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Produkt: eyebizz 5/2019
eyebizz 5/2019
Monopoly der Markenlizenzen+++Lindberg: Zurückhaltung auf höchstem Niveau+++Jiyoon Yun: Berlin Brillen im 20-Minuten-Takt
Digitale Optometrie

Vorbeugendes Augen-Screening beim Gesundheitsoptiker

Der digitale Fortschritt macht’s möglich: Auf den Markt kommen immer mehr medizinische Untersuchungsgeräte und Software-Lösungen, mit denen sich Augenoptiker gegenüber ihren Kunden als „Primary Eye Care Provider“ profilieren können. Relativ neu ist das in Dänemark entwickelte Bildanalyseprogramm RetinaLyze, das den Anspruch erhebt, mittels Augen-Screening zur Früherkennung einer Diabeteserkrankung beizutragen. Wie leistungsfähig ist die Software und welchen Nutzen haben Augenoptiker davon? eyebizz fragte nach.

Jedes Jahr erblinden in Deutschland rund 6.000 Menschen aufgrund einer durch Diabetes verursachten Veränderung am Auge. Etwa ein Drittel davon ließe sich mit rascher Früherkennung vermeiden. Das Problem ist: Die Betroffenen verzichten auf eine regelmäßige Untersuchung durch den Haus- oder Augenarzt, egal ob aus Zeitgründen oder schierer Nachlässigkeit. Weltweit wird die Zahl nicht diagnostizierter Diabetiker sogar auf mehr als 185,5 Millionen geschätzt. Hier sieht das Medizintechnik-Startup RetinaLyze die große Marktlücke für sein gleichnamiges Bildanalyseprogramm, das auffällige Stellen der Netzhaut innerhalb von Sekunden erkennt und bewertet.

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Die Software: Netzhaut-Anomalien in 30 Sekunden erkennen

Das Screening-System ist ein vektorbasierter Algorithmus und wird mit Hilfe einer Fundus-Kamera durchgeführt, die je Auge ein Bild der Netzhaut erstellt. Die Bilder werden über den Login-Bereich der Unternehmens-Website hochgeladen. Die Software analysiert die digitalen Bilder und erkennt mögliche Netzhaut-Anomalien innerhalb von 30 Sekunden.

Werden mehr als drei Auffälligkeiten erkannt, erscheint im Menü auf dem Computer ein rotes Feld mit dem Warnhinweis „zum Augenarzt weiterleiten“, bei weniger als drei angezeigten Veränderungen erscheint ein gelbes Feld, so dass ein erneutes Screening sinnvoll ist bzw. eine prophylaktische Folgeuntersuchung vereinbart werden sollte. Die Benutzer können zwischen den Analyse-Modi diabetische Retinopathie (DR) und altersbedingte Makuladegeneration (AMD) wählen. Die Ergebnisse werden gespeichert. Ende des Jahres soll auch eine Glaukom-Analyse möglich sein.

eyebizz 5-2017: Augen-Screening - Auswertung von RetinaLyze
Webbasierte Auswerte-Algorythmen für DR und AMD

RetinaLyze dient, so der Anbieter, zur „Prävention und Früherkennung von Netzhautläsionen“ und verschafft dem Augenoptiker bzw. Optometristen die Möglichkeit, sich stärker im Bereich der gesundheitsorientierten Beratung zu profilieren, ja „Teil des Gesundheitssystems zu werden.“ Doch es werden „keine Diagnosen durchgeführt“, wie Barbara Anthonsen, CEO und Gründerin des dänischen Startups, betont.

Augenoptiker und Optometristen können das Augen-Screening als zusätzlichen Service anbieten und im Fall des Falles zum Besuch eines Augenarztes raten. Das Unternehmen stellt hierfür ein Netzwerk von Augenspezialisten zur Verfügung. Die Kosten des „Starter-Pakets“ belaufen sich auf 5.000 Euro (Funduskamera plus Software), individuelles Abo ab 80 Euro monatlich. In der D-A-CH-Region wird RetinaLyze laut Unternehmen derzeit von knapp 100 Augenoptikern verwendet, viele davon in der Schweiz.

Der Optometrist: Das Screening in der Praxis

Auch die Optometristin Annett Deuscher, die zwei Augenoptikgeschäfte in Mühlhausen (Thüringen) führt, arbeitet mit dem Gerät. Durch den Erfahrungsbericht einer Augenoptkerin in der Zeitung wurde sie darauf aufmerksam und hat sich Gerät und Software sofort ausgeliehen und getestet. Seit Frühjahr nun bietet sie das Augen-Screening in einem ihrer zwei Geschäfte an und ist vom Nutzen überzeugt. „Ich sehe mein Berufsverständnis als Augenoptikerin ganzheitlich, es geht mir nicht nur um die Anpassung von Sehhilfen, sondern auch um die Sehgesundheit meiner Kunden. Ich gebe zum Beispiel auch Ernährungstipps. In dieses Konzept passt auch das Screening.“

eyebizz 5-2017: Augen-Screening - Team von Optik Deuscher
Gesundheitsoptikerin Annett Deuscher (links) und ihr Team

Sie hat bislang noch keine spektakulären, sprich schwerwiegende Befunde an Augenärzte weiterleiten müssen, kann aber sagen, dass die neue Dienstleistung gut ankommt: „Ein so detailliertes Bild der eigenen Netzhaut zu sehen, ist für manche ein echtes Erlebnis.“ In Konkurrenz zu Augenärzten sieht sie sich dabei nicht. Im Gegenteil. Die Augenärztin, mit der sie eng zusammenarbeitet, hat sie bei der Anschaffung sogar beraten. „Lange Wartezeiten beim Augenarzt sind geläufig, Augenoptiker haben mehr Zeit“, so Annett Deuscher.

Die Handhabung des Programms bedarf einiger Übung. Der Vorgang des Abspeicherns der Daten will etwa richtig durchgeführt werden. Kürzlich machte Annett Deuscher das Augen-Screening bei einem hochbetagten Kunden und stieß dabei auf unerwartete Schwierigkeiten. Zum einen hatte der Herr sehr enge Pupillen, zum anderen war er außerstande, länger in eine Richtung zu schauen, ohne die Augen zu bewegen – beides sehr ungünstige Voraussetzungen für eine zweifelsfreie Netzhautanalyse.

Der Experte: Algorithmen nicht blind vertrauen

Marc Schubert (EurOptom, M.Sc. Augenoptik/Optometrie) schrieb seine Bachelorarbeit über „Moderne Diagnostikverfahren zur Früherkennung diabetischer Veränderungen am Auge“ und bezog dabei auch RetinaLyze mit ein. „Das Screening-Programm“, so stellt er fest, „liefert recht plausible Antworten für eine Früherkennung einer diabetischen Retinopathie, bedarf aber der Handhabung durch einen fachlich kompetenten Optometristen.“ Er bringt ein Beispiel: Aufnahmen können etwa deutliche Veränderungen der Netzhaut zeigen, die aber gar nichts mit Diabetes zu tun haben, sondern nur mit einer hohen Kurzsichtigkeit des Betroffenen.

eyebizz 5-2017: Augen-Screening - Netzhautlaesionen - Webanwendung RetinaLyze
Netzhautlaesionen – von der RetinaLyze-Webanwendung angezeigt

Schubert sagt: „Ein nicht so gut ausgebildeter Augenoptiker oder Optometrist kann unter Umständen überfordert sein, die Ergebnisse richtig zu interpretieren“ und schlussfolgert: „Man darf Algorithmen grundsätzlich nicht blind vertrauen, sonst wird es gefährlich.“ Andererseits sieht auch er, dass der Bedarf an klinisch exakten und schnellen Augen-Screenings weiter wachsen wird. Optometristen mit adäquater Ausbildung könnten hier in Zukunft also durchaus eine wichtige Rolle spielen.

||| JUEB

 

 

Produkt: eyebizz 5/2019
eyebizz 5/2019
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