Warum sich in Woodstock keine biometrischen Brillengläser finden und Karel Hitha das Wetter in ganz Europa im Auge behalten muss
Ein Besuch in der größten Brillenglas-Produktion Europas
von Ingo Rütten,
Nein, der eyebizz-Chefredakteur ist nicht der erste Fachmedienvertreter, der das Werk in Klattau besuchen darf. Aber niemand vor ihm konnte wohl eine solch illustre Reisegruppe nach Tschechien begleiten, um die größte Brillenglas-Produktion Europas zu besichtigen. Elias Zimmermann, Anika Kurgenov und Kristine Trzeba hatten bei der letzten opti am Next-Generation-Stand das von Rodenstock gesponserte Quiz gewonnen und wurden demzufolge vom Brillenglas-Hersteller eingeladen. Mitsamt der opti-Delegation und dem Redakteur sollten sie einen Einblick gewinnen, was da in Klattau passiert – und vielleicht auch, warum es nicht nur aus der Sicht von Rodenstock eben doch nachvollziehbar sein sollte, dass die Produktion aus Deutschland hierher verlegt wurde.
Die drei Gewinner des von Rodenstock gesponserten opti-Quiz: Elias Zimmermann, Anika Kurgenov und Kristine Trzeba (von links)
Dass die Produktion in Regen so gut wie und die in Langen bei Optovision vollständig geschlossen wurde, war dabei kein Thema und soll auch nicht Gegenstand dieser Reportage sein. Die Argumente sind weitgehend ausgetauscht und in den vergangenen eyebizz-Ausgaben nachzulesen, die Fakten sind geschaffen: Und isoliert betrachtet ist das 1994 als Oční Optika Klatovy s.r.o. gegründete Werk wahrlich beeindruckend.
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Schon am Abend vor der Besichtigung gibt Karel Hitha die ersten Informationen preis. Der Werksleiter hat aus seinen 22 Jahren, die er bereits bei Rodenstock in Klattau tätig ist, einiges zu berichten. Und deswegen hat er sich bereits nach Feierabend Zeit für die deutsche Reisegruppe genommen, die er morgen durchs Werk führen wird. So kann er schon einmal die Basis legen, um sich beim Rundgang durch die Produktion in nahezu perfektem Deutsch auch auf Details einlassen zu können.
Größtes und modernstes Werk
Das Werk in Klattau ist einer von fünf Produktionsstandorten, die Rodenstock weltweit unterhält. Bangkok in Thailand und Klattau sind davon die größten, in Tschechien werden Brillengläser für Rodenstock, Optovision und auch Indo Optics gefertigt. Und ja, irgendwann während des Rundgangs, als die Brillen und Brillengläser längst verpackt werden, ist auch ein Amazon-Prime-Karton zu entdecken. „Klattau ist unser größtes und modernstes Werk, hier wird der gesamte europäische Markt abgebildet, nicht nur der deutsche. Wir liefern von hier aus nach ganz Europa“, sagt Hitha. Dabei ist zumindest für den Außenstehenden nur ganz zu Beginn des Produktionsprozesses und ganz am Ende zu erahnen, welche Brillengläser vielleicht biometrische sein könnten und welche in die Rubrik white label gehören.
Der frische Anstrich ist noch erkennbar, Optovision ist erst kürzlich mit der Produktion nach Tschechien gegangen.
Für Letztere werden die Blanks zugekauft. Für die Markengläser werden die eigens im thailändischen Werk hergestellten Blanks verwendet – sie warten in den weißen Schachteln auf ihren Einsatz, die anderen kommen in gelben Kartons mit dem Schiff in bis zu acht Wochen hierher oder aber mit dem Flugzeug. Fünf Millionen Blanks sind hier am Lager, denn Klattau beliefert auch die anderen Standorte mit dem etwa zwei Jahre haltbaren Rohstoff fürs Brillenglas.
Die Regale und Kisten für die Blanks sind derweil nicht das einzige beeindruckende Lager, das Hitha gleich zu Beginn des Rundgangs zeigt. „Woodstock“ ist ein zweites: Hier finden sich in den Holzregalen, die der vollklimatisierten Halle ihren Namen verleihen, bis zu 70.000 Lagergläser mit typischen Wirkungen, teils vergütet, um binnen eines Tages auf die Reise zum Kunden gehen zu können. So etwas schindet sichtbar Eindruck beim Berufsnachwuchs, Anika Kurgenov von Colibri in Lübeck hat sich das nicht derart groß vorstellen können. „Das ist noch einmal viel größer als gedacht“, gibt die 19-Jährige staunend zu. Eigentlich mag sie die Büroarbeit am liebsten, aber im dritten Ausbildungsjahr machen auch der Verkauf und die Beratung Spaß. „Mit dem, was uns hier gezeigt wird, bekommen wir ein viel besseres Verständnis für die Brillenglas-Fertigung“, sagt die junge Frau ein paar Stunden später.
Die Dimensionen, die Hitha verkündet und erlebbar macht, sind auch ungeachtet der Lagerkapazität erstaunlich: Die 900 Mitarbeitenden in Klattau von insgesamt 4.500 Rodenstocklern rund um den Globus fertigen pro Woche 150.000 Brillengläser, davon sind 110.000 Rezeptgläser. Ja, es ginge hier um Masse, erklärt der Werksleiter, aber man sei auch in der Lage, individuelle Anfertigungen zu erledigen. In diesen Tagen soll zum Beispiel die Produktion von mineralischen Brillengläsern mit Mittendickenreduktion starten. Die eigentlichen Spezialgläser – etwa 150 Stück pro Woche – werden aber noch in Regen gefertigt, sonst seien eine Autostunde entfernt von Klattau in Deutschland nur noch das Engineering und der technische Dienst tätig. Dass in Langen die Produktion von Optovision komplett schließen musste, bemerkt Hitha nicht – er ist ja auch Werksleiter in Klattau, eine Stadt nahe der Außengrenzen, die sich in ihrer Geschichte schon immer gut zu verteidigen wusste, weil sie es musste.
Bild links: Es wird noch viel Handarbeit in Klattau geleistet, aber auch hier halten zunehmend Maschinen und die Automatisierung Einzug; Bild rechts: Karel Hitha erklärt, warum es graue und schwarze Auftragskisten gibt. An dieser Stelle der Produktion sind die schwarzen unbeliebt, denn hier kommen die fehlerhaften Aufträge in schwarzen Kisten zurück aus der Fertigung.
Die „Laufzettel“, die an den Auftragskisten der Brillengläser hängen, sind aus Papier. Hier sind alle Arbeitsschritte der Fertigung dokumentiert. Per Chip sind die grauen Kästen für die Flächenfertigung „beobachtbar“, so können auch Deadlines gut überwacht werden. Das funktioniert auch noch, wenn die Brillengläser nach der Flächenfertigung ihre Kiste wechseln und fortan in Schwarz weiter über das insgesamt 19 Kilometer lange Förderband fahren, das insbesondere im Bereich der Flächenfertigung für große Menschen wie Hitha manchmal ein Hindernis sein kann, für eher kürzere mit Block und Stift in der Hand indes keine Gefahr darstellt.
Auffallend, Rodenstock gönnt sich an vielen Stellen der Produktion moderne Information-Desks, in die Hitha seine Schlüsselkarte steckt, um seinen Besuchern Hintergrundinformationen und Detailwissen zu gönnen. Optovison muss da derzeit mit einigen Roll-ups Vorlieb nehmen, die auffällig häufig direkt in unmittelbarer Nähe zu den Terminals stehen. Vermutlich ist das der Kürze der Zeit geschuldet, seitdem hier die Produktion aus Langen übernommen wurde. Aber das imposante Werk wird permanent modernisiert, sodass auch die Papier-Laufzettel schon bald einer digitalen Lösung Platz machen werden – und die Roll-ups vielleicht auch.
Ausreichend Platz hinter Gittern
Ausreichend Platz, wenngleich hinter Gittern, genießt auch das Fassungslager im Werk. Rund 3,5 Millionen Brillengläser werden jährlich vor Ort in die Fassungen eingesetzt – 700 pro Stunde sind möglich. Dazu lagern die Hersteller ihre Modelle im Werk, deswegen sind die Gitter vorgeschrieben. An den acht Arbeitsplätzen für die Montage dürfen sich neue Kolleginnen und Kollegen zunächst für sechs Monate mit den Brillengläsern der white-label-Produktion vergnügen, erst dann werden sie für Markengläser eingesetzt. Wer sich dann als besonders talentiert eignet, darf Spezialaufträge übernehmen, wie viele andere Mitarbeitende im 3-Schichtbetrieb 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. „Die großen Ketten“, sagt Hitha, „wollen fertige Brillen, vor allem die in Skandinavien.“
So häufig hat Elias Zimmermann nicht vor, im Laden zu stehen. Der 26-Jährige ist Augenoptikermeister und Optometrist und übernimmt daheim in Dinkelscherben derzeit den 1997 gegründeten Betrieb seines Vaters. 30 Autominuten von Günzburg entfernt verkauft er keine Rodenstock-Brillengläser, jedenfalls noch nicht, vielleicht zeigt der Besuch ja Wirkung. Die viele Handarbeit und die etlichen ganz speziellen Tätigkeiten der Menschen im Werk beeindrucken ihn: „Ich hatte mir das automatisierter vorgestellt und wusste nicht, dass es so viele Arbeitsschritte gibt, die noch von Hand gemacht werden müssen.“ Dass dann trotzdem jedes Glas – zumindest die meisten – nach drei oder vier Tagen das Werk verlässt, sei genauso bemerkenswert.
Bild links: Karel Hitha (links) führt seine Besuchergruppe ins „Woodstock“; Bild rechts: Aufblocken im großen Stil: 70 Prozent der Brillengläser werden bereits maschinell verarbeitet. Im Vordergrund Elias Zimmermann
Bis vor zwei Jahren wurden nahezu alle Brillengläser für die Fertigung von Hand aufgeblockt, heute regeln das zu 70 Prozent Maschinen, die bis zu 220 Brillengläser pro Stunde verarbeiten können. Im Herbst dieses Jahres sollen alle Gläser auch maschinell wieder vom Blocker befreit werden. Das wird heute schon zunehmend maschinell erledigt, auch wenn hier noch einige fleißige Hände am Werk sind – die in einigen Monaten an anderer Stelle der Produktion eine hoffentlich abwechslungsreichere Aufgabe übernehmen werden. Früher, erzählt Hitha beim Stichwort Automatisierung aus der Vergangenheit, habe Rodenstock seine Maschinen noch selbst gefertigt. Maschinen mit Baujahr 1997 und 1994 stehen noch im Werk und werden auch weiterhin genutzt, was eine Herausforderung für die Mitarbeitenden in der Instandhaltung sei, die regelmäßig bei Ebay nach Ersatzteilen Ausschau halten.
Alle Märkte bedienen
Rodenstock kann mit seinen Tochterfirmen von hier aus alle Märkte bedienen und sei bestens darauf eingestellt. Die deutsche Nachfrage nach Index 1,6 oder 1,7 „ist zum Beispiel deutlich größer als die in Frankreich. Und Polycarbonat wird eigentlich nur in die USA verkauft“, skizziert Hitha zwei Beispiele aus dessen Werk, das wie alle anderen im Rodenstock-Cosmos MDR zertifiziert ist.
Im Jahr 2000 kam der Rodenstock-Schriftzug ans Gebäude, aus dem jährlich acht Millionen Brillengläser verschickt werden. Bis auf die Exemplare, die zum Test in die Brillenfassungen der Mitarbeitenden eingearbeitet werden, die nicht wissen, was sie da in der Brille tragen und alle paar Wochen Rede und Antwort stehen müssen. Auch Karel Hitha wisse nach eigener Aussage nicht, welche Brillengläser er gerade vor den Augen habe – seit nunmehr rund zwei Jahren!
Generell werden die Brillengläser in der Produktion zunächst einmal wenig unterschieden. Ohne Blick auf den Laufzettel ist es zumindest für Normalsterbliche nicht möglich, die B.I.G.-Brillengläser von den anderen zu unterscheiden, auch durchlaufen sie keine besonderen Maschinen. Die Dateneingabe ist das Besondere, neben den Blanks. Natürlich finden sich auch in Woodstock keine biometrischen Brillengläser: nein, sie gehen wie die anderen Rezeptgläser 30 Minuten nach der Bestellung aufs Förderband und nehmen denselben Weg.
Irgendwann kommen sie dann vielleicht auch in die Färberei, und damit in den personalaufwändigsten Sektor im Reich von Karel Hitha. Etwa von Kalenderwoche 12 bis Ende Juli eines jeden Jahres ist hier salopp gesagt die Hölle los: Farbsaison! Überstunden sind dann unvermeidbar, zumal die Mitarbeitenden in der Färberei ohnehin schwierig zu ersetzen sind. „Es dauert bis zu zwei Jahre, bis eine Person richtig gut geeignet ist, hier zu arbeiten“, betont der Werksleiter unter der kalibrierten Beleuchtung weit genug entfernt von den ebenfalls kalibrierten weißen Arbeitsoberflächen, die nötig sind, um bestmögliche Arbeitsbedingungen und damit Qualität zu ermöglichen.
Details für die Kundenberatung
Details, die Zimmermann in seine zukünftigen Kundenberatungen einbauen möchte, auch wenn er mit anderen Herstellern zusammenarbeitet. Der ehrenamtlich aktive Augenoptikermeister fasziniert sich für das Thema Screening und interessiert sich demzufolge auch für das Rahmenprogramm im Rodenstock-Werk, denn natürlich gibt es hier auch den DNEye-Scanner und sämtliche hochmoderne Technologien des Münchner Unternehmens zu sehen. Nicht minder interessiert lauscht Zimmermann den Worten Hithas in der Wäscherei, dort wo jedes Brillenglas den Kontakt zur Auftragskiste und zum Laufzettel verliert. Hier können Fehler passieren und der Außenstehende fragt sich, warum sie nicht permanent entstehen und ein blankes Chaos entsteht.
Die Endkontrolle beschreibt den letzten Schritt auf der Reise, ehe die Brillengläser ins passende Päckchen kommen. Hier helfen Mikroskope bei der Fehlersuche, manche mit einer 200-fachen Vergrößerung. Diese Mikroskope werden aber nicht für white-label-Produkte eingesetzt, die sich beinahe unbemerkt in ihren dann doch auffallenden Verpackungen an den Besuchern vorbei zu schleichen versuchen. Denkt man jedenfalls, Karel Hitha aber macht daraus kein Geheimnis, er denkt immer eine Nummer größer und am besten immer voraus: „Unsere Produktion ist abhängig von individuellen Bestellungen, wir müssen sehr agil sein, sehr flexibel. Wir merken, wo und wann das Wetter in Europa schlecht ist, denn bei schlechtem Wetter gehen mehr Menschen zum Augenoptiker“, erklärt er. Wer also wie er die Produktion besser planen und die Menschen dann einsetzen möchte, wenn sie gebraucht werden, der schaut sich besser auch die Wetterprognosen an. Für Klattau gilt dabei: das Wetter in ganz Europa im Auge zu behalten.