Produkt: eyebizz  2/2019
eyebizz 2/2019
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Die Kunst, mit Qualifikationen zu punkten

Augenoptiker und die Jobsuche in Zeiten von Corona

Die Covid-19-Krise macht die Arbeitssuche für Augenoptiker nicht einfacher, so Juliane, weil viele Betriebe – vom Augenoptikgeschäft bis hin zur Industrie – derzeit einen Einstellungsstopp haben. Auch wisse niemand, welche mittel- und kurzfristigen Folgen die Pandemie auf die Arbeitslosenzahlen im Mittelstand hat. Juliane ist 32 Jahre alt und „arbeitssuchende Augenoptikerin“, wie sie auf ihrem LinkedIn-Profil schreibt. Sie ist eine von knapp 400 augenoptischen Fachkräften, die derzeit in Deutschland eine neue Anstellung suchen.

Karriere - Kompass
Augenoptiker und die Jobsuche in Zeiten von Corona (Bild: Pixabay / AbsolutVision)

Nach ihrer Ausbildung bei einem großen Filialisten hat Juliane seit 2008 ihren Gesellenbrief in der Tasche. Bei ihren nächsten zwei Berufsstationen konnte sie Spezialwissen in den Bereichen Refraktion und Kontaktlinsenanpassung sammeln. Den jetzigen Stillstand auf dem Stellenmarkt versucht sie zu überbrücken, indem sie ihre Profile auf Xing und LinkedIn regelmäßig aktualisiert. So tauscht sie ihr drei Jahre altes Profilbild durch eine neue, wenige Tage vorher bei einem befreundeten Fotografen gemachte Porträtaufnahme aus. Sie ist froh, dass die Bundesagentur für Arbeit ihrem Antrag zur Übernahme der Fotokosten in Höhe von 85 Euro zugestimmt hat.

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Mit einem professionellen Auftritt auf den Karrierenetzwerken verfolgt Juliane das Ziel, schnell wieder in Lohn und Brot zu kommen: Neben der Selbstvermarktung nutzt sie diese aktiv zur Recherche nach Vakanzen. Das Statistische Bundesamt ermittelte, dass mit Xing und LinkedIn nur noch Internet-Stellenbörsen und Karriereseiten auf Unternehmenswebsites als Stellenbörsen mithalten können.

Die Jobstrategie: Mehr Sichtbarkeit auf Xing und LinkedIn

Auf dem Blog www.team-hr.de dreht sich seit 2016 alles um Personalmarketing. Hier beraten Melanie Marquardt und Maren Kaspers, die beiden Köpfe hinter dem Blog, mit ihrer Expertise, wie Social Media im Arbeitsmarkt bestmöglich eingesetzt werden kann. Ein eigenes Profil auf den Netzwerk-Plattformen Xing und LinkedIn ist auch ohne eine angekündigte Beendigung des Arbeitsverhältnisses oder eines beabsichtigten Stellenwechsels ein Muss.

„Es ist nicht mehr unüblich, Kandidaten direkt über diese Netzwerke anzuschreiben und zu rekrutieren,“ erklärt Marquardt. „Die besten Chancen haben diejenigen, die ihre Angaben wie Position, aktueller Arbeitgeber, Lebenslauf und Kontaktdaten aktuell halten.“ Unternehmen nutzen zunehmend die sozialen Netzwerke für die aktive Suche nach geeigneten Kandidaten (Active Sourcing), wie eine vor wenigen Monaten veröffentlichte Studie des Bundesamts für Statistik zeigt. Demnach nutzen die Firmen in Deutschland Xing (21 Prozent) vor LinkedIn (neun Prozent) zur Kandidatensuche.

Team HR - Melanie Marquardt und Maren Kaspers
Team HR – Melanie Marquardt und Maren Kaspers

HR-Bloggerin Maren Kaspers rät: „Aktiv sein! Nicht nur die Vernetzung mit anderen Fachkräften ist wichtig, sondern die Interaktion ist vor allem auf LinkedIn entscheidend. Nutzer sollen kommentieren, Beiträge teilen, sich in Diskussionen einbringen oder Artikel schreiben. Mit solchen Kompetenzen kann sich jeder in seinem Fachbereich als Experte positionieren!“. Diese „Thought Leadership“ wird beispielsweise vom Algorithmus von LinkedIn bevorzugt und spielt Profile von Kandidaten mit einer erhöhten Interaktion verstärkt aus.

In Deutschland nutzen Kandidaten aus dem Handwerk und dem Mittelstand verschiedene Kanäle, um von Unternehmen identifiziert und angesprochen zu werden. So veröffentlichen Angehörige der Generation „Babyboomer“ oder junge Menschen der Generationen X und Y am häufigsten ihre Profile in Karrierenetzwerken, während die Generation Z vorrangig auf Empfehlungen durch Bekannte setzt. Zu diesem Ergebnis kommt das Centre of Human Resources Information Systems (CHRIS) der Universität Bamberg in ihrer Studie „Recruiting Trends 2019“.

Um junge Menschen, die nach 1997 geboren sind (Generation Z), zu erreichen, müssen sich nicht nur die Unternehmen in der Augenoptik verstärkt mit Mobile Recruiting befassen. Mobile Apps gewinnen, so die Studie weiter, gerade bei dieser Zielgruppe zunehmend an Beliebtheit, bei denen sie die ausgeschriebenen Jobs mit ihrem eigenen Kandidatenprofil „matchen“ können. So bevorzugen 53 Prozent der Kandidaten Arbeitgeber, denen sie eine mobile Bewerbung (z. B. über eine App) anstatt einer traditionellen Bewerbung (z. B. über E-Mail) übermitteln können.

Unabhängig von Alter und Branche ist neben Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit die berufliche Weiterentwicklung ein Hauptgrund, warum Kandidaten aktiv nach offenen Stellen Ausschau halten. Zudem hat auch die Anzahl an Kandidaten zugenommen, die nach einer neuen beruflichen Herausforderung suchen, weil sie in der aktuellen Tätigkeit unter- statt überfordert sind – eine solche Langeweile kann im schlimmsten Fall zu einem Boreout führen.

Das Netzwerk als Erfolgsfundament

Augenoptiker sind als Gesundheitshandwerk auch in Krisenzeiten systemrelevant. Vielerorts erhalten Kunden eine Notversorgung mit Brillen-Reparaturen und Kontaktlinsen-Ersatz. Doch was passiert nach Wiederaufnahme des Regelbetriebs? Noch kann keiner sagen, wie tief die Einschnitte in der Augenoptik und damit auch auf den Jobmarkt am Ende sein werden. Fakt ist, dass Bewerbungen in Krisenzeiten anders aussehen müssen. Sie müssen treffender sein, der Fokus muss auf der Herausarbeitung der eigenen, Krisen relevanten Stärken liegen. Der Wunscharbeitgeber muss überzeugt werden, dass man exakt der oder die Richtige ist. Es sind nicht die Zeiten des Auffallens um jeden Preis, des Brechens von Mustern oder des Ausprobierens neuer Wege.

Offene Stellen wird es in der Augenoptik auch nach der Corona-Krise geben. Daher empfiehlt Marquardt vom Team HR jungen Augenoptikern, frühzeitig „PR in eigener Sache zu machen“ und die Kontakte zu intensivieren. Egal ob on- oder offline, auch nach der Krise sind ein gutes Netzwerk und gute Kontakte die „berufliche Eintrittskarte“ schlechthin. „Es kommt im Augenoptiker-Handwerk darauf an: Wer kennt wen. Gehen Sie zu Branchentreffen, hören Sie anderen Kollegen zu. Netzwerken ist das A und O.“

Über sein persönliches Netzwerk fand Augenoptiker Daniel Toerschen seine vor kurzem neu eingestellte Mitarbeiterin. Gemeinsam mit seiner Frau Simone führt er seit 2011 das Geschäft Brillenhouse. Eine ehemalige Kollegin empfahl einer Bekannten, sich doch dort zu bewerben und nicht bei den anderen vier Augenoptikgeschäften, die es in der 29.000-Seelen-Stadt Tönisvorst sonst noch gibt.

Brillenhouse - Augenoptiker Daniel Toerschen
Augenoptiker Daniel Toerschen vom Brillenhouse in Tönisforst

Unabhängig von dieser Erfolgsgeschichte sieht Toerschen die Suche nach einem guten Gesellen als die schwierigste Herausforderung an. „Wer nicht vorhat, den Bildungsweg in der Augenoptik weiterzugehen, wird sich auf kurz oder lang umsehen müssen, wo er mit gleichem Bildungsweg mehr Geld verdienen kann.“ Kurzum: Eine Portion Leidenschaft und Idealismus sollte jeder mitbringen!

Initiativbewerbungen als Karriere-Beschleuniger

In der Augenoptik haben Fachkräfte das Heft des Handelns in der Hand. Sie können jederzeit ihrem Glück auf die Sprünge helfen, um die nächste Karrierestufe beim Traumarbeitgeber anzupeilen. Sollte dort aktuell keine Position vakant sein, empfiehlt Maren Kaspers von Team HR die klassische Initiativbewerbung. Sie ist keinesfalls aus der Mode, sondern signalisiert Wertschätzung und großes Interesse am Betrieb. „Gerade in kleineren Unternehmen empfehlen wir Initiativbewerbungen. Denn hier können sie oft noch individuell berücksichtigt werden. Mit einer gut gemachten Initiativbewerbung bringt sich der Kandidat in den Hinterkopf des Personalentscheiders und kann zum gegebenen Zeitpunkt angesprochen werden“.

Auch bei Daniel Toerschen hätten Initiativbewerbungen Chancen auf Erfolg: „Wir freuen uns über ein derartig gezeigtes Interesse an unserem Geschäft“, sagt er. Auch neuen Formaten gegenüber sei er aufgeschlossen: Gerade die neuen digitalen Technologien eigneten sich hervorragend, „um sich einen ersten Eindruck von einer Person zu machen. So kann ein Video beispielsweise viel mehr Persönlichkeit ausstrahlen als ein Blatt Papier!“.

Die visuelle Strategie: Ein Video sagt mehr als tausend Worte

jobufo - Bewerbung Beispiel
Beispiel einer Bewerbung auf Jobufo

Videobewerbungen werden immer beliebter. Mussten vor ein paar Jahren Bewerber sämtliches technisches Equipment (Videokamera, Stativ, Mikro, Licht) für das Aufzeichnen eines Filmes selbst besitzen, gibt es heutzutage professionelle Anbieter wie Jobufo. Thomas Paucker ist mit seinem digitalen und DSGVO-konformen Bewerbungsassistenten seit 2017 auf dem Markt. „Wir ersetzen das Anschreiben durch ein Video oder eine Audionachricht des Kandidaten“, erklärt Paucker. Für den Bewerber ist dieser Service kostenlos.

Die Bewerber werden von Jobufo an die Hand genommen, um am Ende des Tages einen Volltreffer zu landen. So erhalten sie in einem kurzen Coaching individuelle Unterstützung bei Fragen oder Unsicherheiten, und Profis verraten Tricks, um vor dem Smartphone kein Lampenfieber zu haben. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Alle Bewerber können so lange ausprobieren, wie sie möchten. Die Aufnahme wird erst dann versendet, wenn der Bewerber zufrieden ist.“

Jobufo - Thomas Paucker
Geschäftsführer Thomas Paucker bietet mit seinem Unternehmen Jobufo Bewerbungen per Video an

Sollte sich der Kandidat mit keiner abgespeicherten Aufnahme wohl fühlen, bietet das Berliner Unternehmen, das 2019 den unabhängigen HR Innovation Award erhielt, auch die Aufnahme einer Sprachnachricht an. „Audioaufnahmen sind fester Bestandteil der Kommunikation. Da tun sich viele sehr leicht.“ Der Videoclip oder die Sprachnachricht werden mit den übrigen Bewerbungsunterlagen zu einer PDF zusammengefügt, die dann an den künftigen Arbeitgeber versendet wird.

Für Juliane geht unterdessen die Suche weiter. In den Vor-Corona-Wochen hat sie einige Gespräche mit Unternehmen geführt. Zusammenfassend sind ihre Erfahrungen, wie Personalverantwortliche mit ihr im Bewerbungsprozess umgehen, eher durchwachsen, und das hat sie auch überrascht: „Oftmals fühlte ich mich als Bittstellerin und erlebte Personaler, die nicht zu ihrem Wort standen. So meldeten sie sich einfach nicht am vereinbarten Tag zurück. Für den Personaler hat die fehlende Termintreue vielleicht eine untergeordnete Bedeutung, doch für mich als Jobsuchende ist das doch weitaus emotionaler.“

Doch Juliane wird sich hiervon nicht entmutigen lassen. Denn sie kennt ihre Qualifikationen und weiß, was sie kann.

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Dr. Patrik Hof hat Wirtschaftsgeschichte an der LMU studiert, war über elf Jahre Pressesprecher eines internationalen Unternehmens und kennt die augenoptische Branche aus dem Effeff. Als „Social Media PR Manager“ gründete er vor kurzem den Blog www.coffeewithpassion.de

 

Beitrag aus der eyebizz 3.2020

 

Produkt: eyebizz  5/2019
eyebizz 5/2019
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Die Jobsuche ist nicht nur in der Augenoptik zu einer Erlebnisreise der besonderen Art geworden. Da ist eine nicht eingehaltene Rückmeldung noch harmlos. Als Bewerber benötigt man ein sehr gut ausgebildetes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl um die Umgangsformen, Vorgehensweisen und auch die Dauer, die eine Bewerbung heute in Anspruch nimmt, übersteht.
    Ich erlebe dies nun seit guten 18 Monaten. Eine weitere Erkenntnis: es wird die “Eierlegende Wollmischsau” gesucht – wie man so schön sagt.
    Es entsteht der Eindruck (für mich), dass es nur noch ums Geld geht. Es werden Junge Menschen gesucht die die Erfahrung der Älteren mitbringen. Schade – aus meiner Sicht sollte der Mensch im Vordergrund stehen. Passt der Mensch zum Team? Ist die Person motiviert?
    Und als Bewerber ist heute Flexibilität angesagt – sowohl von Raum und Zeit.

    Ach im übrigen: ich würde gerne in der Optik arbeiten, weil mich die Branche fasziniert.

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