Die Entwicklung der „Panorama“-Gläser

Silhouette: Das neue Gleitsichtglasdesign

Fassungen und Brillengläser aus einer Hand: Diesen Trend spürte die eyebizz-Redaktion Anfang des Jahres auf der opti auf. Neben anderen Mitbewerbern startete Silhouette aus Linz mit dem neuen Ansatz. Prof. Dr. Peter Baumbach von der Hochschule Aalen, einer der führenden Kapazitäten im Bereich der Entwicklung von individuellen und personalisierten Brillengläsern, schreibt hier exklusiv über die Entwicklung von „Silhouette Panorama“.

Im Juli 2015 hörte ich zum ersten Mal, dass ein bekannter Fassungshersteller beabsichtigt, in naher Zukunft auch Brillengläser herzustellen. Anfang September habe ich dann für diesen Fassungshersteller einen Workshop mit dem Thema „State of the Art Gleitsichtglasdesign“ gegeben. Es handelte sich um die österreichische Firma Silhouette International Schmied AG, die an ihrem Hauptsitz in Linz plante, zusammen mit der Firma Schneider GmbH & Co. KG aus Fronhausen ein hochmodernes Werk für die Fertigung von eigenen Brillengläsern aufzubauen. Im Verlauf des intensiven und spannenden Workshops mit Silhouette entstand der Wunsch nach einer Zusammenarbeit für die gemeinsame Entwicklung eines neuartigen Gleitsichtglasdesigns, das insbesondere für die Randlosbrillen von Silhouette optimiert sein würde.

In einem zweiten Workshop im März 2016 wurden die Parameter für die Gleitsichtglasentwicklung festgelegt, während parallel dazu die Baugrube für das neue Werk in Linz ausgehoben wurde. Im Laufe von wenigen Monaten nahm das neue „LENS LAB“ seine prägnante äußere Gestalt an und wurde ab August sukzessive von der Firma Schneider mit Maschinen ausgestattet, im letzten Quartal 2016 begann die Probefertigung. Das neue ganzheitliche Konzept aus Fassung und Brillenglas wurde erstmals auf der opti 2017 präsentiert.

Philosophie-Transfer von der Fassung zum Glasdesign

In der Vorbereitung auf den ersten Workshop fand ich einige bemerkenswerte Sätze auf der Webseite „Inside Silhouette“, die damals ausschließlich auf die Fassungen von Silhouette bezogen waren: „Schönheit basiert auf Harmonie. Und auf selbstbewusster Individualität. Silhouette Brillen bilden eine vollkommene Einheit mit dem Träger und bringen so dessen individuelle Schönheit und starke Persönlichkeit zum Strahlen“. Mir schien es nicht nur naheliegend, sondern notwendig, diese Leitsätze stringent auf das optische Design der zu entwickelnden Brillengläser zu übertragen.

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Entwicklungskriterien des Silhouette-Gleitsichtglases

Harmonie als zentrales Thema

„Schönheit basiert auf Harmonie“: Dieser Satz mag universell gelten; auch im Design der neuen Silhouette-Gleitsichtgläser wird eine besondere optische Harmonie angestrebt. Neuartige stabile mathematische Algorithmen berücksichtigen die ausgewählte Fassungsform und positionieren die unterschiedlichen Sehfelder Ferne, Mitte und Nähe innerhalb dieser Form ausgewogen zueinander und erzeugen dabei harmonische Übergänge bis in den Randbereich. Unerwünschte Änderungen der Korrektionswerte werden auf diese Weise genauso wie die Raumverzerrungen minimiert, denn sie könnten den Brillenträger stören, insbesondere in der Eingewöhnungsphase, aber auch in vielen Situationen des Alltags.

Ein weiterer Aspekt optischer Harmonie besteht darin, die beiden Gläser der Brille besonders gut aufeinander abzustimmen und so geringste binokulare Imbalanzen über einen möglichst großen Bereich innerhalb der Fassung anzustreben. Zudem sind stabile Sehzonen und harmonische Übergänge nicht nur gut für unangestrengtes ermüdungsfreies Sehen, sondern sie begrenzen auch die Anforderungen an die Dynamik der Maschinen und tragen so zu einer besonders hohen Präzision in der Fertigung der neuen Silhouette-Brillengläser bei.

Geometrische Dimension

Das Wort „Harmonie“ gewinnt bei Silhouette-Brillengläsern zusätzlich eine geometrische Dimension. In der Praxis kommt es häufig vor, dass Brillenfassungen aufgrund ihrer natürlichen Durchbiegung und Anpassung an die Gesichtsform eine bestimmte Basiskurve verlangen, die von einem Brillenglashersteller jedoch nicht geliefert wird oder werden kann. Dann passiert es nicht selten, dass sich zum einen die Fassung nach der Montage der Brillengläser aufbiegt und nicht mehr schön im Gesicht aussieht, und zum anderen der zuvor gemessene Fassungsscheibenwinkel nicht mehr stimmt und womöglich die Facette des Brillenglases nach einiger Zeit oben oder unten aus der Kunststofffassung hervortritt.

Geometrische Harmonie ist dann gegeben, wenn die Basiskurve des Brillenglases perfekt auf die Fassungsdurchbiegung und diese wiederum perfekt auf die Gesichtsform abgestimmt ist, wie dies bei Silhouette-Fassungen durchgängig der Fall ist. Unangenehme optische Überraschungen können so vermieden werden, wenn statt der Stützscheibe, mit deren Hilfe die Messung der Individualparameter am Kunden erfolgte, die eigentlichen Brillengläser eingesetzt werden. Ein weiteres Feature, das die geometrische Harmonie für den Brillenträger sichtbar macht, sind die sehr geringen Randdicken der neuen Brillengläser, die zudem im oberen und unteren Randbereich der Fassung einander angeglichen werden.

Besondere Bearbeitung des Randbereiches

Schließlich lässt sich für das Wort „Harmonie“ auch eine Bedeutung in der Ästhetik der Brille ableiten. Die eigens für die Silhouette-Brillengläser und -Fassungen von Schneider entwickelte neue Entspiegelung ist nicht nur äußerst reflexarm und pflegeleicht, sondern passt mit ihrer zarten Restreflexfarbe sehr gut zu den extrem leichten Fassungen. Auch die Randbearbeitung der neuen Brillengläser wurde von Schneider speziell auf die randlosen Fassungen von Silhouette abgestimmt und führt zu einem besonders fein polierten, matt schimmernden Randbereich, der sehr dezent aussieht und den Ton der Haut oder der Umgebung annimmt sowie störende Reflexe für den Brillenträger nahezu vollkommen unterdrückt. So lenkt nichts von den Augen des Brillenträgers ab und kann dessen „Persönlichkeit zum Strahlen“ bringen, eine gewisse Aufgeschlossenheit vorausgesetzt. Dazu trägt auch das eigens ausgewählte Kunststoffmaterial durch seine sehr hohe Transparenz bei. Es bietet mit der Entspiegelung zusammen einen hervorragenden Schutz vor schädigender Strahlung, ohne seinen absolut neutralen Ton zu verlieren.

„Selbstbewusste Individualität“ bedeutet, auf das Brillenglas übertragen, die Anpassung der Optimierung an individuelle Trägerdaten wie die optische Wirkung, den Pupillenabstand, die Einschleifhöhe, die Progressionslänge, die Vorneigung, den Fassungsscheibenwinkel, den Hornhautscheitelabstand und die Nahsehentfernung. Der Fassungsscheibenwinkel muss bei Silhouette-Brillen übrigens nicht gemessen werden, da alle relevanten Daten bekannt sind.

Durch die vielen einzelnen Optimierungsschritte, die nur möglich sind, weil Brillenglas und Fassung eine unzertrennliche Einheit bilden, können die Brillen von Silhouette schließlich eine „vollkommene Einheit mit dem Träger“ bieten. Ergebnisse aus Trageversuchen belegen das; manche Brillenträger vergessen sogar, dass sie überhaupt eine Gleitsichtbrille tragen. Auch die Schönheit von Brillengläsern basiert eben auf Harmonie, auf der bestmöglichen Feinabstimmung von Sehen, Aussehen und Tragekomfort.

 

Professor Dr. Peter Baumbach
arbeitete nach dem Studium der Physik 1991 bis 2002 als Leiter der Abteilungen Physiologische Optik und Grundlagen Brillenoptik bei Rodenstock. 2002 wechselte er als Professor für den Studiengang Augenoptik an die Hochschule Aalen. Seit 2013 ist er dort als Studiendekan für den Masterstudiengang Augenoptik und Psychophysik verantwortlich. Baumbach lebt in München.

 

Redaktion
Ein Kommentar zu “Silhouette: Das neue Gleitsichtglasdesign”
  1. Peter Cordes

    Sehr Interessant, jetzt wünsche ich mir noch Vergleiche mit alternativ Gleitsichtgläsern.

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