Zwei bedeutende Branchenevents buhlen seit Jahren im November um die Gunst des Fachpublikums, da ist es gut, dass zwischen Dortmund und Berlin doch einige Kilometer und eine große Zielgruppe liegen. Es spricht für sich, dass sowohl das Spectaris-Trendforum in der Hauptstadt als auch der Blick 2025 mit rund 400 Besuchenden aufwarten konnten. Für den Verbandstag des Augenoptiker-Verbands Nordrhein-Westfalen in Dortmund stellt das einen Besucherrekord dar.
Rund 400 Gäste verfolgten das Bühnenprogramm beim Trendforum in Berlin, ebenso viele Besuchende vermeldete der Blick 2025 in Dortmund. (Foto: Detlev Schilke)
Beide Events geizten weder mit Politik-Prominenz, noch mit Satire und auch nicht mit Fachthemen. In Berlin ging Volker Wissing Anfang November 25 als ehemaliger Bundesminister mit einem unmissverständlichen Appell von der Bühne: Der Politiker, der zukünftig wieder als Jurist seine Brötchen verdienen möchte, referierte über „Rückgrat in der Politik“ und erinnerte daran, was Politik im Kern bedeuten sollte: Es ginge nicht darum, andere besiegen zu wollen, sondern gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
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Wie Dr. Gregor Gysi, rund 500 Kilometer weiter westlich und zwei Wochen später, versuchte Wissing die Besuchenden einzuschwören, für demokratische Werte einzustehen. „Wir haben viele gute Gründe, an unser Land zu glauben. Ziel muss es sein, dass alle Bürgerinnen und Bürger sagen: Hier kann man gut leben.“ Gysi warb in seiner pointierten und meinungsstarken Rede ebenfalls für die Verteidigung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Er erwies sich noch mehr als Wissing als streitbarer und inspirierender Gast; beide hinterließen beim Publikum sichtlich Wirkung als Typen, aber vornehmlich auch mit ihrem Thema.
Blick über den Tellerrand
Dass der Blick über den Tellerrand und auf gesellschaftliche Themen nicht den auf die Augenoptik verstellen muss, beweist das Trendforum des Industrieverbands Spectaris seit vielen Jahren. In dieser Hinsicht hatten aber auch die Dortmunder wieder einiges zu bieten. Unter anderem betonte Christian Müller, dass es dem Berufsstand mit der neuen Meisterprüfungsverordnung gelungen sei, zentrale berufspolitische Zielsetzungen des Verbands umzusetzen und damit auch das Berufsbild den Bestrebungen in Richtung Augenvorsorge anzupassen. Der Präsident des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen ist als AOV-Mitglied regelmäßiger Gast beim AOV NRW, dessen Vorsitzender Thomas Heimbach ist. Als Gastgeber präsentierte er nicht nur aktuelle Branchenzahlen, sondern berichtete auch über das aktuelle Screening-Angebot von dm und darüber, was die Berufsverbände diesbezüglich tun.
Dr. Gregor Gysi (links) und der Vorsitzende des AOV NRW, Thomas Heimbach, auf der Bühne beim Blick 2025 im Kongresszentrum der Dortmunder Westfalenhalle. (Foto: AOV NRW)
Der Drogeriemarkt war natürlich auch in Berlin Thema, wenngleich sowohl beim vorgelagerten Deep-Dive als auch im Bühnenprogramm zum Augenscreening eher die Technologien und der Netzwerkgedanke im Vordergrund standen. Zum Thema fachlicher wurde es in Dortmund, wo unter anderem Privatdozent Dr. Dr. med. Philipp Herrmann von der Universitäts-Augenklinik Bonn aktuelle Entwicklungen bei Diagnostik, Therapie und Innovationen bei Erkrankungen der Makula, insbesondere bei der AMD beleuchtete. Und Prof. Dr. Heiko Pult präsentierte in seinem Vortrag praxisnah die Goldstandards zum Erkennen des Trockenen Auges und stellte ein strukturiertes Managementsystem für den Umgang im eigenen Betrieb vor.
Gesundheitshandwerk fordert Reformen
Aus Berlin angereist berichtete Markus Schäfer vom Zentralverband des Deutschen Handwerks über die gesundheitspolitische Lage und die besonderen Herausforderungen für die Gesundheitshandwerke. Er stellte heraus, dass die Hilfsmittelreform, die Entbürokratisierung des PQ-Verfahrens und die Rolle der Gesundheitshandwerke in der Versorgung eine Bündelung der Interessen sinnvoll und erforderlich machen.
In Berlin stellte das Kuratorium Gutes Sehen (KGS) seine Arbeit für die Branche vor und ehrte Dr. Wolfgang Wesemann mit der Duncker-Medaille für die langjährige fachliche Unterstützung. Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), beleuchtete die Megatrends im Handel und zeigte Entwicklungen hin zu nachhaltigem, regionalem und digitalem Konsum auf. Wie die Künstliche Intelligenz die Märkte revolutioniert, erklärte Unternehmerin und Dozentin Dr. Vanessa Just praxisnah. Journalist Richard Gutjahr nahm sich später die smarten Brillen vor und skizzierte den zukünftigen Alltag mit ihnen.
Auszüge aus dem Programm
Alles das sind nur Auszüge aus dem Programm zweier großartiger Veranstaltungen, die zudem Platz boten fürs Netzwerken und den Austausch abseits des Bühnengeschehens. Wer in den Pausen des Programms noch nichts zu lachen hatte, der sollte weder in Dortmund noch in Berlin diesbezüglich ohne Erfolgsmoment auskommen müssen. Beim Blick 2025 sorgte Ralph Caspers, TV-Moderator und Autor, als Gesicht der Imagekampagne der Innungsoptiker NRW für den „philosophischen Schlussakkord“. „Am Ende war dann aber doch alles sinnlos“ lautete der Titel des letzten Vortrags. Er skizzierte, dass unser Gehirn auch aus vermeintlich sinnlosen Bedeutungen etwas Sinnvolles erstellen könne, denn „unser Gehirn ist eine Sinngebungsmaschine“, so Caspers, der im Anschluss noch für Fotos zur Verfügung stand.
Die Satire hatte in Berlin nicht das letzte Wort, aber auch ein gewichtiges: „Die Welt ist aus den Fugen – aber deine muss es nicht sein“ nannte Satiriker Florian Schröder seinen pointierten Denkanstoß und Impuls, der Nachdenkliches, Wahres und Lustiges vereinte. Den Abschluss des Trendforums bildete ein Interview von Moderator Wolfram Kons mit Tischtennis-Legende Timo Boll, der über Konzentration, Präzision und mentale Stärke sprach. Einige Besucher wagten sich am Ende auf die Bühne, um gegen Boll an der Platte anzutreten – an dieser Stelle kommt für diejenigen noch einmal Ralph Caspers ins Spiel, denn: Am Ende war dann aber doch alles sinnlos.
Mirjam Rösch, Vorsitzende des Fachverbands Consumer Optics und stellvertretende Vorsitzende von Spectaris resümierte: „Die vielen Gespräche, Ideen und Impulse dieses Tages zeigen, dass die Branche Lust auf Bewegung hat. Junge Leute haben Lust, das Geschäft von morgen weiterzuführen. Wir haben heute gesehen, dass es tolle neue Produkte und Services geben wird. Wenn wir gemeinsam den richtigen Spin finden, wird aus Veränderung eine echte Aufbruchsstimmung.“ Eine, die auch in Dortmund zu spüren war, und das nicht nur wegen der vermeldeten Rekordzahlen.