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Warum Lieferantinnen und Lieferanten mehr brauchen als gute Produkte

Vertrauen: Ein wirtschaftlich relevanter Erfolgsfaktor

Manche Lieferantenentscheidungen fühlen sich intuitiv an – tatsächlich beruhen sie oft auf vielen kleinen Erfahrungen mit Verlässlichkeit, Kommunikation und Vertrauen. Genau dieser Gedanke war einer der Ausgangspunkte meiner hier vorzustellenden Masterarbeit. Denn im augenoptischen Fachhandel geht es bei der Auswahl von Lieferantinnen und Lieferanten natürlich um Preis, Qualität, Lieferfähigkeit, Sortiment und Service. Aber am Ende spielt oft mehr mit hinein.

Masterarbeit Marc von der Burg Untersuchungsmodell Vertrauen
Untersuchungsmodell der Masterarbeit: Storytelling beeinflusst Vertrauen, Vertrauen beeinflusst die Lieferantenpräferenz. Der Digitalisierungsgrad wurde zusätzlich als möglicher Moderator untersucht.

Man spürt, ob ein Anbieter verlässlich ist. Ob Zusagen halten. Ob der Außendienst ehrlich kommuniziert. Ob ein Unternehmen auch dann erreichbar und lösungsorientiert bleibt, wenn etwas nicht reibungslos läuft. Genau dieses „Mehr“ wollte ich wissenschaftlich untersuchen. In der Masterarbeit habe ich mich mit der Frage beschäftigt, welchen Einfluss Vertrauen und Storytelling auf die Lieferantenpräferenz von Augenoptik-Fachhändlerinnen und -fachhändlern im deutschsprachigen Raum haben. Anders formuliert: Warum bevorzugen Fachhändler bestimmte Lieferanten – auch dann, wenn klassische Kriterien allein nicht ausreichen, um die Entscheidung vollständig zu erklären?

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Die Ausgangslage ist vielen Betrieben vertraut. Der augenoptische Fachhandel steht unter Wettbewerbs- und Digitalisierungsdruck. Filialisten, Onlineanbieter, digitale Vergleichsmöglichkeiten und steigende Kundenerwartungen verändern den Markt. Für inhabergeführte Fachgeschäfte wird es dadurch immer wichtiger, sich klar zu positionieren und Kunden und Kundinnen einen spürbaren Mehrwert zu bieten. Lieferanten spielen dabei eine größere Rolle, als es auf den ersten Blick scheint. Sie liefern nicht nur Produkte. Sie beeinflussen Sortiment, Innovationszugang, Servicefähigkeit, Beratungskompetenz und letztlich auch die Wahrnehmung des Fachgeschäfts durch die Verbraucher.

Ein verlässlicher Lieferant kann ein Fachgeschäft stärken. Ein unzuverlässiger Lieferant kann Abläufe stören, Beratung erschweren und Vertrauen gegenüber Kunden belasten. Damit ist Lieferantenauswahl keine reine Einkaufsentscheidung: Sie ist eine strategische Entscheidung. Sie betrifft nicht nur Konditionen, sondern auch zukünftige Wettbewerbsfähigkeit. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Einkauf, Vertrieb, Beziehung und Strategie setzt meine Arbeit an.

Im Zentrum steht Vertrauen

Im Zentrum steht Vertrauen. Vertrauen reduziert Unsicherheit. Das ist im B2B-Kontext besonders wichtig, weil viele Leistungen eines Lieferanten nicht vollständig im Voraus beurteilt werden können. Ob ein Lieferant im Reklamationsfall schnell reagiert, ob Liefertermine eingehalten oder Informationen transparent weitergegeben werden, ob der Außendienst offen und fair kommuniziert, zeigt sich erst im Alltag der Geschäftsbeziehung. Vertrauen entsteht nicht durch ein einzelnes Versprechen. Es entsteht durch wiederholte Erfahrung.

In der Ausarbeitung wurde Vertrauen über drei Dimensionen betrachtet: Kompetenz, Integrität und Wohlwollen. Für die Augenoptik bedeutet das: Fachhändler und Fachhändlerinnen vertrauen einem Lieferanten, wenn sie ihn als fachlich leistungsfähig erleben, wenn er ehrlich und verlässlich handelt und wenn er das Fachgeschäft nicht nur als Absatzkanal sieht, sondern als Partner.

Masterarbeit Marc von der Burg Diagramm Vertrauen
Vertrauen zeigt den stärksten Zusammenhang mit der Lieferantenpräferenz. Je stärker Fachhändler einem Lieferanten vertrauen, desto höher ist dessen Wahrscheinlichkeit, bevorzugt ausgewählt zu werden.

An dieser Stelle kommt das Storytelling ins Spiel. Viele Unternehmen verstehen Storytelling noch immer als Marketinginstrument – manchmal sogar als hübsche Verpackung für Produkte. In meiner Arbeit wird Storytelling anders verstanden: als Möglichkeit, Werte, Kompetenz, Herkunft, Haltung und Glaubwürdigkeit sichtbar zu machen. Gute Geschichten können erklären, wofür ein Lieferant steht. Sie können zeigen, wie Produkte entwickelt werden, welche Qualitätsansprüche dahinterstehen, welche Menschen beteiligt sind und welchen Nutzen das Fachgeschäft daraus ziehen kann. Sie können abstrakte Leistungsversprechen greifbarer machen. Gerade in einer Branche, in der Beratung, Qualität und persönliche Beziehung eine große Rolle spielen, kann das entscheidend sein.

Geschichte muss zur Realität passen

Aber Storytelling hat eine klare Bedingung: Es muss glaubwürdig sein. Eine Geschichte wirkt nur dann vertrauensbildend, wenn sie zur erlebten Realität passt. Wenn ein Unternehmen Partnerschaft kommuniziert, aber bei Problemen nicht erreichbar ist, entsteht kein Vertrauen. Wenn es Service verspricht, aber Rückmeldungen ausbleiben, verliert die Geschichte ihre Wirkung. Wenn Nachhaltigkeit erzählt, aber nicht nachvollziehbar gelebt wird, entsteht Skepsis.

Das zentrale Ergebnis lautet daher: Vertrauen ist der stärkste Einflussfaktor auf die Präferenz für Lieferantinnen und Lieferanten. Augenoptiker und Augenoptikerinnen bevorzugen Lieferanten vor allem dann, wenn sie diese als vertrauenswürdig erleben. Storytelling ist ebenfalls relevant, aber nicht als Selbstzweck. Es gewinnt seine Bedeutung vor allem dadurch, dass es Vertrauen unterstützen kann. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Lieferanten werden nicht bevorzugt, weil sie „gute Geschichten“ erzählen. Sie werden bevorzugt, wenn diese Geschichten glaubwürdig sind und durch reales Verhalten bestätigt werden. Die Geschichte allein reicht nicht. Entscheidend ist, ob die Geschichte mit Kompetenz, Verlässlichkeit und gelebter Partnerschaft übereinstimmt.

Vertrauen strategisch aufbauen

Für Lieferanten im augenoptischen Markt ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Wer langfristig bevorzugt werden will, muss Vertrauen strategisch aufbauen. Vertrauen darf nicht dem Zufall überlassen werden. Es ist kein weicher Nebeneffekt und kein reines Sympathiethema. Vertrauen ist ein wirtschaftlich relevanter Erfolgsfaktor.

Das beginnt bei der Kompetenz. Fachhändler erwarten Lieferanten, die ihre Produkte beherrschen, technische Entwicklungen erklären können, Schulungen anbieten und bei Fragen schnell weiterhelfen. Kompetenz zeigt sich nicht nur im Produktkatalog, sondern vor allem im Kontakt: in der Beratung, in der Reaktionsgeschwindigkeit, in der Problemlösung und in der Fähigkeit, den Nutzen für das Fachgeschäft verständlich zu machen.

Ebenso wichtig ist Integrität. Lieferantinnen und Lieferanten müssen halten, was sie versprechen. Das klingt selbstverständlich, ist es im Alltag aber nicht immer. Lieferzeiten, Konditionen, Verfügbarkeiten, Reklamationsprozesse und Servicezusagen prägen das Vertrauensbild. Ein ehrliches „Das schaffen wir aktuell nicht“ kann langfristig vertrauensbildender sein als ein Versprechen, das später nicht eingehalten wird. Integrität bedeutet auch, transparent zu kommunizieren, statt Unsicherheit zu kaschieren.

Die dritte Dimension ist Wohlwollen. Fachhändler möchten spüren, dass ein Lieferant nicht nur verkaufen möchte, sondern den Erfolg des Fachgeschäfts mitdenkt. Das zeigt sich in der Unterstützung bei Beratung, Marketing, Schulung, Reklamationen oder Sortimentsgestaltung. Wohlwollen entsteht dort, wo Lieferanten die Perspektive des Fachgeschäfts ernst nehmen.

Außendienst bleibt zentraler Vertrauenskanal

Für den Vertrieb hat das weitreichende Konsequenzen. Der Außendienst bleibt ein zentraler Vertrauenskanal. Er ist häufig die Person, die das Unternehmen im Alltag repräsentiert. Er übersetzt das Markenversprechen in konkrete Erfahrung. Er kann Vertrauen aufbauen, aber auch zerstören. Ein Außendienst, der zuhört, ehrlich informiert, fachlich unterstützt und auch bei Problemen erreichbar bleibt, ist für Lieferanten ein strategischer Vorteil. Deshalb sollte der Außendienst nicht nur auf Produktargumente und Umsatzziele ausgerichtet werden. Er sollte befähigt werden, Vertrauen systematisch aufzubauen. Dazu gehören Fachkompetenz, Verlässlichkeit, Empathie und die Fähigkeit, Geschichten glaubwürdig zu erzählen. Nicht im Sinne einer einstudierten Verkaufsstory, sondern im Sinne einer nachvollziehbaren Verbindung zwischen Produkt, Unternehmen, Nutzen und Haltung.

Storytelling sollte deshalb nicht allein in der Marketingabteilung entstehen. Es muss im Vertrieb, im Service und in der gesamten Organisation verankert sein. Eine gute Geschichte beginnt nicht mit einem Werbeslogan. Sie beginnt mit einer echten Leistung. Mit einem gelösten Problem. Mit einer konsequenten Haltung. Mit einer Erfahrung, die Fachhändler wiedererkennen.

Masterarbeit Marc von der Burg Diagramm Storytelling
Authentisches Storytelling stärkt das Vertrauen von Augenoptik-Fachhändler*innen gegenüber ihren Lieferant*innen.

Für Lieferanten bedeutet das: Erzählen Sie nicht nur, was Sie anbieten. Erzählen Sie, warum es relevant ist. Zeigen Sie, wie Ihre Produkte entstehen. Machen Sie deutlich, welchen Beitrag Sie zum Beratungserfolg des Fachgeschäfts leisten. Erzählen Sie von konkreten Lösungen, nicht nur von Eigenschaften. Aus einem technischen Merkmal wird erst dann ein starkes Argument, wenn klar wird, welchen Nutzen es für das Fachgeschäft und dessen Kunden hat. Gleichzeitig muss jede Geschichte überprüfbar bleiben. Wer Qualität erzählt, muss Qualität liefern. Wer Partnerschaft erzählt, muss partnerschaftlich handeln. Wer Innovation erzählt, muss echte Unterstützung bei der Umsetzung bieten. Storytelling ist dann stark, wenn es nicht größer ist als die Realität, sondern die Realität verständlicher macht.

Digitalisierung verändert Grund­logik nicht entscheidend

Auch die Digitalisierung wurde in der Masterarbeit betrachtet. Das Ergebnis ist interessant: Digitalisierung verändert die psychologische Grundlogik der Lieferantenauswahl nicht entscheidend. Digitale Systeme, Onlineinformationen, Bestellplattformen, CRM und schnelle Prozesse sind wichtig. Sie können die Zusammenarbeit erleichtern und Vertrauen unterstützen. Aber sie ersetzen Vertrauen nicht.

Für Lieferanten bedeutet das: Digitalisierung sollte nicht als Ersatz für eine Beziehung verstanden werden, sondern als Verstärker einer guten Beziehung. Ein transparentes Bestellsystem, verlässliche Lieferinformationen, einfache Reklamationsprozesse und schnelle digitale Kommunikation können Vertrauen stärken. Aber nur dann, wenn sie zuverlässig funktionieren und zur persönlichen Kommunikation passen. Ein digitales Portal, das nützliche Funktionen verspricht, aber unklare Informationen liefert, stärkt kein Vertrauen. Eine automatisierte Kommunikation, die schnell, aber unpersönlich oder unverständlich ist, hilft nur begrenzt. Digitalisierung muss Verlässlichkeit erlebbar machen. Sie muss Klarheit schaffen, nicht zusätzliche Unsicherheit.

Konsistenz über alle Kontaktpunkte

Besonders wichtig ist die Konsistenz über alle Kontaktpunkte hinweg. Fachhändler erleben einen Lieferanten nicht nur über ein Produkt oder einen Außendienstbesuch. Sie erleben ihn über die Website, Newsletter, Kundenservice, Schulungen, Reklamationsbearbeitung, Lieferprozesse, digitale Tools und persönliche Ansprechpartner. Vertrauen entsteht, wenn diese Kontaktpunkte zusammenpassen.

Daraus ergibt sich eine weitere Schlussfolgerung: Lieferanten sollten ihre Kommunikation und ihre Prozesse aus Sicht des Fachgeschäfts prüfen. Wo entstehen Unsicherheiten? Wo werden Erwartungen geweckt, die nicht eingelöst werden? Wo ist die Kommunikation zu werblich, aber zu wenig konkret? Wo wird Service versprochen, aber im Alltag nicht konsequent umgesetzt?

Ein wirksames Vertrauensmanagement beginnt mit solchen Fragen. Es reicht nicht, Vertrauen in Leitbildern oder Präsentationen zu erwähnen. Vertrauen muss operationalisiert werden: in Reaktionszeiten, in Serviceprozessen, in Schulungsangeboten, in Reklamationsabläufen, in transparenter Kommunikation und in der Art, wie der Vertrieb geführt wird.

Auch für Augenoptik-Fachgeschäfte selbst lassen sich Schlüsse ziehen. Bei der Bewertung von Lieferanten sollten klassische Kriterien wie Preis, Qualität und Lieferfähigkeit weiterhin berücksichtigt werden. Ergänzend lohnt sich jedoch eine bewusstere Betrachtung psychologischer Faktoren: Wie verlässlich ist der Lieferant? Wie offen kommuniziert er? Unterstützt er meine Positionierung? Passt seine Haltung zu meinem Fachgeschäft? Hilft er mir, meinen Kunden einen größeren Nutzen zu bieten?

Klassische Kriterien bleiben die Grundlage

Die Masterarbeit zeigt nicht, dass klassische Kriterien unwichtig wären. Im Gegenteil: Sie bleiben die Grundlage. Aber sie erklären nicht alles. In einem Markt, in dem viele Produkte und Leistungen vergleichbarer werden, können Vertrauen und Glaubwürdigkeit den entscheidenden Unterschied machen. Die Untersuchung hat aber, wie jede wissenschaftliche Arbeit, Grenzen. Sie bildet einen bestimmten Markt, eine bestimmte Zielgruppe und einen bestimmten Zeitpunkt ab. Dennoch ist die zentrale Aussage klar und praxisrelevant: Im augenoptischen Fachhandel entscheidet nicht nur, was ein Lieferant anbietet. Entscheidend ist, ob er als vertrauenswürdig erlebt wird.

Am Ende führt mich die Arbeit zurück zu dem Gedanken, mit dem sie begonnen hat: Manche Lieferantentscheidungen fühlen sich intuitiv an. Tatsächlich beruhen sie oft auf vielen kleinen Erfahrungen mit Verlässlichkeit, Kommunikation und Vertrauen. Diese Erfahrung ist keine bloße Emotion. Sie entsteht aus wiederholter Kompetenz, Fairness, Zuverlässigkeit und Beziehung. Genau daraus bildet sich Vertrauen. Und Vertrauen entscheidet darüber, welcher Lieferant oder welche Lieferantin langfristig den Vorzug erhält.

 


Die fünf wichtigsten Erkenntnisse der Studie

  • Vertrauen ist der wichtigste Einflussfaktor bei der Lieferantenauswahl.
  • Storytelling entfaltet seine Wirkung vor allem durch den Aufbau von Vertrauen.
  • Preis und Produktqualität bleiben wichtig – erklären Entscheidungen aber nicht vollständig.
  • Digitalisierung unterstützt Vertrauen, ersetzt persönliche Beziehungen jedoch nicht.

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Fotos: Marc von der Burg/KI

 

Marc von der BurgMarc von der Burg sieht sich als Brückenbauer zwischen Medizin, Forschung und Markt. Er möchte zukunftsweisende Lösungen für Brillengläser, Kontaktlinsen und ­optische Technologien vorantreiben. Er kombiniert handwerkliche Meisterqualifikation mit vertrieblichem und medizinisch-wissenschaftlichem Know-how. Der Vertriebsspezialist ist Commercial Manager DACH Myopia-Management bei CooperVision. Nach der erfolgreich verteidigten vorstehenden Arbeit stehen neben dem nun erworbenen Master of Business Administration auch B.Sc., Bachelor Professional und Optometrist auf seiner Visitenkarte.

 

Artikel aus der eyebizz 5.2026 (September/Oktober)