Betrieben einfach mit. Zuverlässig, aber oft unreflektiert.
Spezielle Brillengläser oder besondere Fräsarbeiten sind für Einschleif-Werkstätten kein Problem
eyebizz lädt deswegen an dieser Stelle zu einer Bestandsaufnahme ein. Denn Fachkräftemangel, neue Technologien, wachsendes Nachhaltigkeits-Bewusstsein und veränderte Kundenerwartungen verändern auch die Rolle der Werkstatt grundlegend. Lassen Sie uns gemeinsam die augenoptische Werkstatt aus verschiedenen Blickwinkeln (neu) betrachten.
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Wer sich die aktuellen Branchenzahlen aus dem ZVA-Branchenreport 2024/2025 genauer betrachtet, stellt fest: Die Branche wächst und schrumpft zugleich.
2024 gab es nach den Zahlen des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen in Deutschland noch 10.820 stationäre Augenoptikbetriebe – 180 weniger als noch im Jahr zuvor. Seit 2013 geht die Zahl der Betriebe stetig zurück. Auch die Zahl der Beschäftigten sinkt. Und trotzdem verzeichnete der Branchenumsatz einen Zuwachs um 3,2 Prozent und liegt jetzt bei 6,56 Milliarden Euro – mit weniger verkauften Brillen, aber zu höheren Preisen. Auch diese Entwicklung hat sich in den Jahren nie geändert.
Andere Zahlen zeigen ebenso, wie sich der Markt verändert. So erwirtschaften inzwischen die zehn größten Unternehmen 54 Prozent des gesamten Branchenumsatzes. Für den inhabergeführten Fachbetrieb bedeutet das einen immer härter werdenden Wettbewerb. Differenzierung wird wichtiger und die knappe Ressource ist dabei nicht Geld und auch nicht Technologie, sondern Zeit. Zeit für Beratung, für Optometrie, für echten Kundenkontakt. Und auch, wenn sich der Arbeitsmarkt etwas entspannt, so überwiegen weiterhin die offenen Stellen gegenüber den arbeitssuchenden Augenoptikerinnen und Augenoptikern – wie gefühlt schon immer! Es sollte also gut überlegt sein, wo die wertvolle Ressource – die Mitarbeitenden – sinnvoll eingesetzt wird.
Wo Betriebe Zeit hinlenken wollen
Ein Blick auf die geplanten Investitionen für 2025 zeigt, wo die Betriebe diese Zeit hinlenken wollen. Knapp die Hälfte plant Investitionen in Refraktion und Screening, beinahe ebenso viele in Ladenbau und Renovierung. Die Werkstattausstattung steht bei deutlich weniger Betrieben auf der Liste. Gleichzeitig kommen gerade spannende neue Werkstatt-Lösungen auf den Markt. Wie das die Investitionsbereitschaft der Betriebe beeinflussen wird, muss die Zukunft zeigen. Die aktuellen Zahlen zeigen: einige Betriebe investieren, doch viele scheinen den Schwerpunkt aktuell auf andere Themen als die Werkstatt zu legen.
In diesem Artikel beleuchten wir deshalb die beiden gegensätzlichen Ansätze. Betriebe, die sich für die komplette Auslagerung der Werkstatt entschieden haben, und Betriebe, bei denen die Werkstatt ein echtes Alleinstellungsmerkmal ist. Für den ersten Fall hat eyebizz sich eine Einschleifwerkstatt angesehen. Natürlich besteht aber auch die Möglichkeit, entsprechende Services bei seinem Brillenglaslieferanten zu beziehen.
Die externe Werkstatt: Ein Blick hinter die Kulissen
Ein externer Einschleifservice ist für viele Kolleginnen und Kollegen (noch) ein „heikles“ Thema, immerhin ist die Augenoptik ja auch ein Handwerk. Ungern geben sie ihre Expertise, sei es im Verkauf oder diesem Fall in der Werkstatt, ab. Doch was tun, wenn die „Werkstattfee“ kündigt und kein Ersatz für die täglichen Arbeiten nachkommt oder der treueste Schleifautomat einmal seinen Dienst einstellt? Jörgen Sachsenweger ist Gründer und Inhaber von Sachsenweger in Thüringen. Er betreibt seit über 20 Jahren einen Einschleifservice und merkt deutlich, dass sich etwas in der Branche bewegt.
Optometrische Dienstleistungen fordern mehr Kundenbetreuung und machen die Mitarbeitenden bei der Beratung unverzichtbar. Die Werkstatt wird dann oft zum Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Viele Betriebe, die aus der Not heraus auslagern, merken aber schnell, dass es besser funktioniert als gedacht. Wer Kosten für Mitarbeitende, die Ausstattung und den Zeitaufwand für die Werkstattarbeit gegenrechnet, kommt mitunter darauf, dass eine externe Werkstatt nicht teurer sein muss.
Nützliche Helfer in der Werkstatt
Wer jetzt ein klinisches, fabrikähnliches Bild von externen Werkstätten hat, erlebt in den Räumlichkeiten von Sachsenweger genau das Gegenteil. In einem alten Bauernhaus auf dem idyllischen Land untergebracht, ist die Werkstatt kaum anders, als man es aus den Fachbetrieben kennt, die heute zu Sachsenwegers Kunden gehören: Die Zangen und Schraubendreher sind die Gleichen. Die Handarbeit und Leidenschaft für die Brille sind auch die Gleichen. Hier wird Qualität großgeschrieben. Die Mitarbeitenden sind qualifizierte Augenoptiker und sogar Optometristen. Jörgen Sachsenweger sagt: „Qualität geht uns vor Dringlichkeit. Wir legen Wert auf eine pünktliche und schnelle Abwicklung, aber allem voran muss die Qualität stimmen. Da lassen wir uns nicht aus der Ruhe bringen. Über 700 Fachgeschäfte bundesweit vertrauen auf genau diese Haltung.“
Unterschiede zum Fachgeschäft
Die Spezialisierung bringt aber auch entscheidende Unterschiede zum augenoptischen Fachgeschäft. Zum Beispiel sind Maschinen und das technische Wissen größer und industrienaher angelegt, um auch Spezialbrillengläser und deren Verglasung optimal zu gewährleisten. Moderne Industrie-Fräsmaschinen bieten hohe Genauigkeit und arbeiten effektiver und nachhaltiger. Und der Fräsabfall gelangt nicht mehr ins Wassersystem, sondern kann fachmännisch entsorgt werden. Ein Gewinn für die Qualität der Brillen und die Umwelt zugleich.
Für Sachsenweger ist die Partnerschaft mit den Fachbetrieben mehr als ein Geschäftsmodell. Er selbst bringt es so auf den Punkt, denn er habe „coole Kunden und es macht Spaß, mit denen zusammenzuarbeiten“. Einer dieser Kunden ist „Jenalens Kontaktlinsenstudio“ in Jena. Geschäftsführer Thomas Harnisch hat es bislang keinen Tag bereut, sich gegen eine eigene Werkstatt entschieden zu haben. Für ihn steht die Sehversorgung seiner Kundschaft (übrigens nicht nur mit Kontaktlinsen) im Vordergrund. „Wir haben in unserem Alltag den Fokus mittlerweile sehr stark auf die augenoptische und optometrische Dienstleistung gelegt und damit unsere Kompetenzen konzentriert“, sagt er.
Die Werkstatt hätte in diesem Konzept keinen wirklichen Raum: Sie braucht Platz, erzeugt Lärm und Gerüche, und sie will sinnvoll ausgelastet sein. „Damit sich eine eigene Werkstatt lohnt, muss sie den ganzen Tag laufen. Es ist sinnlos, sie zeitweise einzusetzen.“ Für Harnisch ergibt sich daraus ein klarer Richtwert: Unter 30 bis 40 Brillen pro Tag lohnt sich eine vollausgestattete eigene Werkstatt für ihn nicht.
Nicht auf Handwerk verzichten
Vollständig auf Handwerk verzichten möchte er trotzdem nicht. Jenalens setzt auf drei Standbeine: den Einschleifservice von Sachsenweger für die reguläre Fertigung, eine lokale Werkstatt für eilige Aufträge und eine eigene kleine Werkstattecke im Betrieb für den Alltag. „Eine Ventilette, ein Schraubendreher- und Zangenset und das U-Bad gehören für mich nach wie vor in jedes Augenoptikgeschäft“, sagt Harnisch. Auch ein Handschleifstein kann im Notfall gute Dienste leisten. Dieser braucht wenig Platz und wenig Pflege.
Der Ansatz von Sachsenweger und Jenalens zeigt: Eine ausgelagerte Werkstatt kann den Fokus auf das Wesentliche lenken. Sie schafft Raum für echten Kundenkontakt und die Möglichkeit sich auf erweiterte augenoptische Dienstleistungen zu spezialisieren.
Was Einschleifservices heute leisten:
Vertrautes Handwerk: Dieselben Abläufe wie im Fachbetrieb nur mit moderneren, spezialisierten Maschinen.
Komplexe Aufträge: Keine Grenzen bei Spezialverglasungen, aufwendigen Fassungen und Sondermaterialien.
Mehr Zeit für das Wesentliche: Personal im Fachgeschäft wird frei für Beratung, Optometrie und echten Kundenkontakt
Die eigene Werkstatt: Ein moderner Blickwinkel
Egal ob auslagern oder nicht, darin sind sich alle Gesprächspartner einig: Das Handwerk und die Werkstatt gehören zur Branche dazu. Was sich ändern darf, ist der Blickwinkel. Ein Beispiel für einen solchen geänderten Blickwinkel ist Barth Optik & Enny Brillen aus Sachsen. Inhaberin und Augenoptikerin Anett Schmidt bezeichnet sich selbst als Entrepreneurin. Wohl zu Recht. Denn wer sich die Vision des Geschäfts ansieht, merkt sofort: Hier wird Augenoptik neu gedacht: inklusive einer eigenen Brillenmarke, ein Augenvorsorgeangebot mithilfe von Mirantus und eine eigene Schauwerkstatt. Hier können Kundinnen das Handwerk live miterleben.
Vor fünf Jahren hat Schmidt ihre Werkstatt bewusst umgestaltet. Nicht nur moderner, sondern sichtbarer gemacht. Die Idee dahinter ist so einfach wie überzeugend, denn Augenoptik ist Handwerk, und Handwerk darf gefeiert werden. „Authentisch zeigen, was man macht“, das ist der Anspruch.
Mit drei Filialen und einer zentralen Schauwerkstatt hat Schmidt ein Modell entwickelt, das Spezialisierung konsequent zu Ende denkt. In der Werkstatt stehen eine moderne Fräsmaschine und handwerksbegeisterte Mitarbeitende. Zwar ist Schmidt eine regelmäßige Rotation der Mitarbeitenden wichtig, doch wer sich auf seinen eigenen Bereich konzentrieren kann, hat die Chance „noch brillanter zu sein“, sagt sie.
Augenoptik ist Handwerk, und Handwerk darf gefeiert werden: in der Schauwerkstatt
Für Schmidt ist die Werkstatt dabei „mehr als Technik und Handarbeit. Hier entstehen Ideen, Werbetexte, neue Produkte – ein kreatives Miteinander voller Rhythmus und Energie.“ Die Schauwerkstatt ist auch ein Vertrauensbeweis. Kunden sehen den Prozess und verstehen, warum eine handgefertigte Fassung Zeit braucht, sie erkennen, dahinter stecken Fachwissen, Geschick und Erfahrung. Und sie begreifen, was den Unterschied macht zwischen einer Brille „vom Band“ und einer, die wirklich für sie gemacht wurde.
Genauso wie Sachsenweger und Harnisch, ist auch Anett Schmidt der Meinung, dass der Fokus wichtig ist. Man könne nicht das gesamte Portfolio der Augenoptik und Optometrie anbieten. Bei Barth Optik zeigt sich das in einer bewusst reduzierten Auswahl aus Glas-, Fassungs- und Kontaktlinsenherstellern. Genauso auch in einer Auslagerung des Optometrie-Angebots in Form der Kooperation mit Mirantus Health.
Was Schmidts Ansatz zeigt: Eine eigene Werkstatt kann weit mehr sein als ein Produktionsraum. Sie kann betriebliche Identität prägen, Vertrauen schaffen und ein Alleinstellungsmerkmal werden, das kein Filialist und kein Online-Händler kopieren kann.
Was eine Schauwerkstatt heute leisten kann:
Vertrauen durch Transparenz: Kunden erleben das Handwerk live und verstehen, wofür sie bezahlen
Identität und Alleinstellungsmerkmal: Die Werkstatt wird zum sichtbaren Teil der Marke
Kundenbindung: Wer einmal zugeschaut hat, wie seine Brille entsteht, kauft sie nicht beim nächsten Online-Anbieter
Entscheiden statt weitermachen
Die Augenoptik spaltet sich zunehmend in zwei Lager: Augenoptikerinnen, die für das Handwerk leben und bei denen die Werkstatt weiterhin das Herzstück der täglichen Arbeit ist. Und Augenoptiker, die ihre Energie gerne in Optometrie, Beratung und Gesundheitsdienstleistungen investieren und handwerkliche Arbeiten bewusst in gute Hände abgeben. Beides kann nebeneinander existieren. Beides kann erfolgreich sein. Doch beides bedarf einer Entscheidung.
In der heutigen Zeit wird es wichtiger, sich klar zu positionieren – die Werkstatt kann dabei ein sichtbarer Ausdruck der betrieblichen Haltung sein. Sie zeigt der Kundschaft und den Mitarbeitenden gleichermaßen, wofür ein Betrieb steht: Eine klare Identität zieht die richtigen Menschen an, auf beiden Seiten des Tresens.
Die gute Nachricht: Es gibt keinen falschen Weg. Wer seine Werkstatt bewusst als Aushängeschild einsetzt, gewinnt Kunden, die das erleben wollen. Wer bewusst auslagert, gewinnt Zeit für die Versorgung der anderen. Entscheidend ist nicht das Was, sondern das Warum.
Wann haben Sie sich das letzte Mal gefragt: Was möchte ich mit meiner Werkstatt eigentlich bewirken?