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Portrait: Die Brillenschreinerei, Aschaffenburg

Wo gehobelt wird, da fallen Brillen

Fabian Rothermich ist Gründer und Inhaber der Brillenschreinerei. Der etwas andere Augenoptikerladen mit seinem ungewöhnlichen Konzept ist das, was man ein Statement-Piece nennt. Dieses „Aussagestück“ liegt in einer kleinen Seitenstraße mitten in Aschaffenburg, jener Stadt im nordwestlichsten Zipfel Bayerns, wo Lederhosen und hessischer Dialekt aufeinandertreffen. Genau dort macht die Brillenschreinerei mit ihrer Individualität auf sich aufmerksam.

Die Brillenschreinerei Werkstatt Fabian Rothermich
Hier in der offenen Werkstatt, die rund ein Drittel der gesamten ­Geschäftsfläche einnimmt, ist Fabian Rothermich in seinem Element

Wohl kaum jemand schafft es, seine Neugierde im Zaum zu halten, wenn er vor der Brillenschreinerei steht und auf das Logo mit Hobel und Brille blickt. Wer dann eintritt, steht alsbald vor Fabian Rothermich, der seine Kundinnen und Kunden mit einem sympathischen Lächeln in dem inhabergeführten Fachgeschäft empfängt. Der coole, nette Typ mit Baseballkappe, Dreitagebart und kurzem Lederhalsband in Hose und kariertem Hemd entspricht so gar nicht dem stereotypen Image, das manch einer von einem Augenoptiker im Kopf hat. Als gelernter Schreiner und Augenoptikermeister habe er seine beiden großen Leidenschaften – zumindest konzeptionell – miteinander verbinden wollen, erklärt er.

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Heute sei er allerdings nur noch als Augenoptiker tätig. Nach dem Motto „Handwerk hat goldenen Boden“ sei seine handwerkliche Kompetenz die ideale Grundlage für die erfolgreiche Arbeit als Gesundheitshandwerker. Dabei hat Rothermilch zunächst aus der Not eine Tugend gemacht, als er 2004 keine Anstellung als Schreiner bekam und sich mit einer Umschulung zum Augenoptikermeister neu erfand. Aber die Erfahrung und das Know-how als Schreiner – gepaart mit der Liebe zum Detail und zur Präzision – ist das, was ihn und sein Geschäft heute ausmachen.

Die Brillenschreinerei Baustahlmatten Brillen
Einfache Baustahlmatten funktionieren zusammen mit Holzwäscheklammern als Brillenträger

Doch nicht nur das. Die alltägliche Arbeit mit Holz und die Wertschätzung dieses nachwachsenden Werkstoffs hat auch seinen Sinn für Nachhaltigkeit und einen verantwortungsvollen Umgang mit den verwendeten Ressourcen geschärft: „Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, meinen Kunden das Thema Nachhaltigkeit näherzubringen und mit meinem Produktsortiment und Storedesign konsequent vorzuleben.“ So liegt sein Fokus vornehmlich auf ökologisch nachhaltigen sowie langlebigen Brillen und Brillenfassungen nationaler und internationaler Marken, die großen Wert legen auf verantwortungsvolle Produktion.

Sorgfältig kuratiertes Kernsortiment

Dabei gehören Holzbrillen, Sportbrillen, Brillen mit Sonnenclip und 3D-gedruckte Fassungen zu seinem sorgfältig kuratierten Kernsortiment. Darunter finden sich Labels wie „Wood Fellas“ aus München, die für ihre Brillenmanufaktur überwiegend Holzreste aus der Möbelfertigung nutzt, oder „Feb31st“, die ausschließlich Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft verwenden.

Bei den Sport- und Outdoorbrillen dominieren bewährte Marken wie Julbo aus Frankreich, Swiss-eye aus Deutschland und Rudy Project aus Italien, mit denen Rothermich seit Jahren vertrauensvolle Geschäftspartnerschaften pflegt. Das bereits mehrfach ausgezeichnete Label „Eco Eyewear“, das zum Portfolio des US-amerikanischen „House of Modo“ gehört, zählt ebenfalls zu seinen Lieblingsmarken; nicht zuletzt wegen des Fokus auf Nachhaltigkeit und deren praktischen magnetischen Sonnenclips.

Die Brillenschreinerei Holzhobel Verkaufsraum
Holzhobel als Symbol der Schreinerarbeit zieren den Verkaufsraum

Selbst in puncto Ladendekoration und -ausstattung kommen in der Brillenschreinerei überwiegend ressourcenschonende Upcycling-Materialien und Second-Hand-Objekte zum Einsatz, die Rothermich teilweise über Jahre mit viel Geduld und Liebe zum Detail zusammengetragen hat. So besteht die Wandverkleidung aus ausrangiertem Palettenholz, das er zudem bei den von ihm selbst maßgeschreinerten Warenregalen in Kombination mit Baustahlmatten verwendet hat. Die an der Wand befestigten Gitterstrukturen aus Stahlstäben wurden zu originellen Brillenträgern umfunktioniert. Holzwäscheklammern dienen dabei als Auflage und halten die Brillenfassungen in der gewünschten Position. Zwei alte Holzleitern wurden als Hängelampenhalter an der Decke befestigt und die Lampenkabel um die Sprossen gewickelt.

Die Brillenschreinerei Stilvolle Ecke Chesterfield-Sessel
Stilvolle Ecke mit sorgfältig zusammengestellter Dekoration und einem in die Jahre gekommenen Chesterfield-Sessel

Ein brauner, in die Jahre gekommener Chesterfield-Sessel mit Gebrauchsspuren und ausrangierte Kinostühle aus schwarzem Leder erzeugen im Verkaufsraum zusammen mit antiken Kartei- und Zeichenschränken Wohlfühl-Atmosphäre. Ein gebrauchter Holztisch, umgeben von gemütlichen Stühlen mit grauem und grünem Samtpolster vor der mit Nischen versehenen Holzwand verleihen der Sportbrillen-Abteilung Hüttenlounge-Ambiente. Gesamturteil: echt heimelig.

Herzstück: die einsehbare Werkstatt

Herzstück ist Rothermichs direkt im Laden inte­grierte, einsehbare Brillenwerkstatt, die gut ein Drittel der Ladenfläche einnimmt. Hier hat der Chef sich sein persönliches kleines Reich geschaffen, in dem er nach Herzenslust handwerkeln, schrauben und einfach machen kann. Die Schreinerwerkbank mit Spannvorrichtungen, die alte Handsäge an der Wand und verschiedene Hobel sind eine deutliche Hommage an seine berufliche Vergangenheit als Schreiner.

Alle anderen Geräte, Werkzeuge, stapelbare Lagerschubladen und -boxen zeugen davon, dass hier alle Brillengläser von ihm höchstpersönlich eingeschliffen und justiert, aber auch Fassungen repariert und aufgearbeitet werden. Hier wird jede einzelne Brille an die individuellen Bedürfnisse und Wünsche eines jeden Kunden angepasst. Gebrauchte Metallspinde, ein verglastes Vintage-Sideboard unter einer Hängelampe mit einer alten Waschschüssel als Lampenschirm, eine metallene Registrierkasse aus den Fünfzigern und die grau gestrichene Metallsäule geben dem Arbeitsbereich den industriellen Charme einer ehemaligen Fabrikwerkstatt. Wer auf einem der Kinostühle Platz nimmt, kann dem Handwerksmeister praktisch aus der ersten Reihe direkt bei der Arbeit zusehen.

Nicht stehenbleiben, sondern eintreten

In einem separaten Raum des Geschäfts werden Refraktionsbestimmungen und Messungen mit moderner Technologie durchgeführt.

Die Brillenschreinerei Prüfraum Naturstimmung
Die entspannende Naturstimmung zieht sich bis in den Prüfraum

Selbst hier aber sorgt der Anblick eines sonnendurchfluteten Waldes auf einer stimmungsvollen Fototapete trotz der vielen Technik davor für ein entschleunigtes Ambiente. Und genau das ist es: Wer einen „Slow Optiker“ sucht, der Wert auf nachhaltige, langlebige Produkte legt und die persönliche Stilberatung und Betreuung ernst nimmt, der sollte nicht vor diesem Mittelpunkt der kleinen Seitenstraße in Aschaffenburg stehen bleiben. Er sollte eintreten, denn in Fabian Rothermichs Brillenschreinerei dürfte er genau richtig sein.

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www.brillenschreinerei.de

 

Fotos: Die Brillenschreinerei, Barbara Jäger

 

Artikel aus der eyebizz 4.2026 (Juli/August)