Gentle Monster: Das 2011 von Hankook Kim in Seoul gegründete koreanische Brillenlabel ist in nur fünfzehn Jahren zum Symbol einer ganzen Generation geworden und hat mittlerweile in der Heimat Kultstatus erreicht. In einer Zeit, in der viele das Ende des stationären Handels prophezeien, zeigt Gentle Monster, wie der Erlebnisfaktor Stores zu wahren Pilgerstätten machen kann.
Die drei hyperrealen Gesichter hat Gentle Monster im eigenen Robotiklabor gefertigt (Foto: Gentle Monster)
Gentle Monster macht vor allem durch seine Storedesigns von sich reden, die die Grenzen zwischen Fantasie und Realität ausloten und in denen die ausgestellten Brillenfassungen scheinbar zu bloßem Beiwerk werden. Jeder Laden hat ein eigenes, individuelles Storytelling, doch alle weisen eine gemeinsame Gesamtsprache auf, die sie in ein spektakuläres Kunstwerk verwandeln. Im Gegenzug bilden sich bei jeder Neueröffnung große Menschentrauben an Millenials und Influencern, die mit ihren Selfies, Videos und Bildern die beeindruckenden High-Tech-Installationen – und natürlich auch die Fassungen – bis „zum Abwinken“ auf Instagram posten.
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Dennoch war es in Europa seit der Corona-Pandemie um die Marke still geworden: Der vormals einzige europäische Flagship-Store in London wurde 2020 geschlossen. Die stationäre Präsenz beschränkte sich seitdem auf einen Corner im Londoner Kaufhaus Selfridges. Ihre spektakulären, wortwörtlich monströsen und in Eigenregie von einem Team aus 250 Designern, Architekten, Künstlern und Ingenieuren produzierten Ladeninszenierungen, die jede Eröffnung zum Paukenschlag werden lassen, konzentrierten sich seitdem auf die Heimatstadt Seoul und andere asiatische sowie US-amerikanische Trendmetropolen. So wurde beispielsweise im September 2025 das imposante, 14 Etagen hohe „House of Nowhere“ in Seoul eröffnet, in dem neben dem Firmensitz der Muttergesellschaft iiCombined Co., Ltd. auch die beiden Tochtermarken untergebracht sind – Tamburins, ein Beauty- und Parfum-Label, und Nudake, spezialisiert auf künstlerisch gestaltete Patisserie und Dessertkreationen. In der obersten Etage wurde ein koreanisches Teehaus eingerichtet, in dem das außergewöhnliche Nudake-Sortiment serviert wird.
Futuristisch-fantastische Installationen
Vergangenes Jahr hat Gentle Monster zum stationären Comeback in Europa ausgeholt. Einen Vorgeschmack bot der im März zur Milan Fashion Week eröffnete Pop-up-Store im bekannten 10 Corso Como, um die dritte, gemeinsam mit Maison Margiela produzierte Sonderkollektion vorzustellen. Wie gewohnt war das Ladenambiente in diesem Concept Store geprägt von futuristisch-fantastischen Kunstinstallationen wie aus einem Filmset und skulpturalen Hochglanzwarenträgern mit den Sonnen- und Korrektionsbrillen.
Im Oktober 2025 folgte die Eröffnung eines Flagships im angesagten Marais-Viertel in Paris, das erwartungsgemäß großen Besucherandrang auslöste. Der Store erstreckt sich über zwei Etagen eines renovierten, historischen Wohnhauses. In gewohnter Manier wurde auch dieses Mal das gesamte Interieur vom firmeneigenen Designteam in Seoul entworfen. Gleich am Eingang wird die Kundschaft von drei kinetischen Skulpturen in Form überdimensionaler, hyperrealistischer Gesichter empfangen. Mit subtilen Kopf- und Pupillenbewegungen und Wimpernschlägen scheinen sie die Bewegungen der Betrachter zu verfolgen und mit ihnen zu interagieren. Sie haben eine schaurig-schöne und etwas geisterhafte Wirkung. Allerdings deuten sichtbares Kabelgewirr und dicke weiße Kabelstränge rund um die Gesichter auf deren Roboter-Charakter.
Abb. links: Fassade des Flagship-Stores von Gentle Monster im Pariser Marais-Viertel; Abb. rechts: Das einfallende Tageslicht und das künstliche Deckenlicht lassen die sternförmige Skulptur in Glanz erstrahlen (Fotos: Gentle Monster)
Der lichtdurchflutete Store kombiniert hochglänzende, glatte Oberflächen mit matten, unregelmäßigen Texturen an Wänden und Decken. In einem freistehenden, organisch runden, verchromten Warenträger spiegelt sich effektvoll das Rot des Teppichs. Die von Stern- und Pilzformen inspirierte Hochglanz-Installation im ersten Stock reflektiert das einfallende Sonnenlicht und Himmelblau des Teppichs. Große LED-Screens projizieren Models, die die radikalen Brillen tragen und wie in Zellophanfolie gewickelt wirken.
Gentle Monster hat von Anfang an auf die Kooperation mit internationalen Celebrities und Ausnahmekünstlern gesetzt. So präsentierte die Marke vergangenes Jahr die Sonderedition „2025 Bold Collection“ in Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Schauspielerin Tilda Swinton. Auch die faltbaren Brillenmodelle, deren Bügel und Nasenpads mittels unsichtbarer Scharniere zusammengeklappt werden, sorgten für Furore.
Abb. links: Organische Formen im Hochglanz-Finish bestimmen das Interieur; Abb. rechts: Auf den überdimensionalen LED-Screens auf der Fläche erscheinen die Brillen-Models wie in Zellophanfolie gehüllt (Fotos: Gentle Monster)
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Allein 2025 erzielte Gentle Monster einen Umsatz von rund 518 Millionen US-Dollar mit einem operativen Gewinn von etwa 78 Millionen US-Dollar. Das internationale Geschäft trägt immerhin knapp 40 Prozent zum Umsatz bei. Der französische Luxusgüterriese LVMH erkannte schon früh dieses Potential als kreativer Treiber und erwarb 2017 einen Firmenteil von sieben Prozent im Wert von damals 60 Millionen Dollar. Inzwischen weiß auch Google das Innovationstalent von Gentle Monster zu schätzen, mit dem sich das Label an der Schnittstelle von Design, Kunst und Technologie positioniert. Der Tech-Gigant sicherte sich 2025 einen vierprozentigen Anteil im Wert von 100 Millionen US-Dollar an dem Unternehmen.
Nachdem der Launch der Google Glass 2013 floppte, ist Google wieder im Smart-Glasses-Markt aktiv und will in Zukunft vor allem in Sachen Design – einer der ausgemachten Hauptgründe für den damaligen Flop – auf Nummer sicher gehen und seine nächste Generation intelligenter Brillen mit Hilfe von Gentle Monster als modisches Accessoire und nicht nur als technisches Gadget positionieren.
Nach Angaben der digitalen Wirtschaftsnachrichtenplattform Ked Global wird das Unicorn-Unternehmen aktuell mit 2,8 Milliarden US-Dollar bewertet. Damit hat sich der Wert von Gentle Monster seit 2020 so gut wie verdreifacht. Das muss nicht das Ende der Fahnenstange sein, denn die Partnerschaft mit Google könnte eine neue Ära einläuten: die einer globalen Luxus-Technologiemarke.