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Optometrische Screening-Systeme im „eyebizz-Härtetest“

Sicherheitsanker oder ein „kommunikatives KI-Tool“?

Der Markt wird zunehmend unübersichtlicher angesichts der Fülle der Angebote: Dabei wird aber auch immer deutlicher, dass die Frage nicht mehr lauten kann, ob ein optometrisches Screening-System in ein bestimmtes Geschäft passt? Heute geht es „nur noch“ darum, welches System in welches Geschäft passt – und man mag noch „Augenoptik-Geschäft“ hinzufügen. Auch dieser Test zeigt, dass ein System dann zuverlässige und reproduzierbare Ergebnisse liefert, wenn viele strukturierte Informationen integriert werden – unabhängig davon, ob eine Künstliche Intelligenz oder ein Augenarzt beteiligt sind. Und auch die Qualität der Fundusbilder bleibt entscheidend beim Augenscreening – wenngleich das in der folgenden Erhebung keine Rolle spielt.

Auge und KI
Foto: Adobe Stock

Der Markt für optometrische Screening-Systeme ist heute vielfältiger denn je: Die Top-Anbieter liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem Technik und Philosophie offensichtlich auseinanderdriften. Wir haben uns sechs Anbieter genauer angesehen, und unser Vergleich zeigt eindrucksvoll, dass es sowohl die vollständige Validierung mit ärztlicher Beteiligung als auch moderne Hightech-Lösungen mit KI-Unterstützung gibt.

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Im Test: Ocumeda, RetinaLyze, SKLEO, epitop, ­iCare ILLUME und VISIONIX – sechs Systeme, sechs Ansätze. Während große Hersteller wie iCare (Centervue) und ­VISIONIX ihre Algorithmen direkt an den Messprozess am Gerät integrieren, setzen die anderen vier auf eigenständige Software oder Telemedizin-Dienste. Das Ergebnis: Technische Leistung und Ergebnisinterpretation unterscheiden sich teils drastisch – was dann auch zu gegensätzlichen Empfehlungen führt.

Technik und Daten

Die größten Unterschiede liegen im Funktionsumfang und Datenhandling der Systeme. Ocumeda bietet den umfassendsten Ansatz im Test: Neben Fundus, Visus und Augeninnendruck (IOP) enthält der Bericht auch den Refraktionsdatensatz. Zudem können Kunden und Augenärzte die Fundusbilder in Originalqualität downloaden, was die Transparenz und die Nachvollziehbarkeit deutlich erhöht. Der vierseitige Bericht ist klar strukturiert, mit Ampel-Logik, Glossar und ärztlichem Kommentar.

Wer den KI-Test live erleben und an der Diskussion darüber teilnehmen möchte: Thorsten Boss präsentiert die Resultate am 21. Januar um 10 Uhr in der partnerauge Akademie live im Webinar. Es haben sich bislang sieben Vertreter von Screening-Lösungen für die Diskussion dazu angemeldet, darunter Zeiss Vision Care, Epitop, Visionix, TelemedC, Retinalyze, Bon Optic, Optik Consulting. Kostenfreie Anmeldungen sind hier schnell möglich.

 


Limitationen des Vergleichs

Dieser Leistungsvergleich dient der Orientierung – nicht der absoluten Bewertung.

  • Einzelfallbasis: Ergebnisse basieren auf einem ein­zigen Probanden.
  • Zeitpunktbezogen: Bewertet wurde der Softwarestand zum Zeitpunkt der Messung (Mai – Oktober 2025).
  • Nur Berichtsinhalt berücksichtigt: Zusatzdaten oder interne Diagnosetools flossen nicht ein.
  • Keine klinische Studie: Der Vergleich zeigt funktionale, keine medizinisch-statistischen Unterschiede

Fazit: Die Systeme sind nicht „richtig“ oder „falsch“, sondern Ausdruck unterschiedlicher Denkweisen. Wer diese versteht, kann gezielt wählen – zwischen Tempo, Tiefe, Sicherheit oder Verständlichkeit.


 

SKLEO liefert mit fünf Seiten den umfangreichsten KI-Hybridbericht. Neben Refraktionswerten (Sphäre, Zylinder, Achse) und Visus werden alle Messdaten in einem übersichtlichen Layout zusammengeführt. Die KI-Auswertung wird ärztlich plausibilisiert – also überprüft, aber nicht vollständig neu befundet.

RetinaLyze verfolgt einen kompakten, softwarebasierten Ansatz (zwei Seiten) und überzeugt durch exzellente Verständlichkeit. Sofern vorhanden, werden IOP-Daten und eine umfassende Anamnese mit in den Bericht aufgenommen. Optional können auch OCT-Daten (optische Kohärenztomografie) eingebunden werden, um Netzhautveränderungen dreidimensional zu erfassen.

iCare ILLUME (3 Seiten) und VISIONIX (1 Seite) stehen für die integrierten Schnelllösungen. Beide Systeme analysieren Fundusbilder direkt im Gerät und liefern KI-Risikoscores. Während iCare ILLUME seine Sensitivität hoch ansetzt und frühzeitig auf potenzielle Auffälligkeiten hinweist, bleibt es bei VISIONIX im Dunkeln, was die Risikobewertung anderer Auffälligkeiten betrifft: Die Berichte zeigen lediglich numerische Scores wie zum Beispiel „Risiko Score 1/10“, jedoch ohne Angaben zu den zugrunde liegenden Parametern oder Prüfalgorithmen. Das erschwert die Interpretation und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse.

epitop schließlich bietet zwei Berichtstypen: das ausführliche 10-seitige ärztliche Dossier, das systemische Gesundheitsdaten (z.B. Herz-Kreislauf, Diabetes, Blutdruck) über eine ergänzende Anamnese integriert, sowie den neuen Quick Check (1-Seiter). Letzterer richtet sich speziell an Augenoptiker und zeigt ausschließlich die Kerndaten zu Netzhaut, Papille und Herz-Kreislauf – also ein kompakter Überblick, der im Beratungsalltag eine schnelle Einschätzung ermöglicht.

Screening im Alltag

Im Praxisalltag zählt die Balance zwischen Geschwindigkeit, Tiefe und Verständlichkeit.

iCare ILLUME und VISIONIX punkten durch Geräteintegration: Die Analyse läuft automatisch und liefert Ergebnisse binnen Sekunden – ideal für Augenoptiker mit hohem Kundendurchlauf.

Ocumeda verfolgt dagegen ein telemedizinisches Konzept: Die Bilder werden an Fachärzte übermittelt, die den Befund anschließend digital bestätigen. Das dauert etwas länger, bietet aber höchste juristische Sicherheit und durch die Downloadfunktion volle Datentransparenz.

SKLEO kombiniert beides – KI-Auswertung plus ärztliche Plausibilisierung.

RetinaLyze bietet den schnellsten Cloud-KI-Prozess, inklusive optionaler OCT-Datenintegration. Hier steht optional  ein „Augenarzt-Backup“ zur Verfügung.

epitop bedient mit seinem Quick Check gezielt den Bedarf nach einem schnellen, laienverständlichen Screeningbericht, während das vollständige Dossier eher im medizinischen Kontext eingesetzt wird.

Gegenüberstellung der Befunde

Die wohl spannendste Erkenntnis des Vergleichs: Ein und derselbe Proband, identische Fundusbilder – und trotzdem völlig unterschiedliche Ergebnisse. Die Spanne reicht von kurzfristigem Handlungsbedarf bis zu unauffälligem Routinebefund.

  • Höchste Dringlichkeit (Ocumeda): Aufgrund der ärztlichen Vollbefundung empfahl Ocumeda eine Kontrolle beim Augenarzt innerhalb von 3 Monaten (Ampel: Gelb).
  • Glaukom-Verdacht durch KI (iCare ILLUME): Die KI stufte den Befund als verdächtig (Ampel: Rot) ein und sah Handlungsbedarf.
  • Leichte Auffälligkeit (VISIONIX): Nur eine geringe

Abweichung, dennoch Empfehlung zur Abklärung durch einen Augenarzt.

  • Systemische Dringlichkeit (epitop): Empfehlung einer weitergehenden ärztlichen Vorsorge, basierend auf der Analyse zusätzlicher Gesundheitsdaten (z.B. Blutdruck, Diabetesrisiko).
  • Keine akute Dringlichkeit (SKLEO, RetinaLyze): Beide Systeme stuften den Befund als unauffällig ein. Während RetinaLyze eine Routinekontrolle nach 12 bis 24 Monaten empfahl, kam SKLEO zu einer gänzlich unauffälligen Bewertung und empfahl einen allgemein regelmäßigen Augenarztbesuch.

Diese enorme Spannweite – von „Augenarztbesuch binnen 3 Monaten“ bis „Routinekontrolle in 2 Jahren“ – zeigt: Nicht das Auge des Kunden verändert sich, sondern die Denkweise der Systeme.

Das Triple-Dilemma – warum Ergebnisse so ­unterschiedlich ausfallen

Wie kann es zu solch konträren Bewertungen kommen? Die Antwort liegt in der Validierungsarchitektur der Systeme – also der Art, wie Daten verarbeitet, gewichtet und medizinisch bewertet werden.

  1. Unterschiedliche Validierungstiefe
  • Ocumeda: ärztliche Vollbefundung jedes Falls, inklusive Refraktion, IOP und Visus. Konservativ, aber maximal sicher.
  • SKLEO: ärztliche Plausibilisierung eines KI-Ergebnisses – der Mittelweg.
  • RetinaLyze: reine KI, jedoch optional ergänzt durch OCT-Daten.
  • iCare ILLUME und VISIONIX: rein algorithmisch, ohne ärztliche Kontrolle.
  • epitop: Bewertung systemischer Risikofaktoren, zusätzlich mit Quick Check-Option für Augenoptiker
  1. Mögliche unterschiedliche ­KI-Philosophien
  • Hohe Sensitivität – lieber einmal zu viel Alarm als einmal zu wenig.
  • Eher spezifisch – zum Beispiel Fokus auf Hämoglobinwerte am Sehnerv, dadurch möglicherweise milder.
  • Kombination von Fundus, Refraktion, Visus – balancierte Risikoeinschätzung.
  • Differenzierte Risikoscore-Paramete
  1. Fehlende Standardisierung

Es existieren keine verbindlichen Normen für KI-Risikoschwellen oder deren Übersetzung in Empfehlungen. Ein Score von 0,83 kann bei einem System als „auffällig“, bei einem anderen als „noch unbedenklich“ gelten.

  1. Juristische Sicherheitsphilosophie

Systeme mit ärztlicher Beteiligung (Ocumeda, SKLEO) sind konservativer und rechtlich abgesicherter. „KI-only-Systeme“ (VISIONIX, iCare ILLUME, RetinaLyze) dürfen keine Diagnosen formulieren und bleiben daher vorsichtig in der Sprache.

  1. Bedeutung der Bildqualität und Datenbasis

Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor ist die Qualität der Fundusbilder und die verfügbare Datentiefe. Selbst die beste ärztliche Befundung ist nur so gut wie das zugrunde liegende Bildmaterial. Unschärfen, Reflexe oder unvollständige Aufnahmen können die Interpretation deutlich einschränken. Systeme, die zusätzliche Messdaten – etwa IOP, Visus, Refraktion oder OCT-Informationen – einbeziehen, liefern daher im Alltag belastbarere Erkenntnisse.

Die Erfahrung zeigt: Je mehr strukturierte Informationen das System integriert, desto zuverlässiger und reproduzierbarer ist das Ergebnis – unabhängig davon, ob es von einer KI oder einem Arzt bewertet wird.

Kommunikation und Kundenberatung

Für den Kunden zählt am Ende die Verständlichkeit.

  • Fließtext und beruhigende Sprache erhöhen die Verständlichkeit.
  • Ampellogik und Glossar inklusive Downloadoption der Originalbilder – sind ideal zur Nachvollziehbarkeit.
  • Ergänzende Daten in strukturierter Form erhöhen die Berichts-Qualität, erfordern aber mehr Erklärungen.
  • Zahlenkolonnen und Scoring-Angaben müssen im Beratungsgespräch erklärt werden.
  • Quick Checks können Augenoptikern helfen, wesentliche Informationen einfach zu vermitteln, während mehrseitige Dossiers ein Selbststudium des Kunden voraussetzen und den ärztlichen Kontext bedienen.

Testsieger und Empfehlung

  • Rechtssicherheit und Tiefe: Ocumeda – ärztliche Vollbefundung, vollständige Refraktionsdaten, höchste Sensitivität, Download der Originalbilder.
  • Laienverständlichkeit: RetinaLyze – klarer Fließtext, einfache verständliche Sprache, optionale OCT-Einbindung und optionale ärztliche Befundung.
  • Systemische Integration: epitop – tiefgehende Gesundheitsdaten und Quick Check für Augenoptiker mit optionaler ärztlicher Befundung.
  • Optometrische Daten-Power: SKLEO – umfassender Bericht, ärztlich plausibilisierte KI.
  • Schnelligkeit & Geräteintegration: iCare ILLUME und VISIONIX – effiziente KI-Schnelllösungen; bei VISIONIX zusätzliche Hinweise auf „andere Auffälligkeiten“, jedoch fehlende Transparenz der erweiterten KI-Algorithmen.

Redaktions-Fazit:

Welches System passt nun in welches Augenoptik-Geschäft? Die Systeme spiegeln unterschiedliche Strategien wider:

Ocumeda steht für Sicherheit und Nachvollziehbarkeit, RetinaLyze für klare Kommunikation, SKLEO für datenorientierte Tiefe. iCare ILLUME und VISIONIX überzeugen als pragmatische Vorscreening-Tools, epitop als Brücke zwischen Augenoptiker und Medizin.

Letztlich müssen Augenoptiker sorgfältig abwägen, denn die gezeigte Divergenz der Befunde ist der Lackmustest für jedes System. Für maximale Sicherheit sind Telemedizin-Gutachten derzeit der Goldstandard, damit lässt sich auch der Auftrag des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen (ZVA) in seiner strengsten Form erfüllen, der in den Arbeits- und Qualitätsrichtlinien des ZVA niedergeschrieben ist. Wer im Beratungsgespräch jedoch besonders auf Transparenz, Verständlichkeit und eine schnelle Unterstützung der Analyse durch KI-Interpretation setzt, kann auch ein kommunikatives KI-Tool nutzen. Voraussetzung ist dafür neben der fachlichen Qualifikation und Erfahrung des Optometristen auch ein regionales Versorgungsnetzwerk zur Anschlussversorgung im Falle von Auffälligkeiten.

Die Investitionsentscheidung hängt also maßgeblich davon ab, ob Sie einen „diagnostischen Sicherheitsanker“ oder ein „kommunikatives KI-Tool“ in Ihrem Geschäft benötigen.

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KI-Tools eyebizz 1-2026 QR-CodeDer Selbsttest von eyebizz-Autor Thorsten Boss dient zur Orientierung, kann aber keine absoluten Ergebnisse liefern. Wir haben die Anbieter noch einmal gesondert befragt, auch damit sie fehlende Informationen ergänzen können. Außerdem werden einige von ihnen beim partnerauge-Webinar am 21. Januar live dabei sein, wenn Boss den KI-Test persönlich präsentiert. Antworten und kostenfreie Anmeldemöglichkeit über den QR-Code.


 

Thorsten Boss, der Augenoptikermeister und Betriebswirt mit langjähriger Erfahrung in unserer Branche, setzt sich seit vielen Jahren mit dem Thema „Screening“ auseinander.

 

Artikel aus der eyebizz 1.2026 (Januar/Februar)

 

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