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75 Jahre auf eigenen Wegen

Menicon sieht im Jubiläum einen Ausgangspunkt

Ein junger Mann in Nagoya hört 1950 von einem Produkt, das er noch nie gesehen hat, und beschließt, es selbst zu entwickeln. Das ist der Anfang von Menicon. 75 Jahre später ist aus diesem Moment ein börsennotiertes Unternehmen mit rund 4.500 Mitarbeitenden geworden, das in mehr als 80 Ländern aktiv ist.

Menicon Werk Malaysia
Menicons neuer Produktionsstandort in Kulim (Malaysia) ist die zweitgrößte Produktionsstätte für Tageskontaktlinsen weltweit (Foto: Menicon)

Die Geschichte dahinter ist vom Anspruch geprägt, Antworten auf Fragen zu finden, die andere noch gar nicht gestellt haben. Der Jubiläumsslogan „Winds of Progress“ beschreibt das. Er soll nicht für einen Rückblick stehen, sondern für eine Haltung, die erklärt, warum aus einer Begegnung in einem japanischen Optikgeschäft ein internationales Unternehmen entstanden ist.  Ein Unternehmen, das Kontaktlinsen von der Materialforschung bis zur Versorgung selbst entwickelt und vertreibt.

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Kyoichi Tanaka arbeitet 1950 als 19-Jähriger im Optikgeschäft Tamamizuya in Nagoya, als ihm die Ehefrau eines US-Armeeoffiziers von Kontaktlinsen berichtet. Das Nachkriegsjapan stellt sich gerade neu auf. Importgüter sind knapp, westliche Medizinprodukte für die meisten Menschen nicht zugänglich. Gleichzeitig ist Japan bereits eines der Länder mit den höchsten Kurzsichtigkeitsraten der Welt. Eine Kontaktlinsen-Lösung gibt es damals dafür nicht.

Tanaka beschließt, daran etwas zu ändern. Ohne Vorlage und ohne Produkt zur Analyse testet er seine Prototypen an den eigenen Augen und entwickelt die erste corneale Kontaktlinse Japans. 1957 ist aus dem Forschungsprojekt bereits ein Unternehmen entstanden. Tanaka gründet die Nippon Contact Lens Co. Ltd. und bringt seine Kontaktlinse auf den Markt.

Kreativität, Originalität und der Mut zur Herausforderung sind bei Menicon seither keine Marketingbegriffe. Sie sind die Grundlage, auf der gearbeitet wird.

Gegenwind durch verändertes Anpassverhalten

In den folgenden Jahrzehnten – besonders 1970 bis Ende der 1980er – wächst Menicon zu einem anerkannten Hersteller formstabiler Kontaktlinsen und entwickelt Japans erste sauerstoffdurchlässige Kontaktlinse. Sie ermöglicht es erstmals, Kontaktlinsen länger und gesünder zu tragen. Dann ändert sich der Markt. Japans Wirtschaftsblase platzt Anfang der 1990er-Jahre und zieht das Land in ein jahrzehntelanges Konjunkturtief. Gleichzeitig drängen internationale Hersteller mit Einmal- und Austauschlinsen in den Markt, ein Segment, das das Anpassverhalten innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert. Für ein Unternehmen, dessen Stärke in der formstabilen und individuellen Versorgung liegt, bedeutet das strukturellen Gegenwind.

Als Kyoichi Tanakas Sohn Hidenari im Jahr 2000 die Unternehmensführung übernimmt, ist das Geschäftsumfeld schwierig und die Zahlen sind rückläufig. Seine Antwort aber ist kein Sparprogramm, sondern ein vollständig neues Vertriebsmodell. Der „MELS-Plan“ wird 2001 eingeführt, lange bevor Abonnement-Modelle in anderen Branchen Normalität sind: er zählt heute allein in Japan 1,34 Millionen Mitglieder. Durch mutige Managementreformen gelingt eine bemerkenswerte Wende, an deren Ende die Börsennotierung steht.

Im April 2025 zieht sich Hidenari Tanaka aus der operativen Führung zurück und übernimmt die Rolle des Ehrenvorsitzenden. Damit endete nach 74 Jahren die Familienführung, genau ein Jahr vor dem 75. Jubiläum. Noch ein Jahr zuvor verstarb der Gründer, dessen Unternehmensaufbau der Sohn in der Krise bewahrte, indem er erneut einen Weg einschlug, den andere nicht gegangen waren.

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Bastian Riebold im Interview

„Der Markt wächst nicht, weil ein Unternehmen Marktanteile gewinnt“

Bastian Riebold ist seit 2010 bei Menicon tätig und seit 2021 Geschäftsführer von Menicon DACH. Vor seinem Eintritt in das Unternehmen war er in verschiedenen Positionen als Augenoptikermeister im In- und Ausland aktiv. Zu Menicon fand er durch seine Begeisterung für formstabile Kontaktlinsen. Diese persönliche Erfahrung prägt seinen Blick auf die Kontaktlinsenbranche und die Bedürfnisse von Anwendern bis heute – wie er eyebizz im Interview erzählt.

Bastian Riebold Geschäftsführer Menicon DACH
Bastian Riebold, Geschäftsführer Menicon DACH (Foto: Menicon)

eyebizz: 75 Jahre Menicon stehen unter dem Motto „Winds of Progress“. Wenn Sie heute auf Menicon blicken: Was beschreibt dieser Gedanke aus Ihrer Sicht am treffendsten?

Bastian Riebold: Für mich beschreibt es die Bereitschaft, in Bewegung zu bleiben. Menicon hat sich über Jahrzehnte dadurch ausgezeichnet, offen für neue Entwicklungen zu bleiben. Der Wind steht für Veränderung. Wenn ich auf die Geschichte des Unternehmens schaue, sehe ich immer wieder Menschen, die bereit waren, neue Fragen zu stellen, statt sich mit bestehenden Antworten zufrieden zu geben. Genau deshalb wirkt Menicon nach 75 Jahren für mich nicht wie ein Unternehmen, das seine Geschichte verwaltet, sondern wie eines, das weiterhin nach vorne schaut.

Menicon hat immer wieder bewusst eigene Wege eingeschlagen, statt bestehende Lösungen zu übernehmen. Wie zeigt sich dieser Anspruch heute im Alltag eines globalen Unternehmens?

Oft wird dieses Bild missverstanden. Es bedeutet nicht, anders sein zu wollen, nur um anders zu sein. Für mich bedeutet es, Herausforderungen aus einer eigenen Perspektive heraus zu betrachten. Wenn wir über neue Entwicklungen sprechen, lautet die erste Frage nicht: Was machen die anderen? Sondern: Welches Problem wollen wir eigentlich lösen? Manchmal führt das dazu, dass wir andere Wege gehen oder länger brauchen. Aber genau daraus entstehen oft die Ideen, die langfristig relevant bleiben. Nicht dem Markt hinterherzulaufen, sondern zu verstehen, was Menschen wirklich brauchen.

Gerade in unserem Markt geht es darum, nachhaltige Strukturen zu schaffen, von denen alle Beteiligten profitieren. Unser Ziel ist es, ein langfristig tragfähiges Kontaktlinsengeschäft zu entwickeln, bei dem Kontaktlinsenträger durch eine qualifizierte Anpassung und kontinuierliche Betreuung optimal versorgt werden. Gleichzeitig müssen Augenoptiker und Anpasser ein wirtschaftlich attraktives Geschäftsmodell vorfinden. Nur wenn beides zusammenkommt – hoher Nutzen für die Trägerinnen und Träger und nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg für die Anpasser – kann der Markt langfristig wachsen und sich gesund weiterentwickeln.

Menicon spricht häufig darüber, den Kontaktlinsenmarkt weiterzuentwickeln. Welche Rolle spielen Augenoptiker und Augenoptikerinnen dabei?

Eine zentrale. Der Markt wächst nicht, weil ein Unternehmen Marktanteile gewinnt. Er wächst, wenn mehr Menschen positive Erfahrungen mit Kontaktlinsen machen und langfristig dabeibleiben. Deshalb sehe ich Augenoptikerinnen und Augenoptiker nicht in erster Linie als Vertriebspartner. Sie sind Beraterinnen, Vertrauenspersonen und Unternehmer. Ich habe selbst als Augenoptiker gearbeitet und weiß, wie viel Einfluss ein gutes Beratungsgespräch haben kann. Menschen bleiben selten wegen eines Produkts. Sie bleiben, weil sie Vertrauen haben. Genau deshalb steht bei uns gar nicht zwingend im Vordergrund, dass die Konsumenten Menicon kennen müssen. Viel wichtiger ist, dass Augenoptiker ihre Kunden langfristig und erfolgreich begleiten. Wenn das gelingt, profitieren am Ende alle Beteiligten.

Menicon ist seit 1988 in der DACH-Region aktiv. Wie hat sich das Unternehmen hier entwickelt, was macht Menicon DACH heute aus?

Wir haben 1988 mit dreizehn Mitarbeitern, einem Büro in Offenbach und zwei Produkten begonnen. Seitdem hat sich Menicon in der DACH-Region zu einem Komplettanbieter entwickelt, der heute Lösungen für nahezu jede Fehlsichtigkeit anbietet. Ein wichtiger Meilenstein war die Gründung der Menicon SC GmbH im Jahr 2025. Unter der Leitung von Nikolaos Balauras werden Supply Chain und Logistik für Europa seitdem in einem eigenständigen Unternehmen gebündelt. Dadurch kann sich die Menicon GmbH noch stärker auf ihre zen-trale Aufgabe konzentrieren: den Fachhandel in der DACH-Region zu unterstützen und gemeinsam mit seinen Partnern den Kontaktlinsenmarkt nachhaltig weiterzuentwickeln.

Menicon gibt den Teams in den einzelnen Märkten vergleichsweise viel Freiheit. Warum ist dieser lokale Gestaltungsspielraum gerade in der DACH-Region so wichtig?

Weil jeder Markt anders funktioniert. Zwar teilen wir bei Menicon dieselben Werte und Ziele, die Realität in der DACH-Region unterscheidet sich jedoch deutlich von anderen Teilen der Welt. Während Kontaktlinsen in vielen asiatischen Märkten selbstverständlich zum Alltag gehören, begegnen viele Menschen ihnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch mit Zurückhaltung. Deshalb lassen sich erfolgreiche Konzepte nicht einfach übertragen.

Myopie-Management gilt als eines der großen Zukunftsthemen der Branche. Gleichzeitig verläuft gerade bei uns die Entwicklung in der Praxis oft langsamer, als viele erwartet haben. Wie blicken Sie auf die aktuelle Situation?

Die Aufmerksamkeit für das Thema ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Das ist eine gute Entwicklung. Doch während beispielsweise in Asien Myopie-Management längst Alltag ist, diskutieren wir in DACH noch zu oft, ob es überhaupt zum Aufgabenbereich des Augenoptikers gehört. Viele Eltern suchen Orientierung. Viele Kinder könnten von einer frühen Versorgung profitieren. Dafür braucht es Menschen, die das Thema aktiv ansprechen und begleiten. Die Produkte sind da, doch ohne Begeisterung für Kontaktlinsen wird niemand mit Überzeugung Kindern Kontaktlinsen anpassen. Deshalb bin ich überzeugt, dass die langfristige Entwicklung vor allem von Aufklärung, Erfahrung und Engagement im Fachhandel abhängt.

Wenn Sie an die nächsten 25 Jahre denken: Wohin trägt der Wind Menicon als Nächstes?

In Richtungen, die wir heute noch gar nicht kennen. Genau das hat Menicon seit jeher ausgezeichnet: die Bereitschaft, Neues zu wagen und Zukunft aktiv mitzugestalten. Wir erleben aktuell einen enormen technologischen Wandel. Künstliche Intelligenz, digitale Prozesse und neue medizinische Möglichkeiten werden unsere Branche nachhaltig verändern. Für mich bedeutet das nicht, abzuwarten, sondern neugierig zu bleiben, Chancen früh zu erkennen und den Mut zu haben, neue Wege auszuprobieren. Genau dafür steht „Winds of Progress“.

Eine besondere Stärke von Menicon ist, dass wir nahezu die gesamte Wertschöpfung selbst abdecken – von der Materialentwicklung über das Linsendesign und die Produktion bis hin zur Versorgung der Kontaktlinsenträger. Das gibt uns die Freiheit, Innovationen voranzutreiben und an Technologien zu arbeiten, die heute noch wie Zukunftsmusik klingen. Deshalb blicke ich optimistisch nach vorn. Herausforderungen wird es immer geben. Entscheidend ist, wie wir ihnen begegnen. Wenn wir unsere Neugier bewahren und bereit bleiben, neue Antworten auf neue Fragen zu finden, bin ich überzeugt, dass die spannendsten Kapitel von Menicon noch vor uns liegen.

 

Investitionen in die Zukunft

Das 75. Jubiläum versteht Menicon nicht als Ziel, sondern als Ausgangspunkt. Die nächsten 25 Jahre sollen das einlösen, was die vergangenen aufgebaut haben. Mit dem neuen Werk in Malaysia, das im Februar dieses Jahres eröffnet wurde, hat Menicon die größte eigene Produktionsstätte für Kontaktlinsen in Betrieb genommen. Die neue Anlage ist mit einer Investition von über 215 Millionen Euro weltweit der modernste und zukunftsfähigste Produktionsstandort von Menicon. Das Unternehmen setzt damit nach eigenen Angaben einen klaren Fokus auf den wachsenden Markt der Tages­kontaktlinsen und vergisst gleichzeitig nicht den eigenen Ursprung. Denn auch formstabile und individuell gefertigte Kontaktlinsen sollen ein Kernbereich des Unternehmens bleiben.

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Laura Hanenberg  ist Optometristin (M.Sc.) und freie Trainerin mit Spezialisierung auf Kinderoptometrie, Screening und Kontaktlinsen. Für eyebizz ist sie freie Autorin und für partnerauge setzt sie eLearnings und Weiterbildungswebinare um.

 

Artikel aus der eyebizz 4.2026 (Juli/August)