Brillen-Etuis aus Holz gibt es schon länger in der Augenoptik, aber Niclas Scheuring und Nathanael Lampl gehen nochmal einen anderen Weg. Im April 2024 gründeten die Brüder im oberbayerischen Weilheim ihr kleines Unternehmen woodline.studio – und legen seitdem bei ihren Etuis nicht nur großen Wert auf Nachhaltigkeit, sondern zeigen auch beim Design einen ganz neuen Look.
Bild: woodline.studio
Vielleicht brauchte es für diesen neuen Ansatz den Blick eines Schreiners mit ausgesprochen viel Leidenschaft für dieses Naturmaterial, zusätzlich gepaart mit einem hohen Anspruch an Design und Qualität: darunter macht es der gelernte Möbel-Schreiner Nathanael Lampl nun mal nicht. Bereits in der Ausbildung wurde er beim Innungswettbewerb „Die Gute Form 2021“ für sein Design mit einem zweiten Platz gewürdigt.
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Weil Nathanael die bis dato am Markt befindlichen Modelle für seine Sonnenbrille einfach nicht zusagten, entwickelte er ein eigenes Etui aus Holz und Leder, dessen Look, Haptik und Verarbeitung im Familien- und Freundeskreis schnell großen Zuspruch fand – und steigende Nachfrage. Zusammen mit Bruder Niclas, gelernter Gartenbau-Ingenieur, entstand daraus schließlich woodline.studio.
Die Philosophie des jungen Unternehmens basiert auf vier zentralen Werten:
Handgefertigt: Jedes Etui wird individuell von Nathanael als Schreiner in etlichen Schritten gefertigt, was die Liebe zum Detail und die handwerkliche Qualität unterstreicht (Holzauswahl, Verleimen und Formen, Schleifen und Ölen, Lederzuschnitt, Vernähen und Lasergravur).
Regionale Produktion: Jedes Brillenetui entsteht zu 100 Prozent in Oberbayern, was die regionale Verbundenheit und kurze Lieferwege betont.
Nachhaltige Materialien: Es wird ausschließlich Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet (Maserbirke, Zebrano, Eiche und weitere), nach PEFC zertifiziert. Das Qualitätsleder stammt aus Italien und wird umweltfreundlich ohne AZO-Farbstoffe und gemäß den Grundsätzen der ökologischen Mineralgerbung verarbeitet. Darüber hinaus werden Reststoffe bei neuen Produkten verwertet.
Soziales Engagement: Mit jedem Produktkauf wird 1 Euro an die „von-Kahlden-Gmell-Stiftung“ gespendet. Diese setzt sich aktiv für die Inklusion von Menschen ein, die aufgrund körperlicher, seelischer oder geistiger Beeinträchtigungen benachteiligt sind.
Naturverbunden und nah am Produkt
Die Brüder kommen aus einem kleinen Dorf bei Weilheim in Oberbayern – umgeben von Wäldern, Seen und Bergen. Wenn die beiden nicht gerade in der Werkstatt gemeinsam an neuen Ideen tüfteln, verbringen sie auch privat viel Zeit gemeinsam in den Bergen. Diese Naturverbundenheit präge sie bis heute, wie sie sagen, und finde sich in allem wieder, was sie bei woodline.studio machen.
Niclas Scheuring (links) und Nathanael Lampl (Bild: woodline.studio)
Während Nathanael sich intensiv um Materialauswahl, Fertigung, Formgebung und neue Produkt-Entwicklungen kümmert, übernimmt Niclas in dem Zwei-Mann-Betrieb den Markenauftritt, die Kommunikation und den organisatorischen Rahmen. „Der Arbeitsaufwand ist im Moment gut zu stemmen, und ehrlich gesagt genießen wir es, noch so nah am Produkt zu sein. Lustigerweise haben wir tatsächlich schon die ersten Bewerbungen von Schreinern bekommen – ein schönes Kompliment für unsere Arbeit. Für feste Unterstützung sind wir momentan allerdings noch zu klein“, sagt Niclas.
Was nicht ist, kann ja noch werden. Das Angebot wächst jedenfalls schon. Wie zum Beispiel um das neue Stecketui, das ursprünglich aus den Lederresten des großen Etui-Modells entstand – ein kleines Upcycling-Projekt, das sich schließlich zu einem vollwertigen eigenen Produkt entwickelt hat.
Beim Augenoptiker entdecken
Derzeit werden die Holz-Unikate vor allem über den Online-Shop und über ausgewählte Läden in Deutschland verkauft. „Gleichzeitig schauen wir bereits über die Landesgrenzen hinaus. Aus Österreich und der Schweiz erreichen uns inzwischen fast täglich Anfragen, was uns unglaublich freut. Deshalb möchten wir in diesem Jahr den Versand in diese Länder offiziell starten und unsere Etuis auch dort zugänglich machen.“
Der nächste große Schritt sei der Aufbau eines Optiker-Netzwerks, denn die Kunden sollen die Etuis genau dort entdecken, wo sie auch ihre Brille kaufen – live, zum Anfassen und Erleben. „Wir merken, wie groß das Interesse im Fachhandel ist, das wollen wir weiter ausbauen – partnerschaftlich und mit ausgewählten Geschäften, die zu uns passen.“
/// PE
Interview mit Niclas Scheuring
„Oh, so etwas habe ich ja noch nie gesehen!“
eyebizz: Wie ist der markante Look der Etuis entstanden und welche Technik verbirgt sich dahinter?
Niclas Scheuring: Die charakteristischen Woodlines sind tatsächlich ein typisches Beispiel dafür, wie wir arbeiten: Wir wollten die natürliche Maserung des Holzes betonen, nicht überdecken. Also haben wir angefangen, mit Lasergravuren zu experimentieren – filigrane Muster, die das Holz nicht „überstimmen“, sondern ergänzen. Durch diese Technik entsteht ein besonderer Look: natürlich, grafisch, modern – und trotzdem warm und organisch.
Wie lange habt Ihr daran getüftelt bis zur Marktreife?
An unserem ersten Etui haben wir beinahe ein Jahr gearbeitet. Von Anfang an hatten wir einen hohen Anspruch: Es sollte stabil sein, aber trotzdem flexibel – modern, aber klar handgearbeitet – funktional, und gleichzeitig einfach schön anzusehen. Als wir dann nach zwölf Monaten das erste fertige Stück in den Händen hielten, war das ein besonderer Moment. Da wurde uns beiden bewusst: Hier entsteht etwas, das größer werden könnte als nur ein persönliches Projekt.
Wie ist die Resonanz der Kunden beziehungsweise der Augenoptiker?
Das schönste Feedback entsteht meist in dem Moment, in dem jemand unser Etui zum ersten Mal in die Hand nimmt. Viele sind überrascht, wie warm, sanft und gleichzeitig robust sich das Holz anfühlt. Auch Optiker schätzen die besondere Wertigkeit und freuen sich, ihren Kundinnen und Kunden etwas anbieten zu können, dass man so nicht überall findet. Der Satz, den wir dabei am häufigsten hören, ist zugleich unser Lieblings-Kompliment: „Oh, so etwas habe ich ja noch nie gesehen!“.
Wie kamt Ihr auf die „von Kahlden-Gmell-Stiftung“, an die Ihr spendet?
Soziales Engagement war uns von Anfang an ein Herzens-Anliegen. Ein wichtiger Auslöser war Nathanaels Schulzeit: Er durfte damals als Schulbegleiter einen Jungen mit Down-Syndrom unterstützen – eine Zeit, aus der bis heute eine enge Freundschaft entstanden ist. Diese Erfahrung hat uns beide geprägt und den Wunsch geweckt, Verantwortung zu übernehmen und Inklusion aktiv zu fördern.
Was sind eure nächsten Pläne?
Wir möchten woodline.studio in den nächsten Jahren Schritt für Schritt weiterentwickeln – aber immer mit gesundem Wachstum, hoher Qualität und unseren Werten im Fokus. Jede Entscheidung muss zu unserer Philosophie passen: ehrliches Handwerk, hochwertige Materialien und nachhaltiges Denken.
Und natürlich entstehen im Hintergrund bereits einige neue Produkte. Welche das genau sind, bleibt noch ein kleines Geheimnis – aber: Es wird spannend, und alles bleibt ganz klar in der Handschrift unseres Unternehmens.