Erstes Halbjahr 2017

Marktgeschehen: Tief im Westen

Es geht nicht nur um das Ruhrgebiet. Die jüngsten Zahlen aus dem Hause Euronet (Frechen) zum Marktgeschehen konstatieren für Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland stürmischere Zeiten. Im Klartext heißt das: im Trend sinkende Preise, zurückgehende Stückzahlen, älter werdende Kundschaft.

eyebizz: Euronet - Marktgeschehen - Grafik 1
Marktgeschehen Grafik 1

Euronet erhebt seit 2001 Auftragsdaten von derzeit 393 mittelständischen augenoptischen Betrieben. Die Zahlen beruhen auf den Käufen von rund 3,3 Mio. fehlsichtigen Kunden, entsprechen 9,5 Mio. Brillenaufträgen über rund 6,3 Mio. Fassungen und 15,4 Mio. verkaufter Gläser. Ein Datenpotenzial, das für die Einschätzung des Marktgeschehens für unabhängige Augenoptiker Trends liefert, die zu kennen sich lohnt.

Neben den hier in den Infokästen dokumentierten größeren Entwicklungstrends wirft die eyebizz-Redaktion einen genaueren Blick auf die kleineren und mittleren Betriebe sowie auf regionale Unterschiede, die Euronet Market Research beobachtet hat.

Grundlegendes

Während sich der Absatz in den Jahren 2012 bis 2016 relativ konstant entwickelt, steigen die Preise bei Fassungen von 124,15 auf 134,90 Euro (+8,7 %), beim Glas von 127,26 auf 145,91 Euro (+14,7 %) und bei kompletten Brillen von 399,15 auf 453 Euro (+13,5 %). Insgesamt klettert der Umsatz von 341.245 auf 386.547 Euro (+ 13,3 %). Der durchschnittliche Betrieb, so Euronet, verzeichnet 2016 im Vergleich zu 2015 ein Umsatzplus von 1,9%, jedoch ein Auftragsminus von 0,8%.

Alarmierend ist die Schere, die sich zwischen den einzelnen Kandidaten auftut: Über die Hälfte der Betriebe bekommt kein Stück vom Kuchen, nimmt gar nicht an dem Plus teil. „Top-Performer“ und „bessere Betriebe“ bewegen sich über dem Marktdurchschnitt, während andere kein Plus eintreiben. Die Schere geht also eindeutig auseinander (Grafik 1). Fast die Hälfte (44%) hat sogar weniger in der Kasse als im Vorjahr (2015).

Während Auswirkungen von Umsatz- und Größenklassen von Fachgeschäften auf das Ergebnis in der kommenden eyebizz betrachtet werden, werden hier im Folgenden die regionalen Unterschiede fokussiert.

eyebizz: Euronet - Marktgeschehen - Grafik 2
Marktgeschehen Grafik 2

Die Regionen

Im Süden (Baden-Württemberg und Bayern) greifen die Endverbraucher tiefer ins Portemonnaie, wenn sie sich ein neues Nasenfahrrad gönnen (Grafik 2). 487,84 Euro stehen 408,36 im Osten und 435,82 Euro im Westen gegenüber. Im Durchschnitt werden Brillen für einen Betrag von 452,68 Euro verkauft. Alarmierend dürfte für den Westen insbesondere der Verlust der Kundschaft wirken: Waren es 2012 noch 794 Brillenkunden, sank die Zahl um 8,8 % auf 742. Während die Umsätze von Nord nach Süd die Tendenz nach oben zeigen, flacht die Kurve im Westen stark ab (Grafik 3): Die Kundenverluste können nicht mehr durch höherwertiges Verkaufen und Mehrverkäufe an die treu gebliebenen Kunden kompensiert werden.

eyebizz: Euronet - Marktgeschehen - Grafik 3
Marktgeschehen Grafik 3

Dass junge Menschen oft wegen mangelnder Arbeitsplätze die östlichen Gefilde Deutschlands verließen, ist nichts Neues. Dass der Trend zur älter werdenden Gesellschaft schon jetzt relativ deutlich am Kundenalter abzulesen ist, mag erstaunen. Das Durchschnittsalter der Kunden liegt bei den Euronet-Betrieben bei rund 45,4 Jahren, im Osten bei 47,8, im Westen bei 46,5 (Grafik 4).

eyebizz: Euronet - Marktgeschehen - Grafik 4
Marktgeschehen Grafik 4

Der Trend mag sich positiv interpretieren lassen, weil jetzt mehr Gleitsichtkunden ins Geschäft kommen. Auf Dauer wird sich dieser Kundenstamm jedoch ausdünnen, wenn es bei der Entwicklung bleibt. Verblüffend, so kommentierte Stephan Schenk als Leiter der euronet Marktforschung, sei auch das geringere Durchschnittsalter im Süden: „Eine mögliche Erklärung: In den hoch technologischen Industrieunternehmen im Süden fallen Sehschwächen bei den Arbeitnehmern sofort auf und werden entsprechend frühzeitiger korrigiert.“

Der Westen jedenfalls braucht mehr Grönemeyer. Dann heißt es wieder: „Tief im Westen ist es besser, als man glaubt“. Glück auf!

||| CH

 

Zu den Grafiken: Alle hier angegebenen Zahlen zum Marktgeschehen verstehen sich brutto und beziehen sich auf den Zeitraum bis einschließlich Mai 2017.


Die Schere geht auseinander

Ergebnisse Marktgeschehen von euronet von Jahresbeginn bis Mai 2017

Der Endverbraucher

  • Ab dem Kundenalter von 45 Jahren schlagen demografische Entwicklungen voll auf die Branche durch.
  • Der Durchschnittskunde wird tendenziell immer älter.
  • Den größten Zuwachs verzeichnen die „Babyboomer“.
  • Rund ein Prozent seiner Kunden verliert ein mittelständischer Betrieb pro Jahr.
  • Der Kundenverlust kann (schon jetzt) zum Teil nur durch Mehrverkäufe kompensiert werden.
  • Der Stammkundenanteil wächst leicht aber kontinuierlich und liegt derzeit bei rund zwei Drittel.
  • Frauen kaufen mehr Brillen und höherwertige Brillengläser als Männer.

Der Augenoptiker

  • Betriebe kompensieren fehlende Stückzahlen durch höherwertige Verkäufe.
  • Der Westen entwickelt sich zum „Sorgenkind“.
  • Kleine Betriebe – unter 250.000 Euro Umsatz – performen gut.
  • Mittlere Betriebe (375.000 bis 750.000 Euro Umsatz) haben Probleme.(dazu mehr in der kommenden eyebizz 6).
  • Betriebe in ländlichen Regionen kämpfen mit Kunden- und Absatzverlusten.
  • Kaum Differenzen der Kundenzahl nach Lage; aber zentral gelegene Betriebe haben einen höheren Absatz bei höheren Preisen.
  • Mehrverkäufe korrelieren positiv mit der Größe der Betriebe und der Zentralität der Lage.

Der Brillenglas-Markt

  • Die Bedeutung von Gleitsichtgläsern wächst.
  • Gleitsichtgläser über 500 Euro verzeichnen starken Umsatzzuwachs.
  • Die Preise von Sonnenschutz-Gläsern bewegen sich antizyklisch.
  • Office-Gläser entwickeln sich gut.

Der Fassungsmarkt

  • Kunststoff überholt Metall, Natur entwickelt sich in der Nische.
  • Hochwertige Fassungen über 300 Euro legen zu.
  • Trendumkehr zu kleineren Brillen?
  • Metall wird vorwiegend von Älteren getragen.

 

Branchenzahlen: 1. Halbjahr 2017, Quelle: euronet, Frechen

 

Redaktion
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