Individualisierung in der Augenoptik wird derzeit meist noch vom Brillenglas her gedacht: biometrische Messungen, maßgeschneiderte Gleitsichtdesigns, Erfassen des individuellen Sehverhaltens. Die Brillenfassung dagegen bleibt in vielen Betrieben ein industrielles Serienprodukt oder zumindest eines, das nicht so zugeschnitten auf den jeweiligen Kunden ist beziehungsweise sein kann. Hier setzt ein Konzept an, das die Perspektive umdrehen möchte: Was wäre, wenn die Fassung nicht aus dem Katalog käme – sondern direkt vor den Augen des Kunden entstünde?
Das Setup zum 3D-Druck von Brillenfassungen im eigenen Betrieb besteht aus drei Komponenten (Farbmischsystem (C1), DLP-Fertigungseinheit (G1) und automatisierter Nachbearbeitungsstation (F1)) und benötigt maximal zwei Quadratmeter an Platz. (Foto: Genera)
„LocalFrame.Works“ bringt ein modulares Fertigungssystem in den Verkaufsraum des Augenoptikers. Der technologische Kern stammt von Genera aus Wien, einem Spezialisten für DLP-basierte Fertigungslösungen. Das Setup benötigt maximal zwei Quadratmeter an Platz und besteht aus drei Komponenten: einem Farbmischsystem (C1), einer DLP-Fertigungseinheit (G1) und einer automatisierten Nachbearbeitungsstation (F1).
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„Soll die Fassung weiterhin ein anonymes Industrieprodukt bleiben – oder kann sie zum individuellen Ausdruck des Augenoptikhandwerks werden?“
Der Workflow sei bewusst niedrigschwellig gehalten, sagt Matthias Köste, Geschäftsführer von pricon. „Über die Designplattform Mission Eyewear – ergänzt durch das Leipziger Designstudio shaperoom – wählen Optiker aus einer wachsenden Bibliothek von derzeit über 80 Fassungsdesigns, passen Parameter wie Größe, Stegweite und Farbe an und starten die Fertigung per Klick. Innerhalb weniger Stunden ist die Fassung fertig – vollautomatisiert, während der Optiker seinem Tagesgeschäft nachgeht. Pricon als seit Jahrzehnten etablierter Partner im deutschen Augenoptik-Markt übernimmt den Vertrieb, die Schulung und den Support.“
DLP statt Pulver: Der technologische Unterschied
Das System unterscheide ich von bisherigen 3D-Druck-Ansätzen in der Augenoptik durch die Technologie. „Pulverbasierte Verfahren produzieren Brillenfassungen mit körnigen Oberflächen, Genera setzt auf Digital Light Processing mit einem speziellen Photopolymer“, erklärt Köste die Abkürzung DLP. Das Resultat überzeuge mit glatten Oberflächen, transparenten und transluzenten Materialien und einer Haptik, die sich von klassischem Acetat kaum unterscheide – und das Farbmischsystem ermöglicht über zwei Millionen Nuancen!
Mission Eyewear präsentierte bei der SILMO die „wachsende Bibliothek von derzeit über 80 Fassungsdesigns“. (Foto: Genera)
Es gibt aber laut Köste noch mehr Vorteile. Das eingesetzte Material sei UV-stabiler als klassisches Acetat und biokompatibel. Zertifiziert wird nach ISO 12870, ISO 10993-5 und ISO 10993-23. „Und ein regulatorischer Vorteil kommt hinzu: Genera stellt sicher, dass alle relevanten Normen für das System, das Material und die zur Verfügung gestellten Designs erfüllt und entsprechend der MDR dokumentiert sind. Optiker nutzen die freigegebenen Designs innerhalb definierter Parameter – damit sind sie Anwender und Händler, nicht Hersteller im regulatorischen Sinn“, was zusätzliche und mühsame Bürokratie und rechtliche Unsicherheit erspare.
Paradigmenwechsel auf Seiten der Augenoptiker
Für Pricon und Matthias Köste ist der Vertrieb für ein System zur eigenen Brillenfassungsfertigung im Betrieb weniger ein Paradigmenwechsel in der Geschäftsphilosophie. Das Umdenken ist wohl eher bei den Augenoptikerinnen und Augenoptikern nötig. Wir haben dahingehend nochmal nachgefragt bei Matthias Köste:
eyebizz: Herr Köste, Sie sprechen im Zusammenhang mit Ihren Angebot von einem Paradigmenwechsel, erklären Sie uns das bitte.
Matthias Köste, Geschäftsführer Pricon: Der Paradigmenwechsel liegt nicht in der Maschine, sondern in der Rolle, die der Augenoptiker dadurch einnimmt. Wer Fassungen vor Ort fertigt, verkauft nicht mehr nur fremde Marken, sondern wird zum kuratierenden Gestalter mit eigener Fertigungskompetenz. Der Optiker wählt, berät, passt an und verantwortet das Ergebnis – er ist Dirigent eines Prozesses, nicht Bediener einer Maschine.
Den Brillenträger wird das vielleicht weniger interessieren, was sollte ihn an der Sache faszinieren?
Der Kunde erlebt die Entstehung seiner Brille als Einzelstück – gefertigt für ihn persönlich, nicht für einen anonymen Markt. Die „gläserne Werkstatt“ im Verkaufsraum wird zum Erlebnis, das für den Kunden Faszination bedeutet und für den Augenoptiker eine Differenzierung, die Filialketten und Onlineanbieter strukturell nicht abbilden können. Dieses Kundenerlebnis schafft Vertrauen und zahlt sich in Kundenbindung aus.
Aber lohnen sich die gewiss nicht unerheblichen Investitionskosten?
Der Blick auf das betriebswirtschaftliche Bild ist fürwahr interessant: Ohne klassische Lagerhaltung entfällt die Kapitalbindung in Ware, die vielleicht nie verkauft wird. Individuelle Fertigung und Manufaktur-Positionierung ermöglichen höhere Margen.
Matthias Köste, Pricon-Geschäftsführer: „Der Paradigmenwechsel liegt nicht in der Maschine, sondern in der Rolle, die der Augenoptiker dadurch einnimmt.“ (Foto: Pricon)
Schon wenige Fassungen monatlich reichen, damit sich das System wirtschaftlich selbst trägt. Den Marketingeffekt einmal genauso außen vorgelassen wie die Anschaffungskosten für sonstige Instrumente und Geräte, die in einem ähnlichen Bereich liegen. Hinzu kommen Nachhaltigkeitsvorteile: bedarfsgerechte Produktion, kurze Lieferketten und ein deutlich reduzierter CO2-Fußabdruck.
Kurzum, für wen ist das neue System interessant?
Das Konzept richtet sich an inhabergeführte Augenoptik-Fachgeschäfte, die sich bewusst als anders, modern und individuell positionieren möchten – und ihren Kunden etwas bieten wollen, das standardisierte Anbieter strukturell nicht leisten können. Entscheidend ist weniger die Betriebsgröße, viel mehr die Haltung: Wer offen ist, die Chancen neuer Technologie für sich zu nutzen, und Beratungsqualität als Kern seines Geschäftsmodells versteht, findet hier ein Werkzeug, das genau diese Stärken sichtbar macht. Am Ende geht es um eine einfache Frage: Soll die Fassung weiterhin ein anonymes Industrieprodukt bleiben – oder kann sie zum individuellen Ausdruck des Augenoptikhandwerks werden?