Rike Middendorf ist eine der ersten fünf in Deutschland
Master Professional Optometrie: Macht es und traut euch!
von Christian Neumann,
Die Berufsberatung hat ihr einst von der Augenoptik abgeraten – wegen der Noten in Chemie und Physik! Heute aber trägt Rike Middendorf von Optik Hölscher den höchsten Fortbildungsabschluss, den das Augenoptikerhandwerk derzeit vergibt und passt als Master Professional Optometrie im ländlichen Raum zwischen Grafschaft Bentheim und Emsland (Niedersachsen) Speziallinsen an.
Titel mit Seltenheitswert: Augenoptikermeisterin Rike Middendorf ist eine von fünf Master Professionals Optometrie in Deutschland. (Foto: Rike Middendorf)
Fünf – so viele „Master Professional Optometrie (HWK)“ gibt es aktuell in ganz Deutschland. Eine davon ist Rike Middendorf. Am 9. Dezember 2025 nimmt sie die Urkunde mit den anderen vier Absolventen entgegen: Vorausgegangen war die entsprechende Fortbildung am ZVA-Bildungszentrum. Dass ausgerechnet sie diesen Weg bis zum Ende geht und die Prüfung vor der Handwerkskammer Düsseldorf macht, vermochte vor rund zehn Jahren noch niemand zu ahnen.
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„Wenn sie glaubt, ich kann das schaffen, dann schaffe ich das auch“
Der Einstieg in die Branche ist purer Zufall. Middendorfs Mutter hat 2015 die Idee, Rike solle ihr Schulpraktikum in einem Augenoptikbetrieb absolvieren – doch aus organisatorischen Gründen platzt der Plan. Die zukünftige Augenoptikerin bleibt dennoch dran. Ein Jahr später macht sie ein freiwilliges Praktikum bei ihrem heutigen Arbeitgeber Optik Hölscher in Schüttorf. Die Arbeit gefällt ihr sofort – doch ob der Beruf wirklich passt? Das bleibt zunächst offen. Bei der Jobberatung im Abschlussjahr schlägt sie die Augenoptik zwar selbst vor; wegen ihrer zu schlechten Noten in Chemie und Physik wird ihr jedoch „eher davon abgeraten“. Damit scheint das Thema vom Tisch. Bis im Januar 2017 das Telefon klingelt: Ihre heutige Chefin fragt, ob sie sich eine Ausbildung vorstellen könne. „Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich dachte: ‚Wenn sie glaubt, ich kann das schaffen, dann schaffe ich das auch.‘“
Der Ehrgeiz der Spätberufenen zeigt sich früh. Schon während der Ausbildung legt Middendorf die Teile III und IV der Meisterprüfung ab. Als die ZVA-Akademie ein Informationsheft verschickt, in dem ihr Chef entdeckt, dass sich in Knecht-steden nicht nur der Handwerksmeister, sondern auch der Optometrist absolvieren lässt, steht das nächste Ziel fest: „Ab dem Moment war für mich klar: Nach dem Meister ist nicht Schluss.“ Bei der Urkundenübergabe zur Optometristin wird schließlich der neue Master Professional vorgestellt – und Middendorf weiß: „Diesen Kurs mache ich auch noch“.
Der Antrieb dahinter wächst im Berufsalltag – mit jedem Moment, an dem sie an Grenzen stößt und denkt: Ich brauche mehr Tiefe. Meister und Optometrist absolviert Middendorf berufsbegleitend – und erlebt so beides gleichzeitig: den enormen Wissenszuwachs und die Lücken, die bleiben. Je mehr Verantwortung sie übernimmt, desto öfter muss sie Kunden für Speziallinsen an den Augenarzt verweisen oder weiß bei bestimmten Pathologien nicht weiter. „Das hat mich manchmal frustriert. Ich wollte meine Kunden möglichst umfassend betreuen können und fachlich noch sicherer werden.“ Und außerdem bilde sie sich grundsätzlich gern weiter, sagt die Handballerin, die in ihrer Freizeit gerne mit Hündin Ella spazieren geht oder Tiere fotografiert.
Volles Programm neben dem Vollzeitjob
Die Fortbildung selbst beschreibt sie als gut realisierbar: fünf zweiwöchige Blöcke innerhalb von zwölf Monaten, eine Woche davon im Homeschooling. Ihr Arbeitgeber stellt sie für die Präsenzphasen frei. Der härteste Brocken wartet da noch: eine eigene Studie samt Projektarbeit mit dem Titel „Die zentrale Hornhautdicke als Einflussfaktor für das Erreichen der Zielrefraktion bei Anpassung von orthokeratologischen Kontaktlinsen“. Darin geht sie der Frage nach, ob die zentrale Hornhautdicke beeinflusst, wie schnell Kunden nach Beginn einer Orthokeratologie-Anpassung ihre Zielrefraktion erreichen. Die Studienteilnehmer darf sie während der Arbeitszeit untersuchen – „sonst wäre das zeittechnisch kaum möglich gewesen“. Beim wissenschaftlichen Schreiben helfen ihre beiden Brüder, der eine Lehramtsabsolvent mit den Fächern Germanistik und Sport, der andere Wirtschaftsingenieur: „Wenn man vorher überwiegend praktisch gearbeitet hat, muss man erst lernen, wissenschaftlich zu formulieren“, erklärt Middendorf.
Was der Abschluss im Alltag verändert, macht die Fachfrau an konkreten Fällen fest. Bei binokularen Problemen hilft ihr heute die visuelle Analyse – etwa bei einem Kunden Anfang 30, der mittlerweile eine Nahunterstützung trägt. „Ohne die Kenntnisse aus dem Master Professional hätte ich die Ursachen seiner Beschwerden vermutlich nicht so gezielt erkannt.“ Noch deutlicher wird es bei den Speziallinsen: Eine langjährige Kundin lässt sich nach einer Keratoplastik infolge eines Ulcus mit formstabilen Linsen nicht ausreichend versorgen. Heute trägt sie Sklerallinsen – und erreicht damit einen Visus von 0,8 statt 0,1 mit Brille. „Diese Art von Anpassungen hätte ich nach dem Optometristen nicht durchgeführt“, gesteht Middendorf, die auch das neu angeschaffte OCT konkret einsetzt: Gerade erst habe sie bei einem Bekannten in der Refraktion einen Visus von 0,16 festgestellt und beim anschließenden Netzhautscreening mit Amsler-Test und OCT eine Netzhautdegeneration vermutet – weswegen sie ihn fundiert an den Augenarzt weiterleiten konnte.
Nähe als Standortvorteil
Dass der Bedarf an Speziallinsen- und Keratokonus-Versorgung groß ist, erlebt Middendorf nahezu täglich – auch, weil die Region ihr in die Karten spielt. Wer hier auf dem Land lebt und schlecht sieht, für den sind 45 bis 60 Minuten Anfahrt nach Münster oder Osnabrück ein erheblicher Aufwand. Viele Patienten hören von Freunden und Bekannten von der Möglichkeit einer Speziallinsenanpassung, die meisten bringen bereits die Empfehlung ihres Augenarztes mit. „Eine Speziallinsenanpassung erfordert deutlich mehr Zeit und manchmal auch Mut, neue Wege auszuprobieren. Umso schöner ist es, wenn sich die Sehqualität der Patienten dadurch deutlich verbessert“, betont die Optometristin. Gelingt eine Anpassung nicht, geht es zurück zum Augenarzt. Die Zusammenarbeit mit den Medizinern fällt unterschiedlich aus: In der Praxis, in der sie im Rahmen des Master Professionals ihr Praktikum absolviert hat, ist ihr großes Interesse und Offenheit begegnet – andere Ärzte in der Umgebung stehen einer Kooperation hingegen eher zurückhaltend gegenüber.
Steile Karriere – mit dem Rückhalt des Praktikumsbetriebs
2016 absolviert Rike Middendorf ein freiwilliges Praktikum bei Optik Hölscher in Schüttorf, beginnt dort schließlich eine Ausbildung zur Augenoptikerin – die Teile III und IV der Meisterprüfung legt sie bereits während der Lehre ab. Berufsbegleitend folgen die Meisterprüfung und die Fortbildung zur Optometristin, anschließend der Master Professional Optometrie am ZVA-Bildungszentrum mit Prüfung vor der Handwerkskammer Düsseldorf. Am 9. Dezember 2025 verteidigt sie ihre Projektarbeit und erhält als eine der ersten fünf in Deutschland die Urkunde. Heute arbeitet sie in der Filiale Emsbüren von Optik Hölscher und hat bei dem Familienbetrieb die Speziallinsenabteilung aufgebaut.
Dass dieser (Erfolgs-)Weg überhaupt gelingt, führt Middendorf auch auf ihren Betrieb zurück. Optik Hölscher ist ein Familienbetrieb in dritter Generation – und der Begriff wird gelebt: „Ich sage oft, dass ich nicht nur mit Kollegen arbeite, sondern auch mit Freunden.“ Ebenso wichtig ist ihr die Offenheit von Silke und Carsten Hölscher, neue Wege und zusätzliche Spezialisierungen mitzugehen. Beim Aufbau der Speziallinsenabteilung schenken ihr die beiden großes Vertrauen und lassen ihr viele Freiheiten – etwas, „das keineswegs selbstverständlich“ sei.
Ihren Titel stellt sie ungern in den Vordergrund
Auf Familienfeiern weiß trotzdem kaum jemand, was Optometrie eigentlich ist. Lange nennt sich Middendorf dort schlicht Augenoptikerin oder Augenoptikermeisterin – ihren Titel stellt sie ungern in den Vordergrund. Mittlerweile antwortet sie häufiger mit Optometristin, „meistens gefolgt von einer Erklärung, was das überhaupt bedeutet“. Dabei ist die Sache für sie eindeutig: „Augenoptiker sind so viel mehr als Brillenverkäufer.“ Der Unterschied beginnt für sie dort, wo ihr Alltag längst angekommen ist – bei der Beratung zu Speziallinsen, bei visuellen Problemen, bei der Erklärung von Pathologien am Auge.
Für die Zukunft der Branche hat sie eine eindeutige These: Große Ketten werden weiter versuchen, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen – gerade deshalb sieht sie in Spezialisierung und persönlicher Kundenbindung die große Stärke inhabergeführter Betriebe. Zugleich hofft sie, dass das handwerkliche Wissen erhalten bleibt und weitergegeben wird, „beispielsweise, wenn eine Lieblingsbrille repariert werden soll“. Und Meisterinnen und Meistern, die davon unabhängig mit dem Master Professional liebäugeln, aber vor dem Aufwand zurückschrecken, ruft sie zu: „Macht es und traut euch! Klar, die Zeit wird anstrengend, aber es ist machbar.“
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Artikel aus der eyebizz 5.2026 (September/Oktober)