Silhouette: Nachhaltige Entwicklungen benötigen Zeit
von Patricia Perlitschke,
Als die Silhouette Group am Standort Linz im April dieses Jahres endgültig und vollständig den Gashahn zudrehte, war das ein bemerkenswerter Schritt in Sachen Nachhaltigkeit beim österreichischen Hersteller, aber letzten Endes doch nur eine Etappe von vielen. Denn: Nachhaltigkeit ist nicht weniger als ein essentieller Bestandteil der Unternehmens-Philosophie geworden. Seit beinahe zehn Jahren arbeitet Silhouette kontinuierlich daran, in allen Bereichen des Unternehmens möglichst umwelt- und ressourcen-schonend zu arbeiten.
Silhouette Lens Lab in Linz (Bild: Silhouette Group)
Die Brillen von Silhouette stehen seit jeher für besondere Qualität und buchstäblich ausgezeichnetes Design. Regelmäßig verkünden die Österreicher seit Jahren Preise von renommierten Design-Institutionen, bisher sind es Stand Mai 2026 über 140 Auszeichnungen für die Randlos-Modelle aus Titan, die Sonnenbrillen aus Kunststoff oder die Sportbrillen-Marke evil eye.
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In Sachen Nachhaltigkeit kommunizierten sie in der Vergangenheit dagegen eher zurückhaltend, auch wenn der Linzer Standort in einem Wasserschutzgebiet seit der Gründung 1964 zu besonderer Sorgfalt verpflichtet. In letzter Zeit aber mehren sich die Informationen auch in diesem Bereich, zum Beispiel über ein neues biozirkuläres Material, die Nutzung von 3D-Druck, die Brillenglass-Schleiferei ohne Mikroplastik-Einträge ins Abwasser oder die Einrichtung von Photovoltaik-Anlagen.
Dass das jetzt öfter und deutlicher nach außen kommuniziert wird, ist laut COO Dr. Thomas Windischbauer gleich mehreren Punkten geschuldet: zum einen, weil die Kundschaft vermehrt danach frage, zum anderen, weil man gerne das Erreichte mit Zahlen untermauern möchte im Gegensatz zu vollmundigen Ankündigungen. Darüber hinaus, weil wirklich nachhaltige Entwicklungen und wirkungsvolle Veränderungen einfach Zeit in der Umsetzung benötigten. Mehr dazu im nachstehenden Interview mit dem COO der Silhouette-Gruppe und Gesamt-Verantwortlichen der ESG-Strategie.
Vor rund zehn Jahren begann dieser strategische Weg sozusagen im Hintergrund, mit beachtlichen erreichten Zielen. Angefangen von den Bienenvölkern auf der naturbelassenen Wildblumenwiese neben dem Haupttor über die Ladestationen für E-Autos auf dem Parkplatz, generelle Strombedarfs-Reduzierung bis hin zur Solaranlage auf dem Dach oder den „Solarblumen“ auf dem Gelände, die sich nach der Sonne ausrichten, setzen sich die Bemühungen auch in der Produktion fort.
Der Verzicht auf Erdgas am Standort Linz startete bereits im vergangenen Jahr mit der Umstellung der Abluftreinigungs-Anlage in der Lackiererei von gasbetriebener Nachverbrennung auf eine elektrische Lösung – mit Ökostrom aus Eigenproduktion beziehungsweise aus lokalen Quellen. Als im April das Silhouette-Werk mit der Umstellung der letzten gasbeheizten Lagerhalle endgültig die Nutzung dieser fossilen Energie einstellte, schossen durch den Irankrieg beinahe zeitgleich Gas- und Ölpreis in die Höhe. Exzellentes Timing, könnte man da sagen, denn die Linzer sparen damit jährlich nicht nur über 100 Tonnen an CO2 ein, sondern auch hunderte Megawattstunden an teurem Erdgas. Gleichzeitig eine kostspielige Lektion für diejenigen, die nur die Kosten von Klimaschutz-Maßnahmen und nicht die Vorteile der Energie-Unabhängigkeit sehen.
Nur so viel Material wie unbedingt nötig
Unabhängigkeit ist auch in anderer Hinsicht ein gutes Stichwort: Die Gruppe fertigt viele ihrer Herstellungs-Werkzeuge selbst. Das ermöglicht nicht nur die Realisierung der anspruchsvollen Designs, die Werkzeuge können dadurch auch laufend weiterentwickelt werden. Das unterstützt präzise Produktions-Prozesse, hilft Ausschuss zu vermeiden und trägt zu einem effizienten Material-Einsatz bei. Bei den Titan-Bauteilen wird auf möglichst wenig Abfall geachtet, übriggebliebene Materialreste werden konsequent eingesammelt, an den Lieferanten aus Japan zurückgesendet und dort wieder eingeschmolzen. Damit sich eventuelle Störungen in der Lieferkette nicht nachteilig auf die Produktion auswirken können, ist immer ein ausreichender Vorrat Titandraht in unterschiedlichen Ausführungen vorhanden.
Produktion des Materials Eco PPX (Bild: Silhouette Group)
Im vergangenen Jahr launchte der Hersteller die Kollektion „Clear Sky“, die teilweise aus einem biozirkulären Kunststoff gefertigt wird. Dabei handelt es sich um ein Material aus biologischen, sogenannten Abfall-By-Produkten, die nicht extra angebaut werden müssen, wie das bei biobasierten Kunststoffen sonst der Fall ist.
Das eingangs schon erwähnte Wasserschutzgebiet bedingt zudem einen besonders verantwortungsvollen Umgang mit Wasser: Wo es geht, wird auf dessen Verwendung verzichtet, etwa bei der Glasproduktion, beim Fräsen der Sonnenbrillengläser oder beim Randen und Bohren der Gläser. Wo es im Produktions-Kreislauf noch nötig ist, etwa beim Schleifen der optischen Brillengläser im unternehmenseigenen Lens Lab, durchläuft es nach Gebrauch moderne hauseigene Reinigungs-Anlagen, so dass kein Mikroplastik ins Abwasser gelangt.
Vom Beschichten über die Politur und das Einfärben bis zur eigenen anspruchsvollen Spritzguss-Fertigung, nahezu alles wird in Linz gemacht, somit wird das Etikett „Made in Austria“ in allen verbindlichen Kriterien voll erfüllt. Dass die Brillen von ihrer Qualität ohnehin auf Langlebigkeit angelegt sind und im Falle eines Falles mehrere Jahre nach Auslaufen eines Modells noch Ersatzteile geliefert werden können: auch das gehört zu dieser nachhaltigen Strategie.
Fest in der Unternehmensstrategie verankert
Dieser unsichtbare Wert der Nachhaltigkeit steckt in jedem Detail. Nicht nur im Design zeigt sich der Minimalismus oder heute besser gesagt Purismus, sondern auch im Ressourcen-Verbrauch.
Glas fräsen mitttels CNC für evil eye (Bild: Silhouette Group)
Unter dem Motto „Weniger ist mehr“ steckt in den Brillen jede Menge bewusster Ressourcen-Einsatz. Seit April hat die Silhouette Group in Christian Bachler einen neuen CEO, was sich nicht auf die ESG-Pläne auswirken soll. Dr.Windischbauer: „Unsere langfristige Perspektive ist fest in der Unternehmens-Strategie verankert und nicht an einzelne Personen gebunden. Als Familienunternehmen verstehen wir uns als generationen-übergreifend orientiert, genau das prägt auch unseren künftigen Weg.“
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Dr. Thomas Windischbauer:
„Der Weg der vielen kleinen Schritte“
Dr. Thomas Windischbauer, seit 13 Jahren COO der Silhouette-Gruppe: Zu seinen Schwerpunkten gehören die Produktion in Linz und Trhové Svlny (Tschechien) sowie „Research and Development“ und Qualität „Made in Austria“.
eyebizz: Herr Dr. Windischbauer, im April vermeldete die Silhouette Group für den Standort Linz stolz den kompletten Abschied vom fossilen Erdgas. Gutes Timing angesichts der weltpolitischen Situation mit steigenden Energiepreisen, aber Sie haben schon länger darauf hingearbeitet, richtig?
Dr. Thomas Windischbauer: Transformation entsteht in der Industrie nicht von heute auf morgen. Der vollständige Ausstieg aus fossilem Erdgas am Standort Linz ist das Ergebnis mehrjähriger Arbeit an unseren Produktions-Prozessen. Wir haben gezielt in Elektrifizierung, erneuerbare Energie und effizientere Anlagen investiert.
Im Kern geht es uns darum, direkte Emissionen weiter zu reduzieren. Die aktuellen Entwicklungen bei Energiepreisen und Versorgungs-Sicherheit zeigen aber sehr deutlich, dass dieser Weg auch wirtschaftlich richtig ist. Wir reduzieren Abhängigkeiten, erhöhen die Planbarkeit und stärken damit die Resilienz unseres Produktions-Standorts.
Was hat sich beim Thema Nachhaltigkeit getan in den vergangenen drei Jahren?
Wir haben in den vergangenen Jahren mehrere Themen parallel weiterentwickelt. Ein großer Fokus lag auf der Dekarbonisierung unserer Produktion. Gleichzeitig haben wir auch Themen wie Material-Innovation, Kreislauf-Ansätze und Wassermanagement vorangetrieben. Darüber hinaus beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage, wie industrielle Produktion langfristig resilient und zukunftsfähig bleiben kann. Dazu gehören für uns nicht nur Energie- und Ressourcen-Themen, sondern auch stabile Standorte, langfristiges Know-how und attraktive Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeitenden.
Wir entwickeln auch unsere Datengrundlage und internen Steuerungs-Systeme laufend weiter. Standards wie ISO 14064-1 für die THG-Bilanzierung und ISO 14068-1 für Treibhausgas-Neutralitäts-Management helfen uns dabei, Maßnahmen und Fortschritte systematischer, nachvollziehbarer und mit hoher Transparenz zu steuern. Durch unabhängige Prüfungen wird diese Datenbasis zusätzlich abgesichert, was das Vertrauen von interessierten Parteien weiter erhöht.
Schafft die Silhouette Group denn das Ziel, 2027 eine CO2-neutrale Produktion zu erreichen?
Wichtige Maßnahmen – etwa beim Ausbau erneuerbarer Energie durch Photovoltaik oder bei der konsequenten Vermeidung von Mikroplastik in der Brillenglas-Bearbeitung – sind bereits umgesetzt. Damit haben wir in den vergangenen Jahren wesentliche Grundlagen geschaffen, um Emissionen weiter zu reduzieren und Produktions-Prozesse langfristig weiterzuentwickeln.
Thomas Windischbauer (Bild: Silhouette Group)
Je intensiver man sich mit diesen Themen beschäftigt, desto deutlicher wird, dass viele Herausforderungen weit über den eigenen Standort hinausreichen. Gerade in der vorgelagerten Wertschöpfungskette – etwa bei Materialien, Lieferketten oder indirekten Emissionen – braucht es langfristige Weiterentwicklung, enge Zusammenarbeit und zunehmend bessere Datengrundlagen.
Deshalb verstehen wir unser Ziel für 2027 als wichtigen Meilenstein, der unseren eingeschlagenen Kurs konsequent weiter verstärkt und beschleunigt. Entscheidend ist aus unserer Sicht, kontinuierlich weiterzuarbeiten, Fortschritte transparent messbar zu machen und bestehende Maßnahmen laufend weiterzuentwickeln.
Sind die strengen Umwelt-Auflagen ein Problem an Ihren Standorten?
Die regulatorischen Anforderungen nehmen kontinuierlich zu. Das ist aus unserer Sicht grundsätzlich eine positive Entwicklung, weil sie den Wandel hin zu verantwortungsvollerer Produktion beschleunigt. Für uns bedeutet das vor allem, Prozesse laufend weiterzuentwickeln und bestehende Standards regelmäßig zu hinterfragen.
Da wir an unseren Standorten bereits heute auf hohe Umwelt- und Effizienzstandards setzen, sehen wir darin weniger ein Risiko als vielmehr einen klaren Rahmen, innerhalb dessen wir uns konsequent weiter verbessern können. Unternehmen, die sich frühzeitig mit ESG-Themen beschäftigen, können Veränderungen besser antizipieren und langfristig resilienter agieren. Gleichzeitig kann daraus auch ein Wettbewerbsvorteil entstehen. Wer frühzeitig Know-how und belastbare Strukturen aufbaut, kann sich schneller an neue Rahmenbedingungen anpassen.
In den vergangenen Jahren gab es zahlreiche Aussagen, die nicht immer ausreichend belegt waren. Klare Regeln erschweren es, unbegründete Umweltversprechen leichtfertig zu kommunizieren. Wir sehen regulatorische Entwicklungen daher grundsätzlich positiv, weil sie Transparenz und Vergleichbarkeit stärken. Obwohl wir aktuell nicht mehr unter die gesetzliche Berichtspflicht fallen, veröffentlichen wir im Sommer 2026 freiwillig einen ESG-Bericht, der sich an den Anforderungen der CSRD (Anm. d. Red; EU-Richtlinie „Corporate Sustainability Reporting Directive“ ) orientiert.
Auch bei Ihren Fassungen finden sich nachhaltige, sogar zirkuläre Materialien. Welche weiteren Pläne gibt es hier?
Wir beschäftigen uns intensiv mit der Weiterentwicklung alternativer Materialien und verfolgen dabei einen langfristigen Ansatz. Entscheidend ist für uns immer die Kombination aus Funktionalität, Qualität, Langlebigkeit und einem verantwortungsvolleren Ressourcen-Einsatz.
Biozirkuläre Materialien sind dabei ein wichtiger Entwicklungsschritt. Das Thema Material-Innovation wird auch in Zukunft ein zentraler Hebel bleiben, sowohl mit Blick auf Ressourcen-Einsatz als auch auf langfristige Produktqualität und Kreislauf-Fähigkeit.
Die Silhouette Group unternimmt viel im Bereich Nachhaltigkeit, wie nachdrücklich kommunizieren Sie das?
Wir kommunizieren bewusst faktenbasiert und nachvollziehbar. Unser Anspruch ist es, konkrete Maßnahmen und tatsächliche Fortschritte sichtbar zu machen, statt mit allgemeinen „grünen“ Botschaften zu arbeiten, die am Ende mehr Verwirrung stiften, als Orientierung geben.
Gerade im aktuellen regulatorischen Umfeld werden transparente und glaubwürdige Aussagen immer wichtiger. Deshalb sprechen wir möglichst konkret über Ziele, Maßnahmen und Entwicklungen und legen Wert darauf, dass unsere Kommunikation nachvollziehbar und überprüfbar bleibt.
Wir sehen Nachhaltigkeit als kontinuierlichen Prozess und sind uns bewusst, dass noch weitere Schritte vor uns liegen. Gerade deshalb ist eine transparente Kommunikation wichtig. Die Erwartungen an glaubwürdige Nachhaltigkeits-Aussagen sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Wir sind überzeugt, dass Kundinnen und Kunden nachvollziehbare Informationen schätzen – nicht nur zur Qualität unserer Fassungen und unserem ausgezeichneten Design, sondern auch zu den vielen Maßnahmen, mit denen wir unsere ESG-Strategie weiterentwickeln.
Nachhaltigkeit scheint bei Unternehmen aufgrund wirtschaftlicher Probleme und Kostenzwänge vermehrt in den Hintergrund zu treten. Wie ist Ihr Eindruck?
Ich bin der Meinung, dass manche Unternehmen aktuell stärker auf die Bremse treten – insbesondere dort, wo regulatorischer Druck weggefallen ist. Das erkennt man auch rund um die Entwicklungen bei CSRD und Omnibus (Anm. d. Red.; EU-Verfahren zur Vereinfachung der Nachhaltigkeits-Regulierung). Viele Unternehmen hinterfragen derzeit sehr genau, wie umfangreich sie ESG-Themen künftig weiterverfolgen oder kommunizieren.
Gleichzeitig beobachten wir im Markt aber keinen grundsätzlichen Rückzug, sondern eher eine Phase der Konsolidierung. Umweltschutz wird weniger als reines Marketingthema verstanden und stärker in Richtung Regulierung, Effizienz und Risikomanagement integriert.
Gerade in Europa bleibt der strukturelle Druck durch Gesetzgebung, Anforderungen der Investoren und auch Kunden-Erwartungen bestehen. Unternehmen, die in den vergangenen Jahren konsequent investiert haben, profitieren heute von diesen Strukturen, auch wenn die Kommunikation nach außen teilweise leiser geworden ist.
In einem früheren eyebizz-Interview sagten Sie: Nachhaltigkeit ist ein Thema für viele Generationen. Haben wir noch so viel Zeit?
Klimaschutz und Ressourcen-Schonung sind Themen, die weit über eine Generation hinausreichen. Gleichzeitig stehen wir vor Herausforderungen, die bereits heute spürbar sind und entschlossenes Handeln erfordern. Deshalb ist es wichtig, nicht auf die perfekte Lösung zu warten, sondern dort anzufangen, wo man selbst Einfluss nehmen kann.
Genau deshalb verfolgen wir den Ansatz der vielen kleinen Schritte. Nicht jedes Unternehmen kann sofort große Investitionen tätigen oder umfassende Transformations-Programme umsetzen. Aber jedes Unternehmen kann Verantwortung übernehmen und dort Verbesserungen anstoßen, wo es möglich ist. In Summe können diese vielen Schritte einen bedeutenden Beitrag leisten.