Wir müssen nicht fragen, manchmal dürfen wir erwarten!
von Ingo Rütten,
Erinnern Sie sich an die Zeit, als wir über Digitalisierung und Nachhaltigkeit gleichermaßen diskutiert haben, gefühlt rund um die Uhr? Auch wir bei uns in unserer kleinen Augenoptik-Wolke! Ich erinnere mich an eine Schlagzeile im Handelsblatt: „Nachhaltigkeit hat Digitalisierung als Topthema in vielen Führungsetagen der deutschen Wirtschaft bereits abgelöst.“ Das war laut Google vor beinahe exakt drei Jahren. Drei Jahre, eine Ewigkeit! Heute hallt um uns herum nur noch die „Künstliche Intelligenz“, die wir zunächst unter der Digitalisierung verortet hatten. Und die Nachhaltigkeit?
Andreas Schmidt, Augenblick Brillen und Kontaktlinsen, (2. von rechts neben Lidia Rico, GHM) setzte sich 2024 gegen seine beiden Kontrahenten im Pitch auf dem Sustainability Hub durch und gewann den gleichnamigen Award. Er ist bislang einziger Preisträger, das könnte auch so bleiben. (Foto: GHM)
Im Januar 2023 wagte sich die opti mit dem Sustainability Hub nach vorne. Inhaltlich wurde das Programm gespeist von der IG Nachhaltigkeit, die sich wiederum im Nachgang zu zwei opti-Webinaren gebildet hatte und deren Mitglieder nicht nur die opti und ich, sondern auch eine engagierte und illustre Gemeinschaft aus Augenoptikern und Vertretern der augenoptischen Industrie sind. Ein Jahr später stellte diese IG sogar den Sustainability Award für die opti auf die Beine, mit 5.000 Euro dotiert. Das Preisgeld kam ebenfalls aus den Reihen der IG, die sich parallel dazu mit ihrem Stützscheibenprojekt einen Namen machte – und sich bis heute darüber wundert, wie viel Arbeit in so einem Projekt steckt und wie viel Geld nötig ist, um aus der Theorie und reichlich Planungsarbeit bestenfalls auch eine praktikable Realität werden zu lassen.
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Ich selbst habe nach der opti 2023 eine Weiterbildung zum Nachhaltigkeitsmanager gemacht. Um dann in den vergangenen beiden Jahren mitzuerleben, dass das Thema gewissermaßen ein reizendes wurde, eines, dass man auf Partys besser nicht mehr ansprechen sollte? Auch etliche Großunternehmen haben sich von ihren einst rausposaunten Nachhaltigkeitszielen still wieder verabschiedet. Lufthansa „Net Zero“ bis 2050: Feierabend. Unilever mit 50 Prozent weniger Neuplastik in der Produktion? Projekt begraben! AIDA und TUI ab 2040 nur noch klimaneutrale Kreuzfahrten. Einkassiert! Ich könnte fortfahren.
Tatsächlich ist so, dass auch das Stützscheibenprojekt kaum weiter voran kommt, weil es einfach zu unkomfortabel in der Umsetzung und leider auch zu teuer wird. Weil auch niemand der Großen so richtig mitmachen möchte! Die IG Nachhaltigkeit kämpft mit sich, ob sie pausieren, gar aufhören oder weitermachen soll. Engagement kostet Zeit, wertvolle Zeit. Eine Präsenz bei der opti erhält sie 2026 ohnehin nicht mehr. Nachdem im vergangenen Jahr der Sustainability Award bereits wegen mangelnder Bewerbungen wieder eingestampft werden musste, plätscherte der gleichnamige Hub bei der Messe 2025 noch so vor sich hin. 2026 wird man ihn nicht mehr finden, falls es jemanden geben sollte, der sucht!
Schleichende Ernüchterung
Die schleichende Ernüchterung hat den Platz der grünen Euphorie eingenommen. Gesellschaftlich gibt es dafür Gründe: Inflation, politischer Extremismus, Krieg! Auch die Migration, auch wenn das für eine der größten Volkswirtschaften der Erde kein Problem sein sollte. Die Klimakrise schafft es nicht mehr unter die größten Sorgen der Deutschen – wer bitte fragt da nach einem nachhaltigen Engagement in der Augenoptik?
Das Extra in dieser Ausgabe liefert Antworten. Nachhaltigkeit und Engagement sind – öfter als wir denken mögen – längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Wir müssen nicht fragen, manchmal dürfen wir erwarten! Diesen Selbstverständlichkeiten müssen wir einen angemessenen Platz und Öffentlichkeit bieten. Gerade jetzt! Sie sorgen dafür, dass wir uns nicht vom negativen Mainstream unterbuttern lassen, wohlwissend, dass es derzeit existenzbedrohendere Themen gibt.
Der Schlüssel für nachhaltiges Wirken liegt bekanntlich in der Wirtschaftlichkeit. Nachhaltigkeit muss sich lohnen. Wer Geld spart oder Gewinn macht, wird langfristig nichts daran ändern! Und Gewinn muss an dieser Stelle nicht immer Umsatz bedeuten. Hätte die IG genügend Sponsoren, es würden sich sicher Menschen finden lassen, die die richtig guten Ideen der Mitglieder umsetzen könnten. Da dass nicht der Fall ist, sollten wir uns darauf konzentrieren, dem bereits realen Engagement in unserer Branche Sichtbarkeit zu verleihen.
Die opti hat sich zunächst für einen anderen Weg entschieden. Ist der falsch? Ich finde, ja. Aber der Zuspruch – wenn man das so nennen mag – für den Sustainability Hub und den Award in den beiden vergangenen Jahren lässt nur eine andere Antwort gelten. Gut, dass eine aktuelle Studie belegt, dass Messen einen Beitrag zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit leisten, weil sie pro Besucher und Tag im Durchschnitt fünf separate Geschäftsreisen überflüssig machen. Auch das gehört erzählt – auch wenn die Studie vom Dachverband der Deutschen Messewirtschaft (AUMA) in Auftrag gegen wurde. Und übrigens, da wir mit der Digitalisierung in diesen Text gestartet sind, möchte ich auch damit enden: 60 Prozent der Geschäftskontakte auf Messen sind laut den Studienbefragten digital nicht in einer ähnlichen Qualität möglich.
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Foto: Focusblue Fotografie
Der eyebizz-Chefredakteur Ingo Rütten gründete Mitte 2022 mit einer Handvoll Mitstreiter die IG Nachhaltigkeit, die mit der opti kooperiert. Seitdem treffen sich Gleichgesinnte regelmäßig zum Austausch, aber auch um eigene Projekte nach vorne zu bringen: was einfacher gesagt als getan ist. Wer mitmachen möchte, braucht nur eine E-Mail an chefredakteur@eyebizz.de zu schreiben.
Artikel aus der eyebizz 6.2025 (November/Dezember)