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Schutzwall, Barriere, Manufaktur, Nachhaltigkeit

Planet Rolf: Wir möchten immer besser werden, sind nie fertig

In Weißenbach am Lech in Österreich mag man eigentlich eher keine Exoten, zumindest lässt man es die Leute spüren, wenn sie nicht wirklich reinpassen in die Gegend. Diejenigen sind hier, eineinhalb Autostunden von München entfernt kurz vor den beliebten Skigebieten Tirols, schnell enttarnt: Rund 885 Meter über dem Meer kennen sich die 1253 Einwohner ja doch irgendwie alle. Inmitten dieser Landschaft und Gesellschaft hat sich der „Designplanet Rolf“ einge­nistet, besser müsste man vielleicht abgeriegelt sagen.

Wobei die 40 Mitarbeitenden der Designmanufaktur Rolf mittlerweile nach über 15 Jahren bekannt und sogar regelrecht anerkannt sind, gleichwohl sie nicht richtig in diese Umgebung passen als „weltoffene Typen, die gerne mal quer und über den Tellerrand denken“, wie es Christian Wolf als einer der drei verantwortlichen Brüder im Familienunternehmen sagt.

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Christian Rolf Marketingleiter c Rolf Spectacles
Christian Wolf ist Marketingleiter bei Rolf Spectacles und mahnt angesichts der vielen Ideen und Pläne des Familienunternehmens: „Wir dürfen uns darin nicht verlieren“ (Bild: Dominik Somweber)

Christian leitet das Marketing, er scheint ein bisschen weniger impulsiv zu sein als Roland, der das Unternehmen gegründet hat und Eigentümer ist. Der Dritte im Bunde, Bernhard, ist Geschäftsführer von Rolf Spectacles. Wer einmal mit Roland über das Thema Nachhaltigkeit gesprochen hat, wird wissen, warum Christian das eigene Unternehmen, das eigene Team und insbesondere den eigenen Bruder einerseits als Visionär, andererseits als eigenbrötlerisch bezeichnet; und als extrem selbstbewusst: Wobei dieses Selbstbewusstsein nicht nur zwischen den Gipfeln in den österreichischen Alpen hin und wieder annähernd arrogant wirken kann.

Die Betonung liegt auf kann, denn geht man mit den Brüdern ins Detail und beschäftigt sich mit dem Unternehmen, dem „Planeten Rolf“, dann versteht man besser, warum sie sich in Weißenbach nicht richtig zugehörig fühlen und warum Christian sogar die Frage verneint, ob er mit seiner Firma in die Augenoptik passe. „Die Augenoptik ist eine Vertriebswelt, es gibt viele unterschiedliche Hersteller und es gibt auch einen Independent-Markt. Aber wir sind dennoch etwas anders.“

Verantwortungsbewusste Herstellung

Dieses „anders“ wird nach dem Rebranding von vor etwa drei Jahren auch heute nicht versteckt, eher bekommt man den Eindruck, bei Rolf spielt man sogar damit. Aber zu Beginn 2009 stellten die Österreicher ihre Wurzeln in den Vordergrund, die dann zunehmend den Werten und den Vorstellungen widersprachen. Nicht die einzige Besonderheit, ein anderes Beispiel: Das nachhaltige Wirken und die verantwortungsvolle Herstellung der hochwertigen Brillenfassungen schwingt zwar mit in der Kommunikation, doch „wir haben das nie nach vorne gestellt, auch nicht, als wir quasi direkt nach unserer Gründung den SILMO d’Or für unsere Holzbrille gewonnen haben“, erklärt Christian. Damals 2009 in der Kategorie Technik/Innovation, was bei Rolf viel wichtiger ist, weil Nachhaltigkeit eher etwas mit Naivität zu tun habe und ohnehin eine Selbstverständlichkeit darstelle.

Holzbrille c Rolf Spectacles
Holzbrille von Rolf Spectacles (Bild: © Eder Robert)

Die Außendienstler überlegen sich daher mehrmals, ob und wenn ja wann sie den Chef nach einem neuen Mobiltelefon fragen. Selbst wenn der Wunsch nach einem aktuellen Gerät verständlich erscheint, beißt er sich zumindest mit dem zerkratzten Display, das Roland noch für gut befindet, weil das Handy ja sonst noch funktioniert. Fragen Sie ihn mal danach! Und die Kunden von Rolf sollten sich im Zweifel einmal mehr überlegen, ob sie die Lieferzeiten der Holzbrillen infrage stellen mögen – auch wenn sie sicher eine weniger emotionale Antwort erwarten wird. „Wir haben kein Lager, produzieren nur das, was verkauft wurde, machen nur das, was wir brauchen“, erklärt Christian dazu: das ist „gelebte“ Nachhaltigkeit.

Insgesamt stehen mittlerweile vier SILMO d’Or in der Vitrine, aktuell in diesem Jahr ging Rolf trotz Nominierung leer aus, die letzte Auszeichnung gab es 2021 für die Bohnenbrille. Für die „Substance-Kollektion“ wird die schnell wachsende Rizinusbohne als Material verwendet. Dieses rein pflanzliche Material und die Herstellung im 3D-Drucker entspricht dem eigenen Anspruch, sparsam mit natürlichen Ressourcen umzugehen. In der hochwertigen Imagebroschüre heißt es dazu beinahe gedichtet: „So leicht. So robust. Und liegt so angenehm auf der Nase. Fast, als wäre sie nicht da. Ein Leichtgewicht, das mit Stärke punktet. Langlebig. Strapazierbar. Und damit in jeder Hinsicht nachhaltig. Eine Wunderbohne. Vom Wunderbaum. Ricinus communis.“

Denken fernab des Systems

„Wir versuchen immer, das Maximum aus dem Material zu holen und denken dabei fernab des bestehenden Systems“, meint Christian, der sich bei den Messen zunehmend über die Augenoptiker und Augenoptikerinnen freut, die hochwertiges Fassungsdesign schätzen und daher auch zu verkaufen wissen. Dass viele der Interessenten zunehmend aus dem Ausland kommen, ist gewiss kein Nachteil, wobei Ausland für eine Manufaktur inmitten eines Gebietes, in dem schon der Fernpass und die stets überfüllte Bundesstraße 179 Barrieren darstellen, irgendwie ja auch überall ist. Barriere? Oder eher Schutzwall, so wie der, den sich der kleine Planet Rolf in den heimischen Bergen um sich herum errichtet hat? „Luxus, der für uns wichtig ist“, nennt das der Marketingleiter.

3D-Druck-Brille c Rolf-Spectacles
3D-Druck-Brille von Rolf Spectacles (Bild: © rolf)

Abgesehen von den regionalen Gegebenheiten sei die Tradition des Unternehmens wichtig, doch trotzdem spielt sie wie die Nachhaltigkeit keine Hauptrolle in der Außendarstellung. Hier dominiert die Technologie, hier wird die die Fähigkeit herausgestellt und der Wille „Brillen zu machen, von denen die Leute denken, die sind völlig verrückt“. Deswegen mag Christian nicht über Nachhaltigkeit sprechen, und deswegen ist die sympathische Impulsivität des Bruders in einem anderen Lichte zu sehen, denn bei Rolf möchten sie Emotionen rüberbringen, „da ist es doch prima, dass wir häufig gegen den Strom schwimmen“, sagt Christian lächelnd.

Gründungsstory passt

Emotionen also. Da passt doch die Gründungsstory von Rolf und das damit verbundene Werkeln in der Garage ganz gut. Wäre das nicht eine zu oft gehörte und vor allem US-amerikanische Geschichte. In Tirol erzählt man sich das lieber so: „Was bei vielen in einer Garage begann, nahm bei uns mit einer Melkmaschine seinen Anfang. Na gut, die Melkmaschine stand in der Garage, bevor wir sie in den Keller unseres Elternhauses umgesiedelt haben. Dort haben wir sie umgebaut – von Hand, versteht sich. Bevor wir uns an den ersten Brillen aus Holz versucht haben.“

Handarbeit c Rolf Spectacles
Echte Handarbeit: Zwischen Rohling und der fertigen Brillenfassungen liegen bei der Holzbrille etwa 80 Arbeitsschritte (Bild: © Eder Robert)

Zuhause, das ist heute Planet Rolf. Das sei für das Team aber auch die Natur. Die Abgeschiedenheit und die damit verbundene Freiheit, sich zu entfalten. Das Problem: Es sei auch schwierig, neue Mitarbeitende in die ländliche Region zu locken, und doch „möchten wir, dass die Leute in der Zentrale arbeiten. Hier bilden wir alles ab.“ Dort werden die Brillen in Handarbeit hergestellt, zwischen Rohling und der fertigen Brillenfassung liegen bei der Holzbrille etwa 80 Arbeitsschritte.

Rolf möchte aber nicht nur potenzielle neue Mitarbeitende von diesem Zuhause überzeugen, sondern auch die Kunden, die spüren und verstehen sollen, wie viel Aufwand und Pflege die hier produzierten Fassungen benötigen. Die Kunden sollen sich die Geschichte zu den Fassungen mit nach Hause nehmen, denn sie dürfte hilfreich sein beim Verkauf. Christian Wolf: „Wir müssen es schaffen, ein anderes Bewusstsein für Konsum zu schaffen!“ Ob der Besuch, das Bemühen einer – unbestritten – besonderen Brillenmanufaktur dazu ausreicht, die fehlsichtige Klientel in diese Richtung zu schubsen, darf derzeit dennoch bezweifelt werden.

Groß denken, Emotionen vermitteln

Das heißt aber ja nicht, dass man es nicht versuchen könne – und außerdem passt das wunderbar zum Anspruch des Brillenfassungsherstellers, groß denken zu wollen und Emotionen zu vermitteln. Und es passt dazu, dass in der Tiroler Abgeschiedenheit auf den Austausch und die enge Zusammenarbeit mit „ausgewählten Optikern“ großen Wert gelegt wird. „Gemeinsam setzen wir auf Qualität, Innovation und Nachhaltigkeit“ steht es dazu in den Broschüren, wo die Nachhaltigkeit dann doch Erwähnung finden darf. Nicht immer so direkt, aber in der Story versteckt, geradezu selbstverständlich, wenn man nur genau hinsehen mag.

Um das anschaulicher zu machen, gönnen wir uns zum Ende noch einmal einen Blick in die Broschüre zur Bohnenbrille und auf deren ausgeklügeltes Scharnier. „Das „Flexblock-Gelenk“ braucht keine Schrauben. Nur zwei präzise gefertigte Haken und einen Naturkautschukring. Für eine feste und doch flexible Verbindung zwischen Brillenfront und Bügel. Schrauben haben unsere Brillen alle keine. Einzigartig und patentiert. Für ein noch längeres Brillenleben.“

Um stets positiv in die Zukunft blicken zu können, wählen die Wolfs den nächsten Schritt immer mit Bedacht. Wachstum sei riskant und koste viel Geld. In den ersten drei Jahren seiner Existenz habe das Unternehmen gar kein Geld verdient, trotzdem habe es bis heute jede Abhängigkeit vermieden. „Darunter leidet sonst die Kreativität.“ Gerade aber die Visionen und Ziele, Wünsche und Ideen auf dem Planeten Rolf sind es aber, die den Mut bei neuen Produkten möglich macht – offensichtlich gibt es davon genug. „Ja, das treibt uns an, wir möchten immer besser werden, sind nie fertig. Aber, wir dürfen uns darin nicht verlieren“, mahnt Christian Wolf. Einer von drei Brüdern, die in Tirol und in der Branche ihre „Vision und ihre Mission hoch halten möchten – was bislang gut geklappt haben kann, aber vermutlich in Zukunft noch schwieriger werden dürfte.

/// IR

 

Artikel aus der eyebizz 6.2025 (November/Dezember)

 

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