In einer kleinen Wohnung in Berlin am Prenzlauer Berg gründete sich 2020 ein Start-up mit dem Ziel, – endlich, muss man sagen – inklusive Brillen mit biometrischen Nasen-Profilen anzubieten, die für viele Nasenformen geeignet sind. Reframd schloss damit die Lücke zwischen maßgeschneiderten und konfektionierten Fassungen und machte eine ganze Industrie integrativer.
Reframd: die Astronaut Collection (Bild: Reframd / Giada Armante)
Beim Testen der ersten Brillenfassungs-Prototypen traf der studierte Produktdesigner Ackeem Ngwenya („Innovation Design Engineering” am Royal College of Art London) in Berlin auf Shariff Vreugd. Vreugd hatte in den Niederlanden internationale Betriebswirtschaft studiert und war in der Hauptstadt, um dort für Start-ups im Bereich „Business Development“ zu arbeiten. Weil sich beide mit konventionellen Formen und Modellen nicht wohl fühlten, taten sie sich für Reframd zusammen und konzipierten von da an Brillendesigns für Nasenrücken, die bis dato von der Branche übersehen wurden.
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„Reframd wurde gegründet, um eine erhebliche Lücke in der Brillenindustrie zu schließen, die durch den „Einheitsgröße“-Ansatz entstanden ist, der vorwiegend auf eurozentrische Gesichts-Anatomien ausgerichtet ist und die Vielfalt der Gesichter der Menschen außer Acht lässt. Da wir erkannt haben, dass Probleme mit der Passform eher auf das Design der Brille als auf die Gesichtszüge der Träger zurückzuführen sind, haben wir uns zum Ziel gesetzt, Brillen zu entwickeln, die auf der Grundlage realer biometrischer Daten wirklich passen und dabei Menschen aus verschiedenen Bevölkerungs-gruppen auf der ganzen Welt in den Vordergrund stellen“, so ihr damaliger Ansatz.
Eine Crowdfunding-Kampagne brachte dem jungen Unternehmen das nötige Kapital für den Online-Vertrieb, und schnell stiegen die Auftragszahlen.
Modulares Größensystem
Bei ihrem Ziel, die Vielfalt der Gesellschaft auch bei den Brillenfassungen darzustellen, achteten die beiden besonders auf diese Aspekte: Die Brücke muss abgesenkt oder verbreitert werden, und die Neigung der Fassung wird ebenfalls angepasst, damit sie bequem auf der Nase aufliegt und nicht darüber schwebt, wodurch eine Lücke zwischen Fassung und Nase verhindert wird.
Reframd: die Astronaut Collection (Bild: Reframd / Giada Armante)
Um die daraus entstandene Philosophie in die tägliche Praxis umzusetzen, entwickelte Reframd ein modulares Größensystem, das computergestütztes Design und digitale Fertigung nutzt, um jede Fassung in neun Passform-Varianten anzubieten – drei Nasenprofile (breit, hoch, schmal) und drei Größen (klein, mittel, groß) auf Basis realer biometrischer Daten. Jede Front kann mit fünf verschiedenen Bügeloptionen kombiniert werden, sodass pro Design 45 Passformen entstehen. „Unsere Kollektionen sind daher für Personen mit hohen, breiten oder niedrigen Nasenprofilen erhältlich, was unser Engagement für echte Inklusivität bei Brillen widerspiegelt.“
Kleines Team mit vielen Partnern
Die Marke liefert ihre integrative Eyewear in die ganze Welt. Das Herzstück von Reframd ist nach wie vor das zweiköpfige Team aus Ngwenya und Vreugd, aber heute arbeiten sie mit einer größeren Konstellation von kreativen und technischen Partnern zusammen. Designer, Entwickler, Produktionsfirmen und Fulfillment-Center tragen alle dazu bei, die Brillen vom Konzept zum Kunden zu bringen. „Dieses kollaborative Modell ist für unsere Arbeitsweise von entscheidender Bedeutung: klein in der Struktur, groß in den Möglichkeiten“, so Ackeem.
Reframd: die Astronaut Collection (Bild: Reframd / Giada Armante)
Der Sitz des kleinen Unternehmens ist immer noch in Berlin, wobei die Auftrags-Abwicklung sowohl von dort als auch von Amsterdam aus erfolgt, wo Mitgründer Shariff Vreugd, Niederländer mit familiären Wurzeln in Suriname, zu Hause ist. Diese Kooperation gebe den Machern von Reframd die Flexibilität bei der Betreuung von Kunden in ganz Europa und darüber hinaus.
Alle Produkte werden im 3D-Druck-Verfahren hergestellt, wodurch Werkzeugkosten und Mindestbestellmengen entfallen. Das adaptive System automatisiere die Produktion von serienreifen Fassungen mit präziser Passform und Toleranzen und ermögliche dennoch eine skalierbare und inklusive Individualisierung.
„Was die Produktion angeht, arbeiten wir mit spezialisierten Dienstleistern in Frankreich, Polen und Deutschland zusammen, die alle aufgrund ihrer technischen Expertise im Bereich 3D-Druck und Veredelung ausgewählt wurden“, erläutert der Südafrikaner Ngwenya weiter. Durch die Fertigung innerhalb Europas könne man kurze Lieferzeiten einhalten, eine zuverlässige Qualitätskontrolle gewährleisten und den ökologischen Fußabdruck reduzieren, der normalerweise mit einer Produktion über große Entfernungen verbunden ist. Diese dezentrale, aber eng integrierte Struktur unterstütze so ihr Engagement, hochwertige, maßgeschneiderte Brillenfassungen in großem Maßstab zu liefern.
Cloudbasierte Design-Plattform
Mit der cloudbasierten Design- und Produktions-Plattform Reframd Studio (www.reframd.io) sind Augenoptikerinnen und Augenoptiker in der Lage, schnell verschiedene Fassungsvarianten zu erstellen, die den spezifischen Passform-Bedürfnissen ihrer Kunden entsprechen – ohne die Komplexität und den Zeitaufwand einer vollständig maß-geschneiderten Konstruktion. „Außerdem planen wir, die Erstellung von Brillengestellen auf Basis von 2D-Entwürfen der Optiker zu ermöglichen. Reframd Studio erstellt anhand dieser Eingaben automatisch produktionsfertige Dateien und gewährleistet so Genauigkeit und Wiederholbarkeit. Dadurch entfällt die manuelle CAD-Arbeit, die Vorlaufzeiten werden verkürzt und Optiker können ein umfassendes Sortiment an Passformen anbieten und gleichzeitig effizient arbeiten. Kurz gesagt, Optiker erhalten damit eine skalierbare Möglichkeit, mit minimalem Aufwand personalisierte Brillen anzubieten“, so die Vision der Partner und Freunde.
Reframd: die Astronaut Collection (Bild: Reframd / Giada Armante)
Die neueste Modell-Entwicklung ist die Aero Series 005, eine leichte Kollektion im DLP-3D-Druck. Die Serie verkörpere den Reframd-Ansatz für präzise Geometrie und inklusive Passform und bietet neun Frontvarianten und mehrere Bügellängen; sie zeigt sich in einem klassischeren Design, während die Fassungen äußerst bequem und langlebig bleiben. Darüber hinaus steht in Zusammenarbeit mit dem Berliner Augenoptiker und Designer Yutaro Fujiyama eine superleichte, minimalistische Brillenkollektion in den Startlöchern, die sowohl online als auch im Fachgeschäft im Frühjahr 2026 erhältlich sein wird und den Beginn eines breiteren Vorstoßes in den deutschen Brillenmarkt markieren soll (siehe auch Interview mit Ackeem Ngwenya).
Es ist an der Zeit
Wie sehr das Start-up mit seiner Idee den Nerv der Zeit trifft und dass es um weit mehr als Designvarianten geht, zeigte auch die Nominierung 2025 für den eyebuzz Award, den die SILMO Paris zusammen mit eyebizz vergibt. In ihrer Bewerbung formulierten Ackeem Ngwenya und Shariff Vreugd treffend: „Was wir erreicht haben, geht über die Entwicklung eines Produkts hinaus – wir haben die Normen der Branche in Frage gestellt. Wir haben „periphere“ Demografien in den Mittelpunkt der Produktentwicklung gestellt. Unsere Innovation wird von Absichten angetrieben, nicht von Technologie um der Technologie willen. Wir haben Vielfalt nicht durch Design für Randgruppen begrüßt, sondern indem wir bei ihnen angefangen haben. Unser System spiegelt die menschliche Vielfalt wider, indem es auf Daten statt auf Annahmen basiert und Scans nutzt, um eine inklusive Geometrie zu schaffen. Durch die Demokratisierung unserer Passform-Standards ebnen wir den Weg für wirklich inklusive Produktangebote in der gesamten Brillenindustrie.“
/// PE
Interview mit Ackeem Ngwenya
„Letztlich geht es um Sichtbarkeit!“
Ackeem Ngwenya ist 37 Jahre alt und in Südafrika geboren. Er spielt gerne Fußball und nennt seine stetig wachsende Pflanzensammlung als Hobby. Wie es um sein Business mit Brillenfassungen steht, erklärt er im eyebizz-Interview.
Shariff Vreugd und Ackeem Ngwenya (Bild: Reframd)
eyebizz: Wie hat sich die Reframd-Kollektion seit dem Start 2020 entwickelt? Gibt es neue Kategorien?
Ackeem Ngwenya: Während wir uns anfangs auf Sonnenbrillen konzentriert haben, bieten wir über unsere Fulfillment-Partner in Berlin mittlerweile auch Korrektionsfassungen an. Unsere Designphilosophie ist bewusst geschlechtsneutral: Wir entwerfen keine Brillenfassungen speziell für ein bestimmtes Geschlecht. Stattdessen sind wir der Meinung, dass jeder Mensch die Form tragen können sollte, die ihm gefällt und die am besten zu ihm passt. Geschlechts-Kategorien spielen in unserem Designprozess einfach keine Rolle. Derzeit prüfen wir aber auch Möglichkeiten, unser Sortiment im Rahmen einer europaweiten Partnerschaft auf Kinderbrillen auszuweiten.
Sie haben als Direct-to-Consumer-Marke begonnen. Vertreiben Sie Ihre Marke inzwischen auch über den Augenoptik-Fachhandel in Deutschland?
Reframd bleibt in erster Linie ein Online-Unternehmen. In Berlin haben wir Kooperationen mit einer Handvoll ausgewählter Optiker für Korrektionsbrillen geschlossen. Die meisten unserer Kunden mit Sehhilfen entscheiden sich jedoch dafür, unsere Brillenfassungen ohne Gläser zu kaufen und sie zu einem Optiker ihrer Wahl zu bringen, um dort Korrektionsgläser einsetzen zu lassen.
Wir versenden international – wobei einige Regionen häufiger bestellen als andere. Lange Zeit waren die USA unser größter Markt, obwohl der Zugang zu diesem Markt zunehmend schwieriger geworden ist. In Deutschland sind unsere Produkte noch nicht weit verbreitet in Optikgeschäften erhältlich, da sie als zu gewagt empfunden werden. Daher war der Einstieg in den heimischen Einzelhandel schwieriger als erwartet.
Im vergangenen Jahr sind wir eine wichtige Partnerschaft eingegangen, durch die unsere Produkte in mehreren europäischen Großstädten erhältlich sind – darunter Berlin, München, Hamburg, Düsseldorf, Mailand, Amsterdam und Stockholm. Dies war zwar ein spannender Meilenstein für uns, aber das wirtschaftliche Ergebnis war nicht so erfolgreich wie erhofft – was uns dazu veranlasste, unsere Geschäftsstrategie und Design-Ausrichtung zu überdenken.
Was haben Sie geändert?
Im Rahmen unserer neuen Ausrichtung streben wir aktiv Kooperationen mit ausgewählten Designern, Marken und Optikgeschäften an. So entwickeln wir beispielsweise derzeit eine gemeinsame Brillenkollektion mit Yutaro Fujiyama – einem in Berlin ansässigen Designer und Optiker, Inhaber des kürzlich eröffneten Optik Fujiyama in Moabit. Das Geschäft besticht durch seine schöne Vintage-Ästhetik und ein sorgfältig ausgewähltes Sortiment an Brillen, die hauptsächlich in Japan hergestellt werden. Gemeinsam entwickeln wir eine superleichte, minimalistische Brillenkollektion, die sowohl online über Reframd als auch offline über Optik Fujiyama und idealerweise auch über weitere Optikgeschäfte in ganz Deutschland erhältlich sein wird. Ich denke, diese neue Zusammenarbeit wird uns mehr Sichtbarkeit auf dem deutschen Optikmarkt verschaffen.
Haben Sie Veränderungen im Hinblick auf das Angebot an inklusiven Brillen festgestellt? Gibt es bereits Nachahmer Ihrer Idee?
In den letzten Jahren haben immer mehr Marken begonnen, inklusive Brillen anzubieten, insbesondere in den USA und Großbritannien. In Kontinental-Europa ist diese Entwicklung weit weniger sichtbar, wo inklusive Passformen oft noch als Nischenthema betrachtet werden – insbesondere in Deutschland.
Ich halte diese Sichtweise für überholt. Reframd wird häufig mit Brillenfassungen für Menschen mit breiten oder niedrigen Nasenprofilen in Verbindung gebracht, doch unsere Kollektionen eignen sich auch für Kunden mit hohen Nasenrücken. Da die Diskussionen um Inklusion und Diversität zunehmend polarisieren, befürchte ich, dass einige Marken zögern könnten, Produkte zu entwickeln oder anzubieten, die den Bedürfnissen unterschiedlicher Verbraucher gerecht werden. Uns bestärkt dies jedoch nur darin, unsere Arbeit fortzusetzen.
Zum Schluss noch eine Frage abseits von Brillen: Wie sehen Sie die kürzliche Medienmeldung und Forderung, die Größe des afrikanischen Kontinents auf Weltkarten endlich realistisch, also größer darzustellen?
Ich bin ein großer Befürworter der Equal Earth Projection. Bei Reframd haben wir immer argumentiert, dass Design die tatsächliche Vielfalt menschlicher Gesichter widerspiegeln sollte, anstatt alle in einen engen Standard zu zwängen.
In ähnlicher Weise geht es bei den jüngsten Bestrebungen, die tatsächliche Größe des afrikanischen Kontinents auf Weltkarten darzustellen, darum, langjährige Verzerrungen zu korrigieren. Bei beiden Diskussionen geht es letztlich um Sichtbarkeit: Wer wird genau dargestellt und wer wird in Rahmenbedingungen gedrängt, die nie für ihn gedacht waren?
Für uns steht diese Veränderung in der Kartografie im Einklang mit unserer Arbeit. Sie erinnert uns daran, dass mehr Menschen sich gesehen, respektiert und einbezogen fühlen, wenn Systeme so verändert werden, dass sie die Realität getreuer widerspiegeln – sei es im Brillendesign oder in der Weltkartografie.