Wer sich mit unabhängigen Brillenmarken auskennt und regelmäßig auf der MIDO in Mailand und der SILMO in Paris unterwegs ist, dem ist die Marke Tarian sicher ein Begriff. In der Vergangenheit wurde Tarian auf der SILMO bereits mehrfach ausgezeichnet: SILMO d’Or 2019 in der Kategorie Optik-Designerbrille, 2012 und 2020 jeweils in der Kategorie Designer-Sonnenbrillen.
Morgens schlüpft der Sohn von Alain Mikli in die Rolle des perfektionistischen Brillendesigners und abends in die des etwas chaotischen Keramikers: Jérémy Tarian inmitten seiner geliebten Acetatplättchen: „Adrien Brody mit Locken. Es amüsiert mich. Aber ich sehe lieber so aus, wie ich aussehe.“ (Foto: @tarianparis)
Doch wer genau steckt hinter dem Namen Tarian? Um das herauszufinden, mache ich mich auf nach Paris. Genauer gesagt in die Rue de Tournelles 50, einen Steinwurf vom ikonischen Place des Vosges entfernt mit seinen Kunstgalerien, Boutiquen und Cafés im trendigen Marais-Viertel. Ich stehe vor einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, in dem einst das Hôtel de Melun untergebracht war. Zuerst meine ich, an der falschen Adresse zu sein, denn das elegante, intimistische Interieur sieht auf den ersten Blick durch die Fenster eher wie eine Galerie oder ein Atelier für Keramikkunst aus. Es mutet wie das modern eingerichtete Interieur eines schicken Pariser Appartments an, mit schön inszenierten Keramikobjekten unter Fokuslicht auf Möbeln und in Regalen und gerahmten Keramikkunstwerken an den Wänden. Viele der Keramikarbeiten dienen als originelle Warenträger für Brillenfassungen – eine überraschende Symbiose.
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Jérémy posiert vor zwei seiner gerahmten Keramik-Kunstbildern. (Foto: @tarianparis)
Et voilà. Da steht er vor mir: Jérémy Miklitarian, über 1,90 Meter groß, armenischer Herkunft, Keramikkünstler und Brillendesigner, Gründer der Marke Tarian und Sohn des Brillen-Designers Alain Mikli. Mit seinem schmalen Gesicht und der markanten Nase erinnert er mich sofort an den US-amerikanischen Filmschauspieler Adrien Brody, nur mit braunem Lockenschopf. Ich spreche ihn gleich darauf an und schon sind wir mitten im Gespräch: „Das bekomme ich öfter zu hören — Adrien Brody mit Locken, oder Adrien Brody, der sich in eine Acetat-Werkstatt verirrt hat. Es amüsiert mich, aber ich sehe lieber so aus, wie ich aussehe, und hatte auch nie Schauspielerambitionen …, obwohl mir seine Wangenknochen bestimmt auch gut stehen würden”, bemerkt er augenzwinkernd. Dennoch gehört Jérémy zu den Designern, die sich mitsamt ihren Brillen den Fans in selbstinszenierten, kurzen Videos auf der Website auch selber vorstellen. „Sie sind Teil unseres Atelier-Tournelles-Konzepts – ein Ort, an dem Keramik, Brillen und Menschen aufeinandertreffen. Genau das soll den Besuchern mit den ‚l’Œil de Jérémy-Videoclips‘ nähergebracht werden”. Er selber habe aber kein Schauspieltalent: Seine Oscars sind die SILMO d’Ors, die er in der Vergangenheit eingeheimst hat. Das reiche ihm als Anerkennung.
Modell Foggia von Tarian Eyewear (Foto: @tarianparis)
Jérémys Freunde schätzen seinen ausgeprägten Sinn für Humor, er selbst nimmt das als Kompliment. „Ich bin durch und durch Pariser mit kosmopolitischem Geist aufgrund meiner jahrelangen Aufenthalte in Berlin und New York und der vielen Projekte von Tokio bis Toronto. Ich bin eher ein lockerer, etwas ironischer Typ und habe eine Schwäche für Materialien – Farben, Texturen und wie sie sich über die Jahre verändern. Ich bin anspruchsvoll, aber nicht arrogant – das versuche ich zumindest. Und … ich liebe Zitronentorte.“
Alain Mikli als Vater: Fluch oder Segen?
Das Geheimnis um den Namen Tarian ist schnell gelüftet: die Silbe „ian“ in Tarian bedeute auf Armenisch „Sohn von“. So blieb vom Nachnamen Miklitarian Mikli bei seinem Vater Alain, und Jérémy behielt Tarian für seine Brillenmarke, die er Anfang 2010 gründete und damit in die Fußstapfen seines Vaters trat, ohne allerdings sein Erbe anzutreten: „Der Name Tarian gab mir eine solide, von ihm völlig unabhängige Identität. So konnte jeder seinen eigenen kreativen Weg gehen und die Integrität unseres Familiennamens blieb trotzdem erhalten.”
Der Vater habe ihm die Welt der Brillen erschlossen, erzählt Jérémy, der zwischen Prototypen von Brillenfassungen groß geworden sei. Alain Mikli zeigte seinem Sohn, „dass Brillen als Form des künstlerischen und persönlichen Ausdrucks von Bedeutung sind. Ich durfte viel Zeit mit seinem Team im Studio verbringen, lernen, experimentieren und erleben, wie sie alle vom Gedanken an Brillen als Alltagsgegenstand und unverzichtbare Sehhilfe beseelt waren“. Der eigene berufliche Werdegang wurde durch das Studium an der Parsons School of Design in New York und der Arbeit bei ic! Berlin geprägt, ehe Jérémy später seine eigene Marke gründete. „Ich habe den Einfluss meines Vaters stets wie durch Osmose empfunden, statt ihn nachzuahmen und wäre auch nicht auf den Gedanken gekommen, seine Marke und Geschäft fortzuführen.“ Der Name Tarian sei daher eine Hommage an seine Wurzeln, doch beruflich habe er stets den eigenen Weg mit seiner persönlichen Designsprache und Handschrift gehen wollen. „Grundsätzlich scheue ich den Vergleich mit meinem Vater nicht, aber es sollte dabei um die Unterschiede zwischen uns gehen und nicht die Gemeinsamkeiten, weil wir Vater und Sohn sind.“
In zwei Welten zuhause
Seine Leidenschaft für Keramik habe er aber viel früher entdeckt als sein Talent für Brillendesign: „Ich habe schon als Kind gerne mit Ton gespielt. Der Umgang mit Tonerde hat mich viel über Volumen, Rhythmus und Imperfektion gelehrt und meine spätere Arbeit als Brillendesigner nachhaltig geprägt“, so Jérémy. „Die Transformation und das Bearbeiten der Materie, aber auch das Experimentieren damit, fließen beim Modellieren und Designen meiner Brillenfassungen mit ein.“ Obwohl er die Keramikkunst erst 2018 zu seinem zweiten beruflichen Standbein gemacht habe, sei sie stets eine Inspirationsquelle bei seinen Brillenentwürfen gewesen.
Typische Arbeitsschritte: Material bestimmen und Fassung-Skizzen auf dem Reißbrett anfertigen. (Foto: @tarianparis)
Danach gefragt, ob er sich mehr als Keramikkünstler oder Brillendesigner wahrnehme, muss er nicht lange überlegen: „Ich bin wirklich beides und will mich da nicht festlegen müssen. Ich bewege mich ständig zwischen Acetat und Tonerde hin und her. Bei Brillen arbeite ich mit Präzision, Funktion und dem Gesicht. Bei Keramik hingegen lasse ich mehr Zufälligkeit und Spontanität zu. Ich finde es toll, an der Schnittschnelle beider Welten zu arbeiten: Ich kann sowohl Acetatspäne für Brillen als auch farbige Tonerde für Keramik mixen. Morgens schlüpfe ich in die Rolle des perfektionistischen Brillendesigners und abends in die des etwas chaotischen Keramikers.“
Modell Verneuil von Tarian Eyewear (Foto: @tarianparis)
Auch auf die Frage, was ihn von anderen Brillendesignern unterscheide, hat er die Antwort gleich parat: „Bei mir steht am Anfang immer zuerst das Material und nie die Form. Die Inspiration kommt beim Mischen von Farben, Texturen und Profilen, um eine einzigartige Acetatplatte zu schaffen – so ähnlich wie bei der Vorbereitung einer Keramikglasur. Sobald das Material fertig ist, konzentriere ich mich auf die Form und wie sie im Licht mit dem Gesicht harmoniert. Das ist meine Arbeitsfolge: zuerst das Material, dann die Silhouette und zuletzt das Licht. So bekommen Tarian-Brillenfassungen ihren skulpturalen Charakter.“ Er designe nicht für Augenoptiker, sondern für Brillenträger. Da er bereits als Kind ungewöhnlich stark kurzsichtig gewesen sei (-7,5 Dioptrien), habe er heute ständig Korrekturwerte, Gläserstärke, Gleichgewicht und Komfort im Blick. Jede Fassung sei für reale Gesichter und Gläser konzipiert – Stil sei wichtig, doch bei Komfort mache er keinerlei Kompromisse.
Gelebte Handwerkskunst und Authentizität
Ich frage nach seinen Vorlieben in Hinblick auf Material, Herstellung und Style. „Ich arbeite am liebsten mit Acetat. Besonders beim Mischen von Farben und Texturen zur Herstellung meiner eigenen Platten. Wir arbeiten bevorzugt mit Mazzucchelli-Acetat. Bei unserer Patchwork-Serie kommt aber auch Material aus Recycling und Second-Hand-Beständen zum Einsatz. Wir lassen in Italien, Frankreich und Japan fertigen, doch das Design entsteht durchweg in unserem Atelier Tournelles im Marais-Viertel.“ Tarian-Brillen pflegen einen eher zeitlosen Charakter, der keinen bestimmten Trends folgt. Die Form mag sich ändern, doch das Grundprinzip bleibt: Fassungen, die sich auch noch in zehn Jahren gut anfühlen und mit Überzeugung getragen werden können.
„Innovation wird bei uns insbesondere mit dem patentierten, schraubenlosen Brillenbügel-Scharnier AXIS vorangetrieben, aber auch mit der Verwendung von Recycling-Material und der Kombination Titan-Acetat. Mitunter fertigen wir kurze Serien in limitierter Auflage und unternehmen mit seelenverwandten Designern anderer Disziplinen gemeinsame Projekte. Zum Beispiel mit der Floral-Stylistin Pauline Monnier oder der Fotografin Kate Fichard. Ich könnte mir in Zukunft auch ein Projekt mit einer Fashion-Brand vorstellen, bei dem Brillen im Mittelpunkt stehen – dafür bietet sich Paris als Modehauptstadt an.”
Bild links: Showroom mit gemütlicher Wohnzimmer-Atmosphäre. Bild rechts: Hohe Wandnischen für Einzelexponate und SILMO d‘Ors, und museale Ausstellungsvitrinen im Atelier Tournelles im Marais-Viertel. (Fotos: @tarianparis)
Auf die Frage nach der Distributionsstrategie seiner Marke erklärt Jérémy, das Atelier Tournelles in Paris sei das Herzstück für den Verkauf seiner Kreationen. In den Aufbau habe er gemeinsam mit seinem Team und der Design-Agentur Loma Studio viel Herzblut gesteckt und einen hybriden Raum geschaffen, in dem Keramik- und Brillenwerkstatt, Showroom und Büro Platz finden. Es gebe auch einen Online-Store, doch seien keine weiteren eigenen Store- oder Showroom-Eröffnungen geplant. „Wir haben nie etwas Skalierbares schaffen wollen, sondern arbeiten lieber mit ausgewählten, unabhängigen Augenoptiker-Partnern in Europa, Nordamerika und Japan. Das Geschäft entwickelt sich gut, soll aber überschaubar bleiben, damit die Marke ihrem Ursprung treu bleibt und ihre Authentizität behält.”
Jérémy Tarian – ein plastischer Künstler mit sicherem Gespür und Talent für Material und Form, der in seinem Brillendesign Kreativität und handwerkliches Können vereint. Weitere Awards sind für die Zukunft nicht auszuschließen.