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Augenoptiker-Portrait

Martin Balke: En tysk Optiker i Norge

Manchen Deutschen packt das Fernweh so sehr, dass Urlaube nicht mehr ausreichen, es zu stillen, und der Sehnsüchtige eine neue Existenz im Ausland aufbaut. Seit 2007 lebt und arbeitet der deutsche Optiker und Optometrist Martin Balke in Norwegen, seit 2009 mit eigenem Geschäft der Interoptik-Kette in der Küstenstadt Flekkefjord.

Früher ist Martin Balke zum Urlaub nach Norwegen gefahren, seit 2007 urlaubt er in Deutschland: Familie und Freunde besuchen, einmal im Jahr zurück in die alte Heimat ins thüringische Neuhaus am Rennweg inmitten des Naturparks Thüringer Wald. Eine neue Sprache lernen, die hilfsbereiten Menschen im hohen Norden und die fantastische Naturlandschaften – das gab für den deutschen Augenoptikermeister den Ausschlag, mit seiner späteren Frau Katja nach Norwegen auszuwandern. Das Haus wurde verkauft, die Stelle als Augenoptikermeister in Sonneberg gekündigt. Goodbye Germany!

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Katja und Martin Balke in Norwegen
Katja und Martin Balke in ihrer neuen Heimat Norwegen

Neue Heimat: norwegische Südküste

Zunächst zog es Balke an die Nordspitze Norwegens nach Hammerfest, für eine Anstellung bei Drecker Optik. Auch in Norwegen fehlen qualifizierte Augenoptiker*innen, deshalb sind deutsche Augenoptiker*innen besonders im Norden sehr willkommen. Das Klima dort ist rau, die Winter sind lang. „Die Leute waren dankbar, dass man in die Finnmark kam, um ihnen zu helfen.“

Aber Hammerfest war weit vom Schuss, die Miete exorbitant hoch. So zogen die Balkes 2009 weiter in den klimatisch und preislich moderateren Süden. Allerdings: „Die Norweger sind im Norden offener, im Süden reservierter. Es dauert, bis man Freunde findet, doch dann hat man sie ein Leben lang.“ In Flekkefjord an der Südküste fand das Paar ein neues Plätzchen.

Ein beschaulicher Ort mit üppig Wäldern und Wasser drumherum, ein Paradies für Jäger und Angler – also gar nicht so anders als die frühere Heimat in Thüringen – und näher dran für den jährlichen Deutschlandbesuch. „Das Leben spielt sich viel draußen ab. Der Norweger ist naturverbunden, geht oft wandern, schnallt sich seine Skier an oder fährt mit dem Boot raus.“

Mitinhaber im Franchise-Modell

Mittendrin im Ort in der Brogaten (Brückenstraße) liegt das Geschäft Interoptik Flekkefjord, eines von mehr als 70 Optiker-Geschäften im Verbund der Kette. Hier startete das neue Norwegen-Kapitel für Martin Balke, zunächst als Angestellter des Franchise-Unternehmen, mit der Option, Anteile zu kaufen, was er dann auch tat.

Interoptik-Laden Martin Balke Norwegen
Der Interoptik-Laden in Flekkefjord/ Norwegen

Zusammen mit Mitinhaberin und Geschäftsführerin Mette Steinhaug und drei Angestellten bringt es das Team mit Balke auf über 40 Jahre Erfahrung in der Branche. Schwerpunkt neben dem Angebot von Brillen und Kontaktlinsen ist die Optometrie mit umfangreichen Sehtests und Netzhautuntersuchungen.

Zur Standardausrüstung eines Augenoptikers in Norwegen gehören Funduskamera, Topograf, OCT und Augendruckmessung. Augenoptiker*innen haben das Recht, ihre „Kunden“ direkt zum Augenarzt zu überweisen. „Ein Sehtest mit gründlicher Journalführung dauert in der Regel zwischen 40 und 60 Minuten. Sehtest und klinische Untersuchung der Augen sind eine Leistung, für die Augenoptiker*innen lange und gründlich ausgebildet wurden. Diese Leistung wird von den Norwegern anstandslos privat bezahlt und nicht in den eventuellen Brillenverkauf einkalkuliert.“

Anderes Land, andere Augenoptik

Überrascht war Martin Balke von der großen Verantwortung, die ein Angestellter in einem „Gesundheitsberuf“ in Norwegen hat, und vom hohen klinischen Niveau dort. Der Beruf ist kein Bestandteil der Handwerksrolle, sondern wird aufgrund der schlechteren Erreichbarkeit der Augenärzte im ländlichen Norwegen mit größeren Entfernungen im Bereich „primary health care“ eingeordnet und ist für alle Norweger erste Anlaufstelle beim Thema Sehen.

Seit 2008 dürfen „Optiker“ in Norge diagnostische Medikamente für leichtere und fundiertere Untersuchungen nutzen. Bei einer früheren bzw. anderen Ausbildung können Augenoptiker*innen nachträglich die entsprechenden Zertifikate mit Weiterbildungskursen erwerben. Martin Balke bekam 2010 die norwegische Autorisation von der Zulassungsbehörde für Gesundheitsberufe.


 

Augenoptik Deutschland – Norwegen im Vergleich

Einwohner in Mio.: 83,6 (D) und 5,39 (NO)

AO-Geschäfte pro 10.000 Einw.: 1,40 (D) und 1,15 (NO)

Augenärzte pro 10.000 Einw.: 0,49 (D) und 1,04 (NO)

Brillenträger in %: 63,5 (D) und 66 (NO)

Kontaktlinsenträger in %: 6,2 (D) und 10,0 (NO)

(Quellen: ECOO BlueBook 2020, Statista 2020, ZVA-Branchenbericht 2020/2021)

 


Aus deutscher Sicht überraschend: In Norwegen gibt es keine Gesellen und Gesellinnen in der Augenoptik. „Die Angestellten sind meistens angelernte Mitarbeiter für den Verkauf, der Augenoptiker verbringt seine Arbeitszeit zu 95 % im Prüfraum. Auch für das Schleifen müssen die Inhaber Mitarbeiter anlernen.“ Viele norwegische Augenoptiker*innen lassen deshalb die Brillen in Zentralwerkstätten verglasen. Nicht so bei Martin Balke. In Flekkefjord kommt die Schleifmaschine fast immer zum Einsatz. Ein enormer Wettbewerbsvorteil, wie Balke betont, da die Kunden so viel schneller ihre fertige Brille erhalten.

Optiker: Weniger Handwerk, weniger Vielfalt

Doch die starke Positionierung des Augenoptikers als Gesundheitsberuf bleibt nicht ohne Folgen. „Da Augenoptiker*innen in Norwegen weniger Handwerker sein, und kein Geselle diese Lücke füllen kann, werden Brillen nur selten mehrmals verglast, höchstens bei teuren Modellen, und seltener repariert. Die Brille ist mehr ein Gebrauchsgegenstand als in Deutschland und die erwartete Lebensdauer gefühlt geringer“, so der 50-Jährige. Der Wiederbeschaffungsrhythmus liege seiner Meinung nach bei etwa drei Jahren.

Interoptik Flekkefjord: Prüfraum von Optiker Martin Balke
Interoptik Flekkefjord: Prüfraum von Optiker Martin Balke

Auch die Vielfalt der Brillenkollektionen ist geringer. Die Augenoptikgeschäfte sind fast ausschließlich Mitglieder von Ketten oder Einkaufsgenossenschaften. Die preisgünstigen Akteure bedienen sich meist aus dem Portfolio derselben großen Hersteller, was das Sortiment begrenzt und austauschbar macht. Jedoch: „Als ich zu arbeiten anfing, hatte ich den Eindruck, dass die Leute hier sehr modebewusst sind und auf gute Qualität setzen. Es gibt entweder billige Lösungen oder beste Qualität.“ Ray-Ban, Tom Ford, Silhouette oder Persol sind Marken, die Martin Balke in seinem Geschäft anbietet

Sehr angenehm findet er, dass die Glaspreislisten dünn sind und die Gläser eines Typs in Standardstärken alle das Gleiche kosten, ob sphärisch oder torisch, sodass der Kunde nicht dafür „bestraft“ wird, dass ein Auge astigmatisch ist.

„Überraschend für mich war, als ich in Norwegen anfing, dass die besten Gläser (zum Beispiel Gleitsichtgläser von guten Marken) hier bis zu 30 % weniger kosteten als in Deutschland. Ein paar Deutsche kamen damals hierher und sparten ein paar Euro.“ Inzwischen dürften diese Preisunterschiede aber der Vergangenheit angehören, vermutet Martin Balke. Ein Gleitsichtglas-Tourismus wird sich wohl nicht entwickeln.

Weiterbildung, auch international

Auch nach der Auswanderung nach Norwegen bildet sich Martin Balke im In- und Ausland weiter. 2012 machte der weltgewandte Thüringer den PCO-Master of Science in Clinical Optometry in den USA, 2017 den „Master i Optometri og Synsvitenskap“ (Kinderoptometrie). 2018 präsentierte er seine Forschungsresultate zur Akkommodationsinsuffizienz bei der Association for Research in Vision and Ophthalmology (ARVO) sogar in Hawaii.

Martin Balke auf Haiti 2019 beim Sehtest
Martin Balke mit Ocular Globe auf Haiti 2019 beim Sehtest

Im Jahr darauf ging es mit norwegischen Kollegen für ein zehntägiges Hilfsprojekt der Organisation Ocular Globe nach Haiti, um Brillen an die Bevölkerung zu verteilen. Die Mission wurde zeitweise heikel, als es schwere Ausschreitungen gegen die haitianische Regierung gab. Auch in seiner Wahlheimat engagiert er sich, seit Jahren schon in der Fachgruppe des Norwegischen Optiker-Verbands (NOF), wo er an berufsspezifischen Richtlinien mitarbeitet und seit kurzem Beisitzer im Vorstand ist. Der Verband kürte ihn 2019 zum „Größten Vorbild“.

Norwegische Lebensart heißt „Kos“

Weltweit bekannt sind die Norweger für ihren Gemeinschaftssinn. Sie verwenden den Begriff „Kos“ (gesprochen mit langem U) für das gemütliche, entspannte, kuschelige Zusammensein – ein zentraler Aspekt norwegischen Lebensstils. Hierzulande kennen wir das Wort als Silbe von Liebkosen. Die Briten machten daraus „cozy“.

Martin Balke Freizeit Angeln Norwegen
Martin Balke: begeisterter Angler

Cozy People: Auch das schätzt Balke an seiner zweiten Heimat. Ganz landestypisch verbringt das Interoptik-Team in Flekkefjord die Mittagspausen stets gemeinsam. „Wir nehmen uns mehr Zeit für das gemeinschaftliche Mittagessen, auch wenn es nur ein mitgebrachtes Pausenbrot ist.“

Den Schritt in die Fremde hat der Thüringer nie bereut. „Meine Frau und ich vermissen vieles aus Deutschland, aber wenn wir nach dem jährlichen Urlaubsbesuch bei der Familie wieder in Norwegen ankommen, freuen wir uns auf zu Hause.“

Will Martin Balke in Norwegen bleiben? Aber ja! „Vieles ist einfacher hier. In Deutschland wirkt für mich mittlerweile vieles übertrieben und aufgeblasen. Die Diskussionen und Klagen um jede Kleinigkeit sind oft abstrus. Danach sehne ich mich, ehrlich gesagt, nicht zurück. Die meisten Leute hier können sich an einfachen Sachen erfreuen und sind zufriedener.“

/// PE

 

 

Interoptik Flekkefjord

Brogaten 20, 4400 Flekkefjord / Norwegen

E-Mail: flekkefjord@interoptik.no

www.interoptik.no/finn-butikk/interoptik-flekkefjord/

Telefon (Martin Balke privat): 0047-95-282763

 

Alle Bilder: Martin Balke, Interoptik und NOF

 


Die weiße Perle und das Oktagon

Flekkefjord – die Holländerstadt

Bereits die Wikinger erkannten die Vorzüge von Flekkefjord, auch andere Nationen fanden den Küstenort im Süden attraktiv: Im 15. und 16. Jahrhundert erhielt er seinen Beinamen Holländerstadt, als begehrtes Bauholz und später Granit für Straßenbau und Hafenanlagen abgebaut und nach Holland exportiert wurden. Noch später war es der Export von Heringen, der für den Wohlstand des Hafens sorgte.

Schiffsbautechnik gehörte im 19. Jahrhundert neben Gerbereien zu den wichtigsten Industriezweigen. Mit dem Einzug der Dampfschiffe um 1870 wurde Flekkefjord Teil der Postschiffroute in den hohen Norden nach Bergen und Trondheim, aber auch zu einer direkten Verbindung nach Hamburg. Importiert wurde Kaffee, Tee, Sirup, Zucker.

Heute hat „die weiße Perle“ fast 10.000 Einwohner, der holländische Einfluss zeigt sich im Stadtbild: Zahlreiche Verzierungen an den gut erhaltenen weißen Holzhäusern, geschmückt mit kleinen Erkern und Türmchen, fast immer achteckig und so bezeichnend für Flekkefjord, dass sich das „Oktagon“ im gleichnamigen Modell des Norwegerpullis wiederfindet. (Quelle: suednorwegen.org)


 

Artikel aus der eyebizz 6.2021 (Oktober/November)

 

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