Trockenes Auge: Volkskrankheit als Chance für die Augenoptik
von Ingo Rütten,
Das Trockene Auge und die damit verbundenen Aufgaben und Chancen für Augenoptiker waren Themen beim Webinar „Focusing On Excellence, Teil 2“ der partnerauge-Akademie, die neben den Experten von Breitfeld & Schliekert Sebastian Golczyk (Hochschule München) und Stefan Kroll (Optima Pharmazeutische GmbH) zu Gast hatte. Die beiden Fachleute vermittelten praxisnahe Erkenntnisse aus dem aktuellen DEWS-III-Report und zeigten, warum das Trockene Auge für Augenoptiker längst unvermeidbar geworden ist – und warum ein Tränenfilm-Screening, wie auf den vorherigen Seiten beschrieben, sinnvoll ist.
Das Webinar „Focusing On Excellence“ unter anderem mit Sebastian Golczyk und Stefan Kroll zum Thema Dry Eye vom 19. Mai dieses Jahres steht in der partnerauge/eyebizz-Mediathek. (Foto: Screenshot partnerauge)
Sebastian Golczyk, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule München und Master der Optometrie, bemerkte zu Beginn seiner Präsentation: „Das Auge ist keine Topfpflanze.“ Wer trockene Augen nur als Wassermangel begreife, verfehle das eigentliche Problem. „Das Trockene Auge ist multifaktoriell – und es betrifft deutlich mehr Menschen als gemeinhin angenommen“. Entscheidend sei das Gleichgewicht im Tränenfilm. Wenn das komplexe System aus Öl, Wasser und Schleim aus der Balance gerate, seien die Folgen vielfältig: Entzündungsreaktionen, rauere Augenoberflächen, instabileres Sehen, Belastungen des Nervensystems nannte Golczyk und verwies dabei auf den aktuellen DEWS-III-Report (Tear Film & Ocular Surface Society Dry Eye Workshop), der im Gegensatz zu den beiden ersten Reports die Augenoberflächenveränderungen explizit als Treiber der Erkrankung anerkenne.
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Einfacher erkennen und behandeln
Der DEWS III bringe eine erfreuliche Vereinfachung, um ein Trockenes Auge zu erkennen und später richtig zu behandeln. Drei Schritte genügen: Symptome erfassen, mindestens einen objektiven Marker identifizieren und den Grund suchen, der die Symptomatik antreibt. Für die Symptomerfassung empfiehlt Golczyk den OSDI-6-Fragebogen (Ocular Surface Disease Index), dessen Eingriffsschwelle auf vier Punkte gesenkt wurde. Ein niedrigschwelliges Werkzeug, das problemlos in jede Anamnese passt. Als objektive Marker eignen sich die Non-Invasive Break-up-Time (NIBUT), idealerweise per Infrarotlicht am Keratographen gemessen, Stippen an der Augenoberfläche oder Osmolaritätsmessungen.
Entscheidend sei aber auch ein sprachlicher Perspektivwechsel: „Wir reden dann nicht mehr über trockene Augen, sondern über Sehschwankungen und unscharfe Bilder“, sagte Golczyk. „Genau diese Beschwerden kennen und beschreiben Kunden – und lassen sich damit gezielt abholen.“
Treiber kennen: Blinzeln, Meibomdrüsen, Lid
Einer der häufigsten Treiber sei das unvollständige Blinzeln. Wer stundenlang auf Bildschirme starrt, schließt die Lider nicht vollständig – Stippen entstehen, die Oberfläche wird rauer. Parallel dazu werden die Meibomdrüsen unzureichend stimuliert: Das Lipidsekret stockt, eine Meibomdrüsen-Dysfunktion (MGD) entsteht, und mit der Zeit können die Drüsen degenerieren. Golczyk warnte deutlich: „Diese Drüsen kann ich nicht aufpäppeln. Ich kann nur erhalten, was noch da ist.“
Wer trockene Augen nur als Wassermangel begreift, verfehlt das eigentliche Problem.
Die Meibographie mache diesen Zustand sichtbar und sei eines der wirkungsvollsten Gesprächsinstrumente in der Praxis. Bilder ausgefallener oder verkürzter Meibomdrüsen schaffen beim Kunden Verständnis und Motivation zur Behandlung. Ebenfalls neu im DEWS-III-Report als Treiber anerkannt: Lidbeteiligungen wie Blepharitis, Rosacea oder erhöhter Demodex-Milben-Besatz. Hier lohne die Zusammenarbeit mit dem Augenarzt.
Sebastian Golczyk brach das Dry-Eye-Management auf vier Grundregeln herunter:
Auffälligkeiten aktiv erkennen
Risiken einordnen
Beratung strukturieren
und die eigenen Grenzen kennen, was nicht weniger wichtig sei als die anderen drei
Bei einseitigen Symptomen, Lichtempfindlichkeit, plötzlichem Visusabfall oder Hornhautveränderungen gehöre der Kunde darüber hinaus schnell zum Augenarzt.
Stefan Kroll, Geschäftsführer der Optima Pharmazeutische GmbH, präzisierte im zweiten Vortrag die wichtigste therapeutische Weichenstellung. Liege ein evaporatives Trockenes Auge vor (wie bei etwa 80 Prozent aller Fälle), fehle nicht Wasser, sondern Öl. Die Träne verdunstet zu schnell. Häufig laufe das Auge sogar über, während der Betroffene über Trockenheit klagt: Für das sogenannte paradoxe Trockene Auge gibt es lipidhaltige Augentropfen oder -sprays.
Beim wässrigen Tränenmangel ist der Tränenmeniskus sichtbar reduziert – erkennbar an der Spaltlampe oder am Keratographen. Hier helfen konservierungsmittelfreie Hyaluron-Augentropfen, deren hoher Wasserbindungsfaktor den Feuchtigkeitshaushalt stabilisiert. Krolls Kurzformel: „Lipidmangel braucht Lipid. Wässriger Mangel braucht Wasser. So einfach ist das.“
Wärme – Massage – Reinigung
Bei MGD und Blepharitis sei die tägliche Lidrandpflege das Fundament jeder Behandlung. Kroll nutzte die Zahnpflegeanalogie: „Wie oft putzen Sie Zähne? Zweimal täglich. Wie oft machen Sie Lidrandpflege? Noch gar nicht. Das ist Ihr Problem.“ Wärme – idealerweise mit einer geeigneten Wärmemaske – verflüssigt das angestockte Meibom-Sekret. Massage drückt es aus den Drüsen. Reinigung entfernt Krusten und Ablagerungen. Das sei täglich notwendig, konsequent wie Zähneputzen. Und die Reihenfolge sei nicht verhandelbar – die Reinigung ohne vorherige Wärme/Massage sei deutlich weniger effektiv. Kroll: „Kann ich ohne Zahnbürste putzen? Wahrscheinlich geht es. Ob es sinnvoll ist? Eher nicht.“
Angenehmer Nebeneffekt: Wer regelmäßig Lidrandpflege betreibe, entziehe Demodex-Milben ihren Lebensraum. In vielen Fällen reiche das aus, um einen erhöhten Besatz zu reduzieren; Teebaumöl-Produkte könnten gezielt ergänzt werden. Für Fälle, in denen konservative Maßnahmen nicht ausreichten, böten physikalische Verfahren wie IPL (Intensive Pulsed Light) oder LED-Wärmetherapie weiterführende Optionen, bevor eine Überweisung zum Augenarzt notwendig werde.
Beide Referenten zeigten sich überzeugt: Das Trockene Auge ist eine Volkskrankheit, deren Ausmaß erst sichtbar wird, wenn man aktiv danach sucht. Wer den OSDI-Fragebogen konsequent einsetze, werde erstaunt sein, wie viele Betroffene schon längst vor dem Beratungstisch sitzen. Golczyks Empfehlung für den langsamen Einstieg: „Spaltlampe, Fragebogen und aufklären.“ Jede Dry-Eye-Sprechstunde, die so beginne, könne wachsen. Jeder weitere Check, jede Verlaufskontrolle, jedes Beratungsgespräch stärke die Kundenbindung – und die Kompetenz des Augenoptikers. Das Trockene Auge wartet nur darauf, erkannt zu werden.
/// IR
„Nicht alles, was brennt und juckt, ist Dry Eye“
Sebastian Golczyks Faustregeln:
Sofort zum Augenarzt überweisen bei:
Einseitigkeit: Trockene Augen treten beinahe immer beidseitig auf. Ein einseitiger Befund deutet auf eine andere Ursache hin (zum Beispiel Entzündung, Infektion, …).
Photophobie: Lichtempfindlichkeit ist kein typisches Dry-Eye-Symptom. Sie kann auf eine Uveitis, Keratitis oder eine andere intraokulare Erkrankung hinweisen.
Plötzlicher Visusabfall: Instabiles Sehen durch Tränenfilmprobleme ist graduell und schwankend. Ein akuter, klarer Visusabfall gehört sofort zum Augenarzt.
Starke, plötzliche Rötung: Chronische Reizrötung kennt der Dry-Eye-Patient. Eine neue, heftige Rötung ohne bekannten Auslöser ist ein Alarmzeichen.
Hornhautveränderungen oder -auffälligkeiten: Alles, was an der Spaltlampe unbekannt oder strukturell auffällig wirkt (Infiltrate, Ulzera, Neovaskularisationen), liegt außerhalb des Dry-Eye-Managements.
Schmerzen: Echte Augenschmerzen (nicht nur Brennen oder Fremdkörpergefühl) sind immer verdächtig.
Die Kombination aus Einseitigkeit und einem dieser Zusatzbefunde reicht als Überweisungsgrund zum Augenarzt.